Versteckte Klimabombe im Kohlesektor: 89 % der Methanemissionen bleiben unberichtet
Das geht aus dem ersten „Global Coal Mine Methane Review“ des Energie-Thinktanks Ember hervor. Die Studie kombiniert gemeldete nationale Daten aus 73 kohleproduzierenden Ländern mit unabhängigen Schätzungen und Satellitenmessungen und zeichnet damit erstmals ein umfassenderes Bild der tatsächlichen Emissionen.
Methan (CH₄) ist ein besonders klimaschädliches Treibhausgas, das kurzfristig deutlich stärker wirkt als CO₂. Es entsteht im Kohlebergbau sowohl beim Abbau selbst als auch nach der Förderung.
Laut Bericht wurden im Jahr 2023 weltweit rund 35 Millionen Tonnen Methan durch Kohlebergbau freigesetzt – vergleichbar mit den Emissionen der globalen Öl- und Gasindustrie. Aufgrund unvollständiger Messungen dürfte der tatsächliche Wert jedoch noch höher liegen.
Besonders kritisch: Nur 23 von 73 Ländern meldeten überhaupt entsprechende Emissionsdaten an die UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC). Dadurch blieben schätzungsweise 31 Millionen Tonnen Methan offiziell unberücksichtigt.
Die Emissionen konzentrieren sich stark auf wenige Staaten: Rund 94 % der weltweiten Kohle-Methanemissionen stammen aus nur sieben Ländern: und zwar aus China, der USA, Russland, Indien, Australien, Polen und der Ukraine.
Gleichzeitig zeigt die Studie einen paradoxen Trend: Viele Länder berichten zwar sinkende Emissionen pro Tonne geförderter Kohle, doch dieser Rückgang ist laut Ember vor allem auf veränderte Berechnungsmethoden zurückzuführen – nicht auf echte technische Fortschritte.
Trotz der alarmierenden Zahlen enthält der Bericht auch eine klare Botschaft der Machbarkeit: Mehr als die Hälfte der globalen Methanemissionen aus Kohlebergwerken könnte bereits heute mit vorhandenen Technologien vermieden werden – teilweise sogar ohne zusätzliche Kosten.
Zu den wichtigsten Lösungen zählen:
- Oxidationstechnologien, die Methan aus Belüftungsluft zerstören
- Gasrückgewinnung aus Entwässerungssystemen, die Methan als Energiequelle nutzbar macht
- Direkte Nutzung von Grubengas, etwa zur Strom- oder Wärmeerzeugung
Damit könnte Kohlebergbau nicht nur Emissionen reduzieren, sondern in manchen Fällen sogar zusätzliche Energie liefern.
Besonders brisant: Seit dem Start des „Global Methane Pledge“, der eine Reduktion der weltweiten Methanemissionen um 30 % bis 2030 vorsieht, ist im Kohlesektor kein Rückgang erkennbar. Der Stillstand setzt sich damit fast fünf Jahre nach dem internationalen Versprechen fort.
Ember-Datenanalystin Rebekah Horner warnt: „Die Methanemissionen von Kohlebergwerken werden größtenteils nicht erfasst, wodurch ihr wahres Ausmaß verschleiert wird. Gleichzeitig existieren bereits Lösungen, die sofort eingesetzt werden könnten.“
Auch geopolitische Entwicklungen unterstreichen die Bedeutung alternativer Energiequellen. Der Bericht verweist darauf, dass nutzbares Grubengas rund 15 Milliarden Kubikmeter Energie entsprechen könnte – ein erheblicher, bislang ungenutzter Energieträger im globalen Energiemix.
Ember-Experte Nishant Bhardwaj betont: „Dies ist ein klarer, umsetzbarer Teil des Problems, der viel zu lange vernachlässigt wurde. Ein sofortiges Handeln würde unmittelbare Klimavorteile bringen.“
Der Bericht zeichnet ein klares Bild: Während sich die internationale Klimapolitik auf ambitionierte Ziele für Methanreduktionen verständigt hat, bleibt der Kohlesektor ein blinder Fleck – mit großen, oft unsichtbaren Emissionen und gleichzeitig großen, bereits verfügbaren Einsparpotenzialen.
Die zentrale Frage lautet damit nicht mehr, ob Lösungen existieren – sondern warum sie noch nicht flächendeckend eingesetzt werden. Ein Zusammenhang dürfte auf alle Fälle mit dem bereits jetzt extrem hohem Preis der Erzeugung von Energie aus Kohle gegeben sein. Eines ist trotz allem fix: Eigentlich sollte der Anteil fossiler Energien und vor allem von Kohle insgesamt rasch reduziert werden.