Wie Eichen ihre Fressfeinde austricksen
Sie verschieben im folgenden Frühjahr ihren Blattaustrieb – und bringen damit ihre Fressfeinde in Bedrängnis.
Das zeigt eine internationale Studie unter Leitung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, die im Fachjournal Nature Ecology & Evolution veröffentlicht wurde.
Im Frühjahr schlüpfen viele Insekten genau zu dem Zeitpunkt, an dem junge Blätter besonders nahrhaft und leicht verdaulich sind. Für Raupen ist das normalerweise ein perfektes Timing. Doch Eichen können dieses Zusammenspiel gezielt stören.
Wurden sie im Vorjahr stark von Raupen befallen, treiben sie ihre Blätter im nächsten Frühjahr im Schnitt drei Tage später aus. Für die frisch geschlüpften Insekten hat das drastische Folgen: Sie finden zunächst keine Nahrung, weil die Blätter noch in den Knospen verborgen sind.
Diese kurze Verzögerung hat große Wirkung. Die Überlebensrate der Raupen sinkt deutlich, und der Fraßschaden an den Bäumen reduziert sich um rund 55 Prozent.
„Diese Verzögerung ist für die Eiche effizienter als eine chemische Verteidigung, etwa durch Gerbstoffe“, erklärt Soumen Mallick, Erstautor der Studie. Denn die Produktion solcher Abwehrstoffe kostet den Baum viel Energie.
Die Entdeckung stellt das bisherige Verständnis vom Frühling im Wald infrage. „Bäume reagieren nicht nur passiv auf das Wetter, sondern auch aktiv auf biologische Gefahren“, so Mallick.
Um diesen Mechanismus nachzuweisen, nutzte das Forschungsteam moderne Methoden der Fernerkundung. Mithilfe von Daten der Sentinel-1-Mission wurde ein rund 2.400 Quadratkilometer großes Gebiet in Unterfranken über mehrere Jahre hinweg beobachtet.
Die Radarsatelliten liefern selbst bei dichter Bewölkung präzise Informationen über den Zustand der Baumkronen. Insgesamt werteten die Forschenden mehr als 137.000 Einzelbeobachtungen aus den Jahren 2017 bis 2021 aus.
Besonders aufschlussreich war das Jahr 2019, als es zu einem massiven Ausbruch des Schwammspinner kam. „Wir konnten genau sehen, welche Bäume kahlgefressen wurden und wie sie im Jahr darauf reagierten“, sagt Jörg Müller.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich Bäume in einem ständigen Anpassungsprozess befinden. Steigende Temperaturen durch den Klimawandel begünstigen eigentlich einen früheren Blattaustrieb. Gleichzeitig zwingt der Druck durch Insektenfraß die Bäume dazu, vorsichtiger zu agieren.
Ein Vorteil dieser Strategie: Sie ist flexibel. Eichen verzögern ihren Austrieb nur dann, wenn tatsächlich ein starker Befall stattgefunden hat. Dadurch können sich die Insekten nicht dauerhaft darauf einstellen.
Für Andreas Prinzing ist das ein Beispiel für die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen: „Dieses Zusammenspiel zeigt, wie widerstandsfähig Wälder auf Veränderungen reagieren können.“
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse für den Naturschutz und die Modellierung von Waldökosystemen. Bisherige Modelle berücksichtigen oft vor allem klimatische Faktoren – biologische Wechselwirkungen wie die zwischen Bäumen und Insekten bleiben häufig außen vor.
Dabei zeigt sich: Der Wald ist kein statisches System, sondern ein komplexes Geflecht aus Wechselwirkungen. Und manchmal reicht schon eine kleine zeitliche Verschiebung, um das Gleichgewicht entscheidend zu verändern.
Satellite data show trees delay budburst across landscapes to escape herbivores. Soumen Mallick et al., Nature Ecology & Evolution, 1. Mai 2026, DOI 10.1038/s41559-026-03071-9