Wahrnehmung von Wetterextremen ist sozial geprägt
Für die Untersuchung wurden die Angaben von 3.170 Menschen ab 50 Jahren aus Österreich ausgewertet. Sie stammen aus der europaweiten SHARE-Studie (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe). Die Forschenden der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL Krems) analysierten, wie ältere Menschen Veränderungen bei Hitze, Dürre, Stürmen, Niederschlägen, Überschwemmungen und Schneebedeckung seit ihrer Kindheit wahrnehmen.
Das Ergebnis: Die überwiegende Mehrheit berichtet von einer Zunahme extremer Wetterereignisse. Besonders deutlich wird der Wandel beim Schnee. Mehr als 91 Prozent der Befragten nehmen eine Abnahme der durchgehenden Schneedecke wahr, 61 Prozent sprechen sogar von einem starken Rückgang. Auch Hitzetage, Dürren, Stürme und steigende Durchschnittstemperaturen werden von vielen als deutlich häufiger erlebt.
Doch die Studie zeigt auch, dass diese Wahrnehmung von sozialen Faktoren geprägt wird. Menschen mit höherem Umweltbewusstsein nehmen Veränderungen besonders stark wahr. Ob das Umweltbewusstsein die Wahrnehmung schärft oder umgekehrt persönliche Erfahrungen das Umweltbewusstsein stärken, konnte die Untersuchung allerdings nicht klären.
Auch der Wohnort spielt eine Rolle. Ältere Menschen in Großstädten berichten häufiger von einer Zunahme extremer Wetterereignisse als Bewohnerinnen und Bewohner kleinerer Städte oder ländlicher Regionen. Ein möglicher Grund ist die stärkere Hitzebelastung in dicht verbauten Städten, während Wetterveränderungen am Land eher als natürliche saisonale Schwankungen interpretiert werden.
Bildung und finanzielle Lage beeinflussen die Wahrnehmung ebenfalls. Personen mit höherem Bildungsabschluss erkennen Wetterextreme häufiger als Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau. Überraschend war zudem, dass ältere Menschen mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten Wetterveränderungen besonders intensiv wahrnehmen. Dagegen zeigten weder der subjektive Gesundheitszustand noch Einsamkeit einen statistisch nachweisbaren Einfluss.
„Ältere Menschen erleben den Klimawandel nicht in einem sozialen Vakuum“, erklärt Studienleiterin Jasmin Riederer vom Kompetenzzentrum für Gerontologie und Gesundheitsforschung der KL Krems. Die Ergebnisse seien wichtig, um Klimakommunikation und Anpassungsmaßnahmen gezielt auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen abzustimmen.
Auch Lukas Richter von der Fachhochschule St. Pölten und der Wirtschaftsuniversität Wien, der ebenfalls an der Studie beteiligt ist, betont, dass Klimakommunikation nicht nach dem Gießkannenprinzip funktionieren könne. Menschen würden Umweltveränderungen immer vor dem Hintergrund ihrer alltäglichen Erfahrungen, ihrer sozialen Situation und der verfügbaren Informationen interpretieren.
Die Studie liefert damit einen wichtigen Beitrag zur noch jungen Klimagerontologie, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf eine alternde Gesellschaft beschäftigt. Ältere Menschen seien nicht nur besonders von Hitze, Stürmen oder Überschwemmungen betroffen, sondern könnten mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen auch einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel leisten. Voraussetzung dafür seien verständliche Informationen, klimaresiliente Wohnformen und starke lokale Netzwerke.