Wenn die Bäche verstummen: Oberösterreichs Gewässer kämpfen gegen Hitze und Trockenheit
Die Klimakrise wird in Oberösterreich nicht nur auf Thermometern und Wetterkarten sichtbar. Sie zeigt sich zunehmend direkt in der Landschaft. Flüsse und Bäche führen vielerorts nur noch wenig Wasser, manche Gewässer trocknen abschnittsweise sogar vollständig aus.
Bei einem Lokalaugenschein an der Gusen in Langenstein machte Oberösterreichs Umwelt- und Klima-Landesrat Stefan Kaineder auf die dramatische Entwicklung aufmerksam. Der Fluss, der für die Region eine wichtige Lebensader ist, führt derzeit stellenweise nur noch einen Bruchteil seiner üblichen Wassermenge.
„Was wir hier an der Gusen sehen, ist kein vorübergehendes Wetterphänomen. Das ist die Klimakrise, die ganz real vor unserer Haustür steht“, sagt Kaineder. Das Austrocknen von Bächen bedeute nicht nur einen Verlust für die Landschaft. Auch Lebensräume für Fische, Pflanzen und zahlreiche andere Organismen geraten unter Druck.
Fast alle Gewässer von Niederwasser betroffen
Die derzeitige Situation ist in Oberösterreich weit verbreitet. Fast alle Gewässer führen Niederwasser oder sind zumindest abschnittsweise trocken.
An der Gusen wird besonders deutlich, welche Folgen das haben kann. Sinkt der Wasserstand stark ab, bleiben einzelne Wasserstellen oder kleine Tümpel zurück. Fische können darin eingeschlossen werden und nicht mehr in tiefere, kühlere Gewässerbereiche ausweichen.
Gleichzeitig erwärmt sich das wenige Wasser bei sommerlicher Hitze besonders schnell. In der Gusen wurden Temperaturen von bis zu 24 Grad Celsius gemessen. Mit steigender Wassertemperatur sinkt der Sauerstoffgehalt, was für Fische und andere Wasserorganismen lebensbedrohlich werden kann.
Auch Pflanzen leiden unter dem Wassermangel. Sinkende Wasserstände verändern die Lebensräume entlang des Gewässers und können empfindliche Arten verdrängen. Gleichzeitig verschlechtert sich bei geringer Wasserführung die Wasserqualität: Nährstoffe und Schadstoffe werden weniger stark verdünnt, die natürliche Selbstreinigungskraft des Gewässers nimmt ab.
Flüsse brauchen Platz und Schatten
Die Folgen der Trockenheit lassen sich nicht vollständig verhindern. Doch Gewässer können widerstandsfähiger gemacht werden.
Das Land Oberösterreich und der Bund fördern deshalb unter anderem Renaturierungsmaßnahmen und die Bepflanzung von Uferbereichen. Bäume und Sträucher entlang der Flüsse erfüllen dabei eine wichtige Funktion: Sie spenden Schatten, reduzieren die direkte Sonneneinstrahlung und helfen dadurch, die Wassertemperatur niedrig zu halten.
Auch die Durchgängigkeit der Gewässer ist entscheidend. Fische müssen die Möglichkeit haben, in tiefere oder kühlere Bereiche auszuweichen. Werden Flüsse durch Hindernisse oder bauliche Eingriffe unterbrochen, können sich die Auswirkungen von Niedrigwasser zusätzlich verschärfen.
Die Waldaist zeigt einen anderen Weg
Wie Gewässer gleichzeitig ökologisch aufgewertet und besser an die Folgen des Klimawandels angepasst werden können, zeigt ein Projekt an der Waldaist in Pregarten und Tragwein.
Nach dem Lokalaugenschein an der ausgetrockneten Gusen besuchte Kaineder die Baustelle eines Revitalisierungsprojekts bei der Pfahnlmühle. Dort soll dem Fluss wieder mehr Raum und natürliche Dynamik gegeben werden.
„Die Waldaist zeigt uns, dass wir der Natur auch den Raum geben müssen, den sie braucht“, sagt Kaineder. Ziel sei es nicht, einen künstlichen Kanal zu schaffen, sondern dem Fluss wieder Strukturen zu geben, die natürliche Lebensräume ermöglichen und gleichzeitig besser mit Wetterextremen umgehen können.
Mehr Platz bei Hochwasser
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist eine sogenannte Vorlandabsenkung. Dabei werden Flächen neben dem eigentlichen Flussbett abgesenkt, sodass der Fluss bei Hochwasser mehr Raum zur Verfügung hat.
Das ist gerade angesichts zunehmender Wetterextreme von Bedeutung. Während lange Trockenperioden die Gewässer austrocknen lassen, können kurze, intensive Starkregenereignisse große Wassermengen in kurzer Zeit bringen.
Ein Gewässer, das mehr Raum hat, kann solche Wassermengen besser aufnehmen. Das Wasser kann in angrenzende Bereiche ausweichen, anstatt sich in einem engen Flussbett mit hoher Geschwindigkeit fortzubewegen.
Damit verbindet die Revitalisierung zwei Ziele: besseren Hochwasserschutz und mehr natürliche Lebensräume.
Steine und Totholz als Lebensräume
Auch im Fluss selbst wird die natürliche Struktur verbessert. Statt eines möglichst glatten und gleichförmigen Gewässerbetts werden unterschiedliche Strömungsbereiche geschaffen.
Steine und sogenannte Logjams, größere Holzstrukturen im Fluss, erzeugen Verwirbelungen und Strömungsschatten. Dahinter entstehen ruhigere Bereiche, die vor allem für junge Fische wichtige Rückzugsräume darstellen können.
Gleichzeitig sorgt die abwechslungsreiche Struktur dafür, dass sich das Gewässer wieder stärker selbst gestaltet. Strömung, Steine und Totholz beeinflussen das Flussbett und schaffen immer wieder neue kleine Lebensräume.
„Wir brauchen die Kurven, die tiefen Löcher, die Steine und das Totholz“, betont Kaineder. Ein strukturreicher Fluss könne wesentlich mehr ökologische Funktionen erfüllen als ein geradliniger und künstlich befestigter Wasserlauf.
Ufergehölze als natürliche Klimaanlage
Eine zentrale Rolle spielt auch die Begrünung der Ufer. An der Waldaist werden Weiden, Erlen und andere heimische Gehölze gepflanzt.
Die Bäume erfüllen gleich mehrere Aufgaben. Ihre Kronen beschatten das Wasser und können dadurch einer übermäßigen Erwärmung entgegenwirken. Gleichzeitig stabilisieren ihre Wurzeln die Ufer und schützen sie vor Erosion.
Für Kaineder sind die Gehölze deshalb weit mehr als eine optische Aufwertung. „Wir bauen ein Schutzsystem“, erklärt der Landesrat. Die Bäume würden das Ufer befestigen, Schatten spenden und eine Verbindung zwischen Wasser und Land herstellen.
314.000 Euro für die Revitalisierung
Das Projekt an der Waldaist wird von der Stadtgemeinde Pregarten und der Marktgemeinde Tragwein gemeinsam umgesetzt. Die Bauarbeiten laufen seit April 2026 und sollen im Juli abgeschlossen werden.
Geplant wurde das Projekt von REVITAL Integrative Naturraumplanung GmbH, die Bauausführung erfolgt durch den Gewässerbezirk Linz. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 314.000 Euro.
Finanziert wird das Projekt zu 60 Prozent vom Bund, zu 35 Prozent vom Land Oberösterreich und zu fünf Prozent von den beiden Gemeinden.
Zwischen Trockenheit und Starkregen
Die beiden Schauplätze, die ausgetrocknete Gusen und die revitalisierte Waldais, zeigen zwei Seiten derselben Herausforderung.
Auf der einen Seite stehen lange Hitze- und Trockenperioden, die den Wasserstand sinken lassen, Gewässer erwärmen und Lebensräume gefährden. Auf der anderen Seite können Starkregenereignisse auftreten, bei denen innerhalb kurzer Zeit große Wassermengen anfallen.
Die Antwort darauf kann deshalb nicht sein, Flüsse ausschließlich gegen einzelne Extremereignisse abzusichern. Vielmehr geht es darum, ihnen wieder mehr natürliche Widerstandsfähigkeit zu geben.
Wo Flüsse Platz haben, strukturreich sind und von schattenspendender Vegetation begleitet werden, können sie ökologische Funktionen besser erfüllen und mit wechselnden Wasserständen besser umgehen.
Die Gusen führt derzeit eindringlich vor Augen, was passiert, wenn Wasser fehlt. Die Waldaist soll gleichzeitig zeigen, wie Gewässer auf die veränderten Bedingungen vorbereitet werden können.
Für Kaineder ist die Schlussfolgerung klar: „Wir können nicht einfach warten, bis es wieder regnet.“ Die Landschaft müsse so gestaltet werden, dass sie mit den klimatischen Veränderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte umgehen könne.
Denn wenn Bäche und Flüsse verstummen, geht es längst nicht mehr nur um ein Landschaftsbild. Es geht um Lebensräume, Artenvielfalt, Wasserqualität und letztlich um die Frage, wie widerstandsfähig die Natur gegenüber der Klimakrise sein kann.