Umstieg aufs Elektroauto
Wer sich heute ein Elektroauto kauft, hat ein Problem, das es für Käuferinnen und Käufer vor zehn Jahren noch gar nicht gab: Die Auswahl ist riesig.
Reichweiten von 400, 500 oder sogar noch mehr Kilometern sind keine technische Sensation mehr. Schnellladen wird immer leistungsfähiger, die Preise bewegen sich in vielen Segmenten nach unten, es gibt kleinere Fahrzeuge und neben klassischen Fahrzeugherstellern mischen längst zahlreiche neue Anbieter, auch aus China, den Markt auf. Gleichzeitig wird das E-Auto zunehmend Teil eines Energiesystems aus Photovoltaik, Batterie, Wallbox, dynamischem Stromtarif und, vor allem in Zukunft, idirektionalem Laden.
Genau hier setzt Martin Guss mit der zweiten, aktualisierten Auflage seines Buches „Umstieg aufs Elektroauto“ an.
Elektromobilität ist erwachsen gewordenDie erste Auflage erschien Anfang 2025. Die zweite Auflage kommt nur rund 16 Monate später und allein dieser kurze Zeitraum zeigt, wie schnell sich das Thema, ein absoluter Trendbereich, verändert.
Guss beschränkt sich nicht auf die Frage, welches Elektroauto man kaufen sollte. Sein Ratgeber spannt den Bogen von Reichweite, Batterie und Ladetechnik über Wirtschaftlichkeit und Versicherung bis zur Einbindung des Autos in die Haustechnik. Photovoltaik, Wallbox, intelligente Ladesteuerung und inzwischen auch Vehicle-to-Grid (V2G).
Das ist aus meiner Sicht eine der größten Stärken des Buches.
Denn wer heute über ein Elektroauto nachdenkt, sollte eigentlich nicht mehr nur fragen:
„Wie weit komme ich damit?“
Die interessanteren Fragen lauten:
Wo lade ich? Was kostet mich die Kilowattstunde? Kann ich mit meiner PV-Anlage laden? Wieviel meines eigenen Stroms kann ich selbst verbrauchen? Brauche ich einen Speicher? Kann mein Auto bidirektional laden? Und wie verändert sich dadurch die Wirtschaftlichkeit meines gesamten Energiesystems?
Das Auto wird zum Teil des EnergiesystemsGerade dieser Perspektivwechsel wird im Buch detailliert dargestellt. Ein Elektroauto ist eben nicht nur ein Auto, dessen Antrieb ausgetauscht wurde. Es kann, wenn es richtig eingesetzt wird, obwohl es ein großer Stromverbraucher im Haushalt oder in einer Firma sein kann, nun ein zeitlich steuerbarer Verbraucher und künftig zunehmend auch ein Speicher sein.
Die zweite Auflage greift deshalb auch bidirektionales Laden auf, bei denen das Elektroauto Strom nicht nur aufnehmen, sondern auch wieder ins Netz abgeben kann. Guss beschreibt damit eine Entwicklung, die für die Energiewende wesentlich interessanter sein könnte als die nächste Diskussion über zehn Kilometer mehr oder weniger WLTP-Reichweite.
Das ist ein Punkt, der besonders wichtig ist: Die Zukunft der Elektromobilität entscheidet sich nicht allein auf dem Parkplatz, sondern auch im Stromnetz.
Wer schon länger elektrisch fährt, kennt die typische Entwicklung: Anfangs wird die Reichweite ständig kontrolliert. Später wird das Auto einfach gefahren.
Natürlich bleibt Reichweite relevant. Aber sie muss zum persönlichen Fahrprofil passen.
Wer täglich 30 oder 50 Kilometer fährt und zu Hause laden kann, benötigt überhaupt keine riesige Batterie. Wer regelmäßig lange Strecken fährt, braucht dagegen ein Fahrzeug mit guter Ladeleistung und einer zuverlässigen Schnellladeinfrastruktur. Das ist teurer.
Der Ratgeber hilft dabei, genau diese Unterschiede zu verstehen.
Das ist wesentlich sinnvoller, als Leserinnen und Leser mit einer möglichst großen Reichweitenzahl zu beeindrucken.
Interessant: Guss rechnetEin weiterer Pluspunkt sind die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen.
Denn beim Elektroauto ist der Kaufpreis nur ein Teil der Rechnung. Stromkosten, Wartung, Versicherung, Finanzierung und Ladeinfrastruktur gehören ebenso dazu. Und wer zu Hause PV-Strom nutzen kann, hat nochmals andere, weit bessere, Voraussetzungen.
Die zweite Auflage verspricht ausdrücklich detaillierte Wirtschaftlichkeitsberechnungen und behandelt auch Förderungen, THG-Quote und steuerliche Aspekte.
Das ist wichtig, weil die alte Rechnung „Elektroauto gleich billig“ genauso wenig stimmt, wenn ich z.B. nur Schnellladen gehe und zuhause nicht laden kann, wie die gegenteilige Behauptung, Elektroautos seien grundsätzlich teuer.
Es kommt auf das Gesamtsystem an.
Was mir als langjährige Botschafterin und Beobachterin der E-Mobilität besonders auffällt:Für mich ist die spannendste Veränderung gegenüber den frühen Jahren der Elektromobilität nicht nur die technische Entwicklung der Autos.
Es ist die Veränderung der Fragestellungen.
Als ich vor vielen Jahren erstmals intensiver mit Elektromobilität zu tun hatte, war die Diskussion stark von Pioniergeist geprägt. Reichweite, Batteriekapazität und die Frage „Wo kann ich überhaupt laden?“ dominierten.
Heute ist Elektromobilität Alltag.
Und damit sind auch die Fragen weit anspruchsvoller geworden.
Welches Auto passt zu mir?
Welche Batteriegröße ist tatsächlich sinnvoll?
Welche Ladeleistung brauche ich?
Welcher Ladetarif ist günstig?
Wie kombiniere ich Auto, PV und Speicher?
Was bringt bidirektionales Laden?
Und wie sieht die Rechnung über mehrere Jahre aus?
Genau für diese Phase der Elektromobilität ist Guss' Buch interessant. Es ist einfach absolut zu empfehlen, denke ich.
Wo ich mir noch mehr wünschen würdeEin Ratgeber dieser Art steht allerdings vor einem grundsätzlichen Problem: Die Realität entwickelt sich noch schneller als ein gedrucktes Buch.
Ladepreise, Tarife, Förderungen, Fahrzeugmodelle und technische Standards verändern sich laufend. Was heute gilt, kann in einem Jahr schon wieder überholt sein.
Das ist keine Schwäche des Autors, sondern beinahe ein strukturelles Problem jedes gedruckten E-Mobilitätsratgebers.
Gerade deshalb würde ich mir für eine nächste Auflage noch stärker regionale Unterschiede wünschen.
Denn Elektromobilität in Deutschland ist nicht automatisch Elektromobilität in Österreich. Förderungen, Steuern, Strompreise, Netzbedingungen und auch die Ladeinfrastruktur unterscheiden sich.
Für österreichische Leserinnen und Leser wäre eine noch deutlichere Einordnung der heimischen Situation daher besonders hilfreich.
Und noch etwas fehlt mirIch hätte mir außerdem noch mehr Mut zur Zukunft gewünscht.
V2G wird angesprochen, das finde ich sehr gut. Aber gerade hier beginnt eine Entwicklung, die enorm spannend werden könnte: Millionen Elektroautos könnten perspektivisch zu einer riesigen, dezentralen Speicherinfrastruktur werden.
Dazu kommen bidirektionales Laden zu Hause, dynamische Stromtarife, netzdienliches Laden, PV-Überschussladen und die Kombination mit Hausspeichern.
Das sind Themen, bei denen sich Mobilitäts- und Energiewende unmittelbar treffen.
Und genau dort wird es richtig interessant.
Für eingefleischte E-Auto-Fahrer, die seit Jahren elektrisch unterwegs sind, ist das Buch vermutlich weniger eine Offenbarung als ein gut strukturiertes Nachschlagewerk.
Für Menschen, die noch überlegen, umzusteigen, ist es dagegen ausgesprochen interessant. Einfach ein TOP-Ratgeber! Vor allem deshalb, weil Guss nicht nur das Auto erklärt, sondern die gesamte Entscheidung dahinter.
Das Buch führt vom Einstieg über Wirtschaftlichkeit und Haustechnik bis zum Kauf, zu Finanzierung und Versicherung und schließlich zum elektrischen Reisen. Ein eigenes Kapitel widmet sich auch der Umweltbilanz.
Damit wird es eher zum Entscheidungsbuch als zum Autokatalog.
Und das ist gut so.
„Umstieg aufs Elektroauto“ ist kein Buch für Menschen, die bereits alles über Elektromobilität wissen. Es ist ein Buch für jene, die wissen wollen, was sie wirklich wissen müssen.
Martin Guss gelingt es, die teilweise komplizierte Welt aus Batterietechnik, Ladestationen, Stromtarifen, PV-Anlage, Wallbox und Fahrzeugauswahl absolut verständlich zusammenzuführen.
Die größte Stärke liegt dabei im ganzheitlichen Blick: Das Elektroauto wird nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil von Mobilität, Haushalt und Energiesystem.
Und genau das ist 2026 der richtige Ansatz.
Denn die Frage ist längst nicht mehr:
„Schaffe ich mit dem Elektroauto meine Strecke?“
Die spannendere Frage lautet: „Wie kann ich mein Auto, mein Haus und meine Energieversorgung intelligent miteinander verbinden?“
Wer vor dem Umstieg steht, bekommt mit diesem Buch dafür eine solide Entscheidungsgrundlage.
Unsere klare Meinung, auch aus Insidersicht: Für all diese Menschen ist es absolut empfehlenswert!
https://www.test.de/shop/freizeit-verkehr/umstieg-aufs-elektroauto-sp0701/
Martin Guss
2. aktualisierte Auflage
STIFTUNG WARENTEST
Auch als PDF und epub erhältlich