Umstrittenes Biofuel-Projekt mit Unterstützung von Giorgia Meloni gerät unter Druck
Brüssel- Ein von SourceMaterial und Politico durchgeführte Recherche – unterstützt durch Daten der Umweltorganisation Transport & Environment – stellt ein von der italienischen Regierung unterstütztes großes Biokraftstoffprojekt in Kenia in ein kritisches Licht. Die Untersuchung legt nahe, dass das Vorzeigeprojekt des Energiekonzerns Eni lokale Kleinbauern benachteiligen und die Ernährungssicherheit gefährden könnte.
Im Jahr 2024 hatten die International Finance Corporation sowie der italienische Klimafonds Investitionen in Höhe von 210 Millionen US-Dollar angekündigt, um Enis Tochterunternehmen in Kenia beim Ausbau der Produktion nicht essbarer Energiepflanzen zu unterstützen. Ziel war es laut Unternehmen, zur Dekarbonisierung des globalen Verkehrs beizutragen und gleichzeitig bis zu 200.000 kenianischen
Kleinbauern neue Einkommensmöglichkeiten zu eröffnen.
Doch Handelsdaten, die von Transport & Environment ausgewertet wurden, zeichnen ein anderes Bild: Demnach importierte Eni erhebliche Mengen an Raps aus Südafrika nach Kenia. Ein Großteil des daraus gewonnenen Rapsöls soll anschließend nach Italien exportiert worden sein – möglicherweise bis zu 80 % der gesamten Exporte aus Kenia zu Enis Raffinerien in Gela und Venedig im Jahr 2025. Eni bestreitet diese Zahlen und spricht von rund 40 %.
Die Recherchen von SourceMaterial und Politico zeigen zudem, dass viele Landwirte dazu ermutigt wurden, Rizinus (Castor-Bohnen) anzubauen – eine nicht essbare Pflanze. Laut Aussagen von Betroffenen seien sie jedoch von Zwischenhändlern im Stich gelassen worden, die sie ursprünglich im Auftrag Enis angeworben hatten.
Viele Bauern berichten, dass sie statt Mais – einem Grundnahrungsmittel – auf Rizinus umgestiegen seien und dadurch nicht mehr ausreichend Lebensmittel für ihre Familien produzieren konnten. Der Agrarwissenschaftler Valerio Bini, der im Mai 2025 rund 50 beteiligte Landwirte befragte, stellt fest, dass nahezu alle ihre Nahrungsmittelproduktion zugunsten von Energiepflanzen aufgegeben hätten. Angesichts der angespannten globalen Ernährungslage sei dies besonders besorgniserregend.
Carlo Tritto, Kraftstoffexperte bei Transport & Environment, äußert scharfe Kritik: Das Projekt habe eigentlich beweisen sollen, dass Biokraftstoffe nachhaltig produziert werden können, ohne Nahrungsmittel zu verdrängen. Stattdessen scheine Eni auf importierte Rohstoffe zurückzugreifen – entgegen der ursprünglichen Zusage, lokale, nicht essbare Pflanzen auf minderwertigen Böden anzubauen.
Zudem warnt Tritto, dass Biokraftstoffe aus Nahrungspflanzen nur begrenzte Klimavorteile bieten und erhebliche Risiken durch Landnutzungsänderungen mit sich bringen. Gleichzeitig erhöhen sie den Druck auf die ohnehin angespannte globale Lebensmittelversorgung – unter anderem infolge geopolitischer Konflikte im Nahen Osten.
Biokraftstoffe sind ein zentraler Bestandteil sowohl von Enis Geschäftsstrategie als auch der Energiepolitik der italienischen Regierung unter Giorgia Meloni. Sie gelten in Italoen als wichtige Säule zur Dekarbonisierung des Verkehrs und werden von der Regierung als Argument gegen eine vollständige Elektrifizierung des Automobilsektors im Rahmen des europäischen Green Deals angeführt. Stattdessen plädiert Italien für „technologische Neutralität“.
Für zusätzliche Brisanz sorgt eine weitere aktuelle Recherche von SourceMaterial: Demnach steht ein indonesischer Exporteur mit ISCC-Zertifizierung – dem gleichen System, das auch im kenianischen Projekt verwendet wird – im Verdacht, falsch deklariertes Palmöl an große europäische Energiekonzerne, darunter Eni, geliefert zu haben. Dies wirft grundsätzliche Fragen zur Verlässlichkeit externer Zertifizierungssysteme auf.
Die neuen Erkenntnisse stellen die Nachhaltigkeit groß angelegter Biokraftstoffprojekte grundsätzlich infrage. Statt Klimaschutz und wirtschaftlicher Entwicklung könnten sie unbeabsichtigt zur Verschärfung von Ernährungsunsicherheit und sozialen Problemen beitragen – und damit genau das Gegenteil dessen bewirken, was sie davor versprechen.