Transit-Hotspot Brenner: Dreimal mehr Lkw als auf allen Schweizer Alpenrouten zusammen
Während die Schweiz den Lkw-Transit durch die Alpen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich reduzieren konnte, steigt die Belastung in Tirol weiter an. Die Mobilitätsorganisation VCÖ fordert nun rasche Maßnahmen, um mehr Güter auf die Schiene zu verlagern und die Bevölkerung entlang der Transitstrecken zu entlasten.
Die Zahlen sind deutlich: Im Jahr 2025 fuhren über die vier Schweizer Alpentransitrouten insgesamt rund 858.000 schwere Lastkraftwagen. Allein über den Brenner rollten im selben Zeitraum 2,42 Millionen Lkw – fast dreimal so viele wie durch die gesamte Schweiz.
Für die Anwohnerinnen und Anwohner entlang der Brennerroute hat diese Entwicklung spürbare Folgen. Lärm, Abgase und Staus prägen vielerorts den Alltag. Gleichzeitig leidet auch die Infrastruktur unter der enormen Belastung. Nach Angaben des VCÖ beansprucht ein 40-Tonnen-Lkw mit fünf Achsen die Straße so stark wie rund 32.000 durchschnittliche Pkw. Die Folgen reichen von Straßenschäden über Spurrillen bis hin zu kostspieligen Sanierungsarbeiten.
Schweiz zeigt andere Entwicklung
Besonders bemerkenswert ist der Vergleich mit der Schweiz. Dort ist die Zahl der Lastwagen auf den Alpentransitrouten in den vergangenen 25 Jahren um rund ein Drittel zurückgegangen. Am Brenner hingegen nahm der Schwerverkehr im selben Zeitraum um etwa 50 Prozent zu.
„Der Aufschrei der Bevölkerung ist völlig nachvollziehbar. Den Worten müssen endlich konkrete Taten zur Reduktion des Lkw-Transits folgen“, betont VCÖ-Expertin Klara Maria Schenk.
Der Trend setzt sich weiter fort: Während die Zahl der Lkw auf den Schweizer Alpenrouten zuletzt stabil blieb, stieg der Schwerverkehr über den Brenner im Jahr 2025 um zwei Prozent. Im ersten Quartal 2026 wurde bereits ein weiteres Plus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum registriert.
Kosten entscheiden über die Route
Als einen wesentlichen Grund für die unterschiedliche Entwicklung nennt der VCÖ die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Schweiz verfolgt seit Jahren eine konsequente Politik zur Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene.
Die Lkw-Maut ist dort deutlich höher als in Österreich. Zudem wird Diesel nicht steuerlich begünstigt, sondern sogar höher besteuert als Benzin. Hinzu kommen strengere Kontrollen, geringere Toleranzgrenzen bei Geschwindigkeitsüberschreitungen und höhere Strafen.
Dadurch wählen viele Transportunternehmen die günstigere Route über den Brenner, obwohl die Schweiz über leistungsfähige Alternativen verfügt.
Freie Kapazitäten auf der Schiene
Dabei sind auf den wichtigsten Schweizer Güterverkehrsachsen noch erhebliche Reserven vorhanden. Laut Daten des Schweizer Bundesamts für Verkehr wurde die Schienenkapazität auf der Gotthard-Achse im Vorjahr lediglich zu 37,5 Prozent, auf der Lötschberg-Simplon-Achse sogar nur zu 32,6 Prozent genutzt.
Aus Sicht des VCÖ liegt hier ein großes Potenzial, um den Transitverkehr durch Tirol zu reduzieren. „Es braucht eine stärkere Verlagerung von der Straße auf die Schiene über die Staatsgrenzen hinweg. Die freien Schienenkapazitäten in der Schweiz sind im Interesse der Bevölkerung rasch zu nutzen“, fordert Schenk.
Mehr Kostenwahrheit gefordert
Um den Straßentransport weniger attraktiv und den Schienengüterverkehr wettbewerbsfähiger zu machen, fordert der VCÖ eine konsequente Anwendung der EU-Wegekostenrichtlinie. Dabei sollen auch die gesellschaftlichen Folgekosten des Lkw-Verkehrs – etwa durch Staus, Unfälle, Lärm und Gesundheitsbelastungen – stärker in die Maut eingerechnet werden.
Zudem spricht sich die Mobilitätsorganisation für die Abschaffung des sogenannten Dieselprivilegs in Österreich aus. Gleichzeitig müssten die Trassengebühren für den Schienengüterverkehr gesenkt werden, damit die Bahn wirtschaftlich attraktiver wird.
Tausende Verstöße bei Kontrollen
Der VCÖ verweist außerdem auf die Bedeutung intensiver Kontrollen. Tirol hat die Überwachung des Schwerverkehrs in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet. Mit Erfolg: Im Jahr 2025 wurden mehr als 13.500 Verstöße wegen technischer Mängel sowie rund 35.500 Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten festgestellt. In etwa 4.800 Fällen wurde Lkw aufgrund akuter Sicherheitsmängel die Weiterfahrt untersagt.
Für den VCÖ zeigen diese Zahlen, dass strengere Kontrollen notwendig bleiben. Die Belastung am Brenner sei längst nicht nur ein Verkehrsproblem, sondern auch eine Frage von Lebensqualität, Gesundheit und Verkehrssicherheit.
Während die Schweiz freie Kapazitäten auf der Schiene hat, rollt der Güterverkehr weiterhin in Rekordzahlen über den Brenner. Die Forderung nach einer echten Verlagerung des Transits von der Straße auf die Bahn wird damit immer dringlicher.