UNEP: Die Welt wird die 1,5-Grad-Grenze überschreiten
Nairobi - Die Welt wird die im Pariser Abkommen verankerte 1,5-Grad-Grenze voraussichtlich in den kommenden Jahren überschreiten. Das bedeutet aber nicht, dass dieses Ziel endgültig verloren ist. Ein neuer Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), der „ Limiting Overshoot “ Report, zeigt einen möglichen Weg zurück: Die Erwärmung könnte zunächst über 1,5 Grad steigen, einen möglichst niedrigen Höchststand erreichen und anschließend wieder sinken.
Entscheidend sei, das sogenannte „Overshoot“ – also das Überschreiten der 1,5-Grad-Marke – so gering und so kurz wie möglich zu halten. Im günstigsten Szenario könnte die globale Erwärmung auf etwa 1,8 Grad Celsius begrenzt werden. Andere Entwicklungspfade führen laut UNEP allerdings zu deutlich höheren Temperaturen.
„Die diesjährige sengende Hitze, die verheerenden Waldbrände und die tödlichen Überschwemmungen sind eine Warnung vor dem, was uns bevorsteht“, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres. Das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze müsse so gering und kurz wie möglich gehalten werden.
Die Botschaft des UNEP-Berichts ist dabei keineswegs: 1,5 Grad seien ohnehin nicht mehr erreichbar und deshalb bedeutungslos. Im Gegenteil. Jeder Bruchteil eines Grades entscheidet über zusätzliche Schäden und Risiken.
Mit zunehmender Erwärmung nehmen Extremwetterereignisse, Schäden an Ökosystemen sowie Risiken für Gesundheit, Landwirtschaft, Wasserversorgung, Infrastruktur und Wirtschaft zu. Besonders gefährdet sind kleine Inselstaaten und tief liegende Küstenregionen.
Auch die Gefahr sogenannter Kipppunkte wächst mit der Höhe und Dauer der Erwärmung. Der UNEP-Bericht nennt unter anderem die Destabilisierung großer Eisschilde, Veränderungen des Amazonas-Regenwaldes und eine mögliche Störung der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC), die für den weltweiten Wärmetransport eine wichtige Rolle spielt.
Einige Veränderungen könnten dabei abrupt eintreten, andere sich über Jahrzehnte oder länger verstärken.
Der von UNEP beschriebene beste verbleibende Pfad besteht aus drei Phasen: Überschreiten der 1,5-Grad-Marke, möglichst niedriger Temperatur-Höhepunkt und anschließender Rückgang.
Dafür müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen sofort und dauerhaft sinken. Neben CO₂ spielt insbesondere auch Methan eine wichtige Rolle. Langfristig müssten Netto-Null-Emissionen erreicht und anschließend negative Nettoemissionen erzielt werden.
Eine Rolle kann dabei die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR) spielen. Dazu zählen etwa Aufforstung und andere Methoden, bei denen CO₂ dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt und gespeichert wird.
Der Bericht macht allerdings deutlich: CDR kann die notwendigen Emissionsreduktionen nicht ersetzen. Zuerst müssen die verbleibenden fossilen Emissionen massiv reduziert werden. Je höher der Temperatur-Höhepunkt ausfällt, desto schwieriger und riskanter wird eine spätere Rückkehr unter 1,5 Grad.
Selbst wenn die globale Temperatur später wieder unter 1,5 Grad sinken sollte, werden nicht alle Schäden rückgängig zu machen sein. Jahrelange höhere Temperaturen können irreversible Verluste und dauerhaft veränderte Lebensbedingungen verursachen.
Deshalb müsse Klimaschutz mit einer deutlich stärkeren Anpassung an die bereits unvermeidbaren Folgen verbunden werden, fordert UNEP. Städte, Landwirtschaft, Infrastruktur und Gesundheitssysteme müssen widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Dürren, Starkregen und anderen Extremereignissen werden.
Besonders sinnvoll sind laut Bericht Maßnahmen, die Klimaschutz und Anpassung gleichzeitig voranbringen. Ein Beispiel sind naturbasierte Lösungen zur Kühlung von Städten.
Der notwendige schnelle Ausstieg aus fossilen Energien ist laut UNEP nicht nur für das Klima entscheidend. Der Umstieg auf erneuerbare Energien kann gleichzeitig die Luftqualität verbessern, die öffentliche Gesundheit stärken, Energiekosten senken und den Zugang zu Elektrizität erweitern.
Damit verbinden sich Klimaschutzmaßnahmen mit unmittelbaren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteilen.
Für die Umsetzung des notwendigen Kurswechsels brauche es politischen Willen, internationale Zusammenarbeit, ausreichende Finanzierung und eine gerechte Verteilung der Lasten. Besonders jene Staaten, die historisch am meisten zum Klimawandel beigetragen haben, müssten laut UNEP schneller und ambitionierter handeln.
Denn die Folgen der Erwärmung treffen nicht alle Länder gleichermaßen. Staaten und Gemeinschaften mit besonders geringer Verantwortung für die historischen Emissionen sind vielfach besonders verwundbar.
„Es wird keine guten Folgen haben, wenn wir die 1,5-Grad-Grenze überschreiten“, warnte Inger Andersen, Exekutivdirektorin des UNEP. Die Welt müsse deshalb ihre Klimaschutzbemühungen deutlich verstärken und gleichzeitig Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit erhöhen.
Der neue UNEP-Bericht zeichnet damit ein schwieriges, aber nicht hoffnungsloses Bild. Die 1,5-Grad-Grenze dürfte überschritten werden, doch die Höhe und Dauer dieses Überschreitens sind politisch beeinflussbar.
Je schneller die Emissionen sinken, desto niedriger kann der Temperatur-Höhepunkt ausfallen. Und je niedriger dieser ausfällt, desto größer bleiben die Chancen, langfristig wieder unter 1,5 Grad zu kommen und die schwersten Folgen zu begrenzen.
Die zentrale Botschaft lautet daher: 1,5 Grad ist keine Grenze, deren Überschreitung plötzlich alle Klimaschutzbemühungen sinnlos macht. Aber jedes zusätzliche Zehntelgrad und jedes zusätzliche Jahr der Erwärmung verschärfen die Risiken. Was heute an Emissionen eingespart wird, entscheidet damit auch darüber, wie hoch die globale Erwärmung tatsächlich steigt und wie schwierig eine spätere Rückkehr wird.