Tirol auf dem Weg zur Energieautonomie: Ökostrom und Bioenergie sollen die Wende tragen
Der aktuelle Energiewende-Check des Österreichischen Biomasse-Verbands zeigt, dass Tirol bei den erneuerbaren Energien bereits eine starke Ausgangsposition hat. Der Anteil erneuerbarer Energien erreichte 2024 mit 60 Prozent einen Rekordwert. Besonders die Wasserkraft trug dazu bei: Mit 8,5 TWh wurde ein historischer Höchststand erreicht. Insgesamt erzeugte Tirol 2024 rund 9,5 TWh Strom und konnte netto 3,2 TWh Strom exportieren.
Allerdings dürfte dieser Rekord nicht jedes Jahr erreichbar sein. Die Stromproduktion aus Wasserkraft hängt stark von den Niederschlagsmengen ab. Nach den trockenen Jahren 2021 und 2022 war 2024 besonders niederschlagsreich. Für das trockenere Jahr 2025 wird daher mit einem deutlichen Rückgang der Wasserkraft gerechnet.
Photovoltaik soll sich bis 2050 weiter vervielfachen
Neben der Wasserkraft soll vor allem die Photovoltaik zum zweiten großen Standbein der Tiroler Stromversorgung werden. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die PV-Stromproduktion bereits verzehnfacht. 2024 lieferten Anlagen mit insgesamt 536 MW Leistung rund 526 GWh Sonnenstrom.
Bis 2050 soll die PV-Erzeugung auf etwa 4.500 GWh steigen. Der Schwerpunkt soll dabei auf Dachflächen und bereits versiegelten Flächen liegen, etwa auf Parkplätzen oder Lärmschutzwänden. Auch Windkraft soll künftig einen – wenn auch vergleichsweise kleinen – Beitrag leisten. Das Energieszenario sieht bis 2050 rund 400 GWh Windstrom vor.
Zusammen sollen Wasserkraft und Photovoltaik 2050 rund 63 Prozent des Energieverbrauchs Tirols abdecken. Die Stromproduktion soll dann zu 66 Prozent aus Wasserkraft und zu 31 Prozent aus Photovoltaik stammen.
Verkehr als größter Hebel für Energieeinsparungen
Die größte Reduktion des Energieverbrauchs soll allerdings nicht durch zusätzliche Erzeugung, sondern durch die Elektrifizierung des Verkehrs erreicht werden. Der Mobilitätssektor verursacht derzeit 37 Prozent der Tiroler Treibhausgasemissionen und ist damit der größte Emittent. Seit 1990 sind die Verkehrsemissionen sogar um 53 Prozent gestiegen.
Tirol ist dabei besonders vom Transitverkehr, Urlauberverkehr und Tanktourismus betroffen. Rund 63 Prozent des Lkw-Verkehrs entfallen auf den Transit. Über die Brennerautobahn rollen jährlich etwa 2,5 Millionen Lkw und bis zu zwölf Millionen Pkw.
Bis 2050 soll der Energieverbrauch des Verkehrs dennoch um rund 60 Prozent sinken, von 27,1 Petajoule im Jahr 2024 auf 10,8 Petajoule. Pkw sollen künftig vollständig elektrisch unterwegs sein. Beim Schwerverkehr ist eine Aufteilung von 70 Prozent elektrischen Antrieben und 30 Prozent Brennstoffzellen vorgesehen. Der Brenner-Basistunnel soll ab 2032 dazu beitragen, mehr Güter auf die Schiene zu verlagern.
Noch ist der Weg allerdings weit: Anfang 2026 waren erst rund 5,6 Prozent des Tiroler Pkw-Bestands reine Elektroautos. 84 Prozent der Fahrzeuge fahren weiterhin mit Benzin oder Diesel.
Gebäude bleiben Sorgenkind der Energiewende
Besonders groß ist der Handlungsbedarf bei den Gebäuden. Während der Gebäudesektor österreichweit für rund 8,8 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, liegt sein Anteil in Tirol bei 19 Prozent. Seit 1990 sind die Emissionen in diesem Bereich lediglich um 7,7 Prozent zurückgegangen.
Ein Grund dafür ist der hohe Einsatz fossiler Energieträger. Rund 89.500 Tiroler Haushalte heizen noch mit Öl. Das entspricht 26 Prozent und macht Tirol zum Bundesland mit dem höchsten Anteil an Heizöl am Raumwärmeverbrauch. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Erdgasheizungen seit 2003/04 auf rund 30.700 verdoppelt. Besonders im Tourismus und im Dienstleistungssektor spielt Erdgas eine große Rolle.
Bis 2050 sollen daher rund 108.000 zusätzliche Wärmepumpen installiert werden. Umweltwärme soll dann fast sechsmal stärker genutzt werden als heute. Fernwärme und Biomasse sollen ebenfalls ausgebaut werden. Der Energieverbrauch der Gebäude soll allerdings nur moderat sinken – von 36,2 PJ im Jahr 2024 auf 32,8 PJ im Jahr 2050.
Bioenergie bleibt wichtiger Bestandteil
Eine zentrale Rolle im künftigen Energiesystem soll auch die Bioenergie spielen. Bereits heute deckt Biomasse gemeinsam mit biogener Fernwärme fast 44 Prozent des Tiroler Raumwärmebedarfs. Die Tiroler Fernwärme ist zu rund 89 Prozent erneuerbar und wird dabei fast vollständig von Biomasse getragen.
Bis 2050 soll der Anteil der Fernwärme am Endenergieverbrauch auf rund acht Prozent steigen. Dafür wären laut Szenario unter anderem etwa zwölf neue Biomasseheizwerke in der Größenordnung des Heizwerks Imst notwendig. Zusätzlich könnten rund 30 neue Holzgas-KWK-Anlagen und 15 weitere Biomasse-KWK-Anlagen entstehen.
Die Biomassebranche profitiert dabei auch von den großen Schadholzmengen der vergangenen Jahre. Nach dem Sturmtief Vaia fielen zwischen 2019 und 2025 in Tirol mehr als acht Millionen Kubikmeter Schadholz an. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung aber auch die Folgen der Klimakrise: Die weit verbreitete Fichte leidet zunehmend unter Hitze, Trockenheit und Borkenkäferbefall. Beim Waldumbau soll daher stärker auf klimafitte und laubholzreichere Bestände gesetzt werden.
Energieautonomie bleibt ambitioniertes Ziel
Insgesamt soll Tirol seinen Endenergiebedarf bis 2050 gegenüber 2021 um rund 30 Prozent auf etwa 60,8 PJ reduzieren. Während Wasserkraft und Photovoltaik die erneuerbare Stromversorgung sichern sollen, sind vor allem Verkehr und Wärme die entscheidenden Bereiche für die notwendige Transformation.
Die Ausgangslage ist dabei widersprüchlich: Tirol hat mit 60 Prozent einen sehr hohen Anteil erneuerbarer Energien und liegt beim Pro-Kopf-CO₂-Ausstoß mit 5,7 Tonnen unter dem österreichischen Durchschnitt von 7,5 Tonnen. Gleichzeitig ist Tirol das einzige österreichische Bundesland, dessen Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 insgesamt nicht gesunken sind.
Der Weg zur Energieautonomie 2050 wird daher vor allem davon abhängen, ob es gelingt, fossile Heizungen und Erdgas im Gebäudesektor rasch zu ersetzen, den Verkehr umfassend zu elektrifizieren und den Transit zu reduzieren. Der Ökostromausbau schafft zwar wichtige Voraussetzungen, allein wird er die Energiewende aber nicht bewältigen können..