Wärmere Meere, kleinere Seezungen: Klimawandel verändert wichtigen Fischbestand
Die Analyse von mehr als 2.100 Fisch-Otolithen aus Nordsee, Irischer See und Biskaya über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten bestätigt: Bei höheren Wassertemperaturen wachsen Seezungen in jungen Jahren schneller, bleiben später aber kleiner und erreichen die Geschlechtsreife früher.
Damit folgt die Art der sogenannten Temperatur-Größen-Regel (Temperature-Size Rule, TSR), die bei vielen wechselwarmen Tieren beobachtet wird.
Junge Seezungen wachsen schneller
Für ihre Untersuchung wertete der Doktorand Tuan Anh Bui Wachstumsmuster von Seezungen aus den Jahren 1958 bis 2019 aus. Dafür wurden insgesamt 2.154 Otolithen untersucht. Diese kleinen Strukturen im Innenohr von Fischen bilden ähnlich wie Baumringe jährlich neue Wachstumsschichten und ermöglichen es, das Wachstum eines Fisches in verschiedenen Lebensjahren rückwirkend zu bestimmen.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: Zwischen den 1970er- und 2020er-Jahren veränderte sich das Wachstum der Seezungen in allen drei untersuchten Meeresgebieten deutlich.
Besonders stark war der Effekt bei jungen Fischen. Steigt die Wassertemperatur um ein Grad Celsius, sind einjährige Seezungen rund 14 Prozent größer. Ein Fisch, der bei zehn Grad Wassertemperatur mit einem Jahr etwa acht Zentimeter lang ist, würde bei elf Grad bereits mehr als neun Zentimeter erreichen.
Bei älteren Tieren dreht sich dieser Effekt allerdings um: Fünfjährige Seezungen wachsen bei höheren Temperaturen rund fünf Prozent langsamer.
Das heißt: Die Fische werden zuerst schneller größer, erreichen aber insgesamt eine geringere Endgröße.
Wärmere Nordsee, kleinere Fische
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in der Nordsee. Dort stieg die durchschnittliche Meerestemperatur zwischen 1970 und 2020 um etwa 0,9 Grad Celsius. In der Irischen See waren es rund 0,5 Grad, in der Biskaya etwa 0,4 Grad.
Für die Nordsee ließ sich auch ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Erwärmung und dem Lebenszyklus der Seezungen feststellen.
Modellberechnungen für die Generationen von 1975 bis 2012 zeigen: Mit jedem Grad zusätzlicher Erwärmung sinkt die maximale Größe der größten Seezungen im Durchschnitt um etwa 5,5 Prozent. Gleichzeitig erreichen die Tiere die Geschlechtsreife etwa 5,5 Prozent früher.
Ein konkretes Beispiel zeigt die Größenordnung: Zwischen den Seezungengenerationen von 1980 und 2000 stieg die durchschnittliche Meerestemperatur während der Lebenszeit der Tiere von 9,1 auf 10,2 Grad Celsius. Gleichzeitig waren die Seezungen laut Modell durchschnittlich rund 40 Millimeter kleiner und laichten etwa drei Monate früher.
Nicht nur das Klima wirkt auf die Fischgröße
Die Forschenden betonen allerdings, dass der Klimawandel nicht der einzige Faktor ist. Auch die Fischerei selbst könnte die Entwicklung beeinflusst haben.
Über Jahrzehnte wurden bevorzugt große und schnell wachsende Fische gefangen. Dadurch könnte ein Selektionsdruck entstanden sein, der kleinere Seezungen begünstigt.
„Die Auswirkungen des Klimawandels könnten durch den historisch hohen Fischereidruck verstärkt worden sein “, meint ILVO-Forscher Jochen Depestele. Die jahrzehntelange Entnahme besonders schnell wachsender und großer Tiere könnte also zusätzlich eine Entwicklung hin zu kleineren Fischen gefördert haben.
Wichtige Art für die belgische Fischerei
Für die Fischerei ist die Entwicklung besonders relevant. Die Seezunge ist die wirtschaftlich wichtigste Fischart der belgischen Flotte. 2025 wurden damit rund 35,7 Millionen Euro Anlandewert erzielt, 5,6 Prozent mehr als im Jahr davor.
Auch die angelandete Menge stieg um sieben Prozent auf rund 2.000 Tonnen. Damit lag die Seezunge mengenmäßig hinter Tintenfisch, aber vor Scholle. Rund 40 Prozent des gesamten Anlandewerts der belgischen Flotte entfielen auf die Seezunge.
Eine weitere Erwärmung der Meere könnte dieses wirtschaftlich wichtige Segment jedoch unter Druck setzen.
Denn kleinere Fische bedeuten nicht nur geringere Einzelgewichte. Wenn die Tiere früher geschlechtsreif werden, aber kleiner bleiben, kann sich auch die Struktur der Bestände verändern. Weniger große Tiere könnten zudem bedeuten, dass weniger große Laicher zur Verfügung stehen.
Fischereipolitik muss Klimawandel stärker berücksichtigen
Die Studie zeigt damit auch, dass sich klassische Modelle zur Bewertung von Fischbeständen zunehmend an veränderte Umweltbedingungen anpassen müssen. Wachstum, Körpergröße und Fortpflanzungsalter sind keine konstanten Größen, wenn sich die Meerestemperaturen verändern.
Otolithenanalysen könnten dabei eine wichtige Ergänzung zu den bisherigen Bestandsdaten liefern. Sie ermöglichen es, Veränderungen im Wachstum über Jahrzehnte hinweg sichtbar zu machen und mit Temperaturentwicklungen in Verbindung zu bringen.
Für Depestele ist deshalb klar: Die neuen Erkenntnisse sollten künftig stärker in die wissenschaftliche Beratung der Fischerei einfließen.
Der Klimawandel verändert also nicht nur, wo Fische vorkommen: Er verändert auch, wie sie wachsen, wann sie sich fortpflanzen und wie groß sie werden. Für eine Fischerei, die auf möglichst stabile Bestände angewiesen ist, könnte das zu einer immer wichtiger werdenden Herausforderung werden.