Werkbundsiedlung: Architekturgeschichte trifft Klimaschutz
Die fünf Objekte in der Veitingergasse 71, 77 und 83, im Engelbrechtweg 11 sowie in der Jagdschlossgasse 72 wurden von namhaften Architekten der Moderne entworfen: Hugo Häring, Richard Bauer, Josef Hoffmann, Anton Brenner und Otto Breuer. Sie sind Teil eines einzigartigen Ensembles, das 1932 unter der federführenden Leitung von Josef Frank als internationale Mustersiedlung errichtet wurde.
Sanieren statt Ersetzen
Die Werkbundsiedlung umfasst ursprünglich 70 Häuser, die von österreichischen und internationalen Architekten gestaltet wurden. Seit 2011 wird das Ensemble schrittweise saniert. Ziel ist es, die historische Substanz und das charakteristische Erscheinungsbild der Gebäude zu erhalten und zugleich zeitgemäße Wohnstandards zu schaffen.
Im Mittelpunkt der aktuellen Sanierung standen neben der Bestandssicherung und der Wiederherstellung des historischen Erscheinungsbilds vor allem die thermische Verbesserung und die Dekarbonisierung der Gebäude. In den fünf nun sanierten, zuvor unbewohnten Häusern wurde die bisherige Gasversorgung vollständig ersetzt.
Zum Einsatz kommt Erdwärme: In den Gärten wurden jeweils zwei bis drei Tiefenbohrungen mit einer Tiefe von rund 120 bis 150 Metern gesetzt. Über ein Sole-Wasser-System wird die gewonnene Wärme in die Gebäude transportiert. Die Wärmeverteilung erfolgt über eine Bauteilaktivierung beziehungsweise Deckenheizung und wird teilweise durch gebläseunterstützte Heizkörper ergänzt. Ein weiterer Vorteil der Geothermie: In Hitzeperioden kann das System auch zur Kühlung genutzt werden.
Ergänzt wird das Energiekonzept durch Photovoltaik mit Hochleistungszellen und Batteriespeicher. Die Anlagen wurden unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Anforderungen umgesetzt.
Denkmalschutz und Klimaschutz gemeinsam denken
Für die WISEG, die Wiener Substanzerhaltungsgesellschaft, die 49 der Architekturunikate im Eigentum hat, sind Denkmal- und Klimaschutz kein Gegensatz. Vielmehr soll die Kombination aus behutsamer Sanierung und erneuerbarer Energieversorgung sicherstellen, dass die historischen Gebäude auch langfristig als Wohnraum genutzt werden können.
„Mit der behutsamen Sanierung sichern wir die historische Substanz, mit dem Umstieg auf Erdwärme führen wir sie zugleich in eine klimaneutrale Zukunft“, betont die WISEG-Geschäftsführung Angelika Flatz und Alexander Hießböck. Die Häuser sollen damit nicht zu musealen Objekten werden, sondern als zeitgemäßer und lebendiger Wohnraum erhalten bleiben.
Auch aus Sicht der Wiener Stadtpolitik zeigt das Projekt, dass die Dekarbonisierung des Gebäudesektors nicht auf Neubauten beschränkt sein muss. Gerade im historischen Gebäudebestand liege ein großes Potenzial für energetische Verbesserungen und den Umstieg auf erneuerbare Energiesysteme.
Historische Häuser werden wieder bewohnt
Mit der Fertigstellung der aktuellen Sanierungsetappe beginnt nun die Vergabe der fünf Häuser. Vier der fünf Objekte können bereits online vorgemerkt werden. Die Häuser werden unbefristet und provisionsfrei zur Miete angeboten.
Damit schließt sich ein Kreis: Die Werkbundsiedlung wurde einst als visionäres Experiment des modernen Wohnens geschaffen. Fast ein Jahrhundert später wird dieses architektonische Erbe nicht nur bewahrt, sondern mit zeitgemäßer Gebäudetechnik und erneuerbarer Energie für die Zukunft gerüstet.
Die Sanierung zeigt exemplarisch, welches Potenzial in der Verbindung von Denkmalschutz, Bestandssanierung und Dekarbonisierung steckt. Historische Architektur muss demnach kein Hindernis für die Energiewende sein – vorausgesetzt, Sanierung und technische Modernisierung werden sensibel auf die Besonderheiten des Bestands abgestimmt.