Türkei: Dürrealarm am İznik-See - „Die Klimakrise ist da“
Für die Umweltorganisation 350 Türkiye ist der Zustand des Sees ein sichtbares Warnsignal der Klimakrise. Aktivistinnen und Aktivisten entrollten deshalb vor kurzem am Ufer ein Banner mit dem Titel der Kampagne „Der wahre Grund: Fossile Brennstoffe“.
Wasserstand für Ökosystem entscheidend
Der Wasserstand des İznik-Sees muss nach Angaben von Experten bei etwa 83 Metern liegen, damit der See seinen natürlichen Wasserhaushalt und seine Artenvielfalt erhalten kann.
Doch die klimatischen Rahmenbedingungen verschlechtern sich. Die Türkei verzeichnet seit Jahren zunehmenden Druck auf ihre Wasserressourcen. Besonders deutlich wurde dies 2025: Der durchschnittliche Jahresniederschlag lag landesweit bei 414,9 Millimetern und damit 27,6 Prozent unter dem Mittelwert der Jahre 1991 bis 2020.
Nach den vorliegenden Daten war dies der niedrigste Jahresniederschlag seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen im Jahr 1964. Experten bezeichneten das Wasserjahr 2025 als das trockenste der vergangenen 50 Jahre.
Auch 2026 setzt sich die Entwicklung fort. Im Juni lag der landesweite Niederschlag rund 30 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt.
Nicht nur die Klimakrise setzt dem See zu
Der Wasserrückgang hat mehrere Ursachen. Neben höheren Temperaturen und zunehmender Verdunstung spielt auch die lokale Nutzung der Wasserressourcen eine wichtige Rolle.
Vor allem die intensive Wasserentnahme für Landwirtschaft und Industrie verschärft den Druck auf den See. 350 Türkiye fordert daher, die Nutzung der Wasserressourcen stärker zu kontrollieren und illegale Entnahmen konsequent zu unterbinden.
Die Organisation warnt gleichzeitig davor, die Ursachen nur auf lokaler Ebene zu bekämpfen. Denn höhere Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster sind Teil einer größeren Entwicklung.
Weltweit verschwinden Feuchtgebiete
Der İznik-See steht als ein Beispiel für die globale Entwicklung. Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts rund 64 Prozent der weltweiten Feuchtgebiete verschwunden sind.
Auch die Türkei ist stark betroffen. Nach den von 350.org Türkiye angeführten Daten sind in den vergangenen 50 Jahren 36 türkische Seen vollständig ausgetrocknet, weitere 14 Seen gelten als von der Austrocknung bedroht.
Der Verlust von Feuchtgebieten hat weitreichende Folgen: Seen und Feuchtgebiete sind Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten, speichern Wasser und spielen eine wichtige Rolle für regionale Ökosysteme.
Die Türkei steht vor einer doppelten Herausforderung
Die Türkei steht damit vor einer schwierigen Aufgabe. Einerseits muss der unmittelbare Wasserverbrauch besser gesteuert werden. Andererseits müssen die Ursachen der zunehmenden Erwärmung und der veränderten Niederschlagsverteilung bekämpft werden.
Ege Tok, Sprecherin von 350 Türkiye, sieht deshalb einen Zusammenhang zwischen dem Zustand des İznik-Sees und der Energiepolitik des Landes. Sie meint, es reiche nicht aus, die lokale Wassernutzung zu regulieren. Notwendig sei vielmehr ein schnellerer Ausstieg aus fossilen Energieträgern und ein Umbau des Energiesystems auf erneuerbare Energien.
„Der Wasserverlust des İznik-Sees ist ein deutliches Anzeichen für die Auswirkungen der Klimakrise auf Feuchtgebiete“, betont Tok.
COP31 rückt Türkei in den Fokus
Die Forderungen bekommen zusätzliche politische Bedeutung, weil die Türkei Gastgeberin der COP31 sein wird. Aus Sicht von 350 Türkiye sollte das Land diese Rolle nutzen, um einen konkreten Fahrplan für den Kohleausstieg vorzulegen und eine sozial gerechte Energiewende voranzutreiben.
Dabei geht es nicht nur um Klimaschutz. Weniger fossile Emissionen bedeuten langfristig auch weniger zusätzlichen Temperaturanstieg und damit weniger Druck auf Wasserressourcen und Ökosysteme.
Der İznik-See macht sichtbar, was ansonsten häufig abstrakt erscheint: Die Klimakrise zeigt sich nicht nur in steigenden Temperaturen, sondern auch in sinkenden Wasserständen, austrocknenden Seen und dem Verlust wertvoller Lebensräume.
Für 350 Türkiye ist der Dürrealarm am İznik-See deshalb mehr als ein lokales Umweltproblem. Er sei ein Weckruf für eine Politik, die Klimaschutz, Wasserpolitik und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen gemeinsam denken müsse.