Temelín soll bis 2082 laufen: Wie sicher sind 80 Jahre alte Atomkraftwerke?
ČEZ begründet den Schritt vor allem mit der tschechischen Energiesicherheit. Die beiden bestehenden Kernkraftwerke sollen auch langfristig eine zentrale Rolle bei der Stromversorgung spielen und stabile Mengen CO₂-armer Elektrizität liefern.
„Der Plan, Dukovany und Temelín 80 Jahre lang zu betreiben, basiert auf sorgfältigen wirtschaftlichen und technischen Analysen“, erklärt ČEZ-Generaldirektor Daniel Beneš. Die verlängerte Laufzeit werde allerdings umfangreiche Investitionen und Modernisierungen erfordern.
Milliarden für die alten Reaktoren
Die Verlängerung ist keineswegs mit einem einfachen Weiterbetrieb gleichzusetzen. ČEZ kündigt an dass dafür umfangreiche Investitionen notwendig sind. Auch das tschechische Industrieministeriums erklärt, dass für die langfristige Nutzung erhebliche Modernisierungsmaßnahmen erforderlich sind. Für Temelín werden unter anderem neue Turbogeneratoren, eine Modernisierung der Leittechnik, neue Kühlwasserleitungen und eine zusätzliche Wartungshalle genannt.
Für beide tschechischen Kernkraftwerke werden zusätzliche Investitionen von jeweils etwa fünf bis sechs Milliarden Kronen pro Jahr genannt.
ČEZ sieht darin gleichzeitig einen wirtschaftlichen Vorteil für die tschechische Industrie. Die laufenden Modernisierungen sichern Aufträge für Maschinenbau, Anlagenbau und hoch spezialisiertes Nuklear-Know-how und sollen damit auch Arbeitsplätze und Exportmöglichkeiten schaffen.
Temelín wurde erst um die Jahrtausendwende gestartet
Die beiden Temelín-Blöcke sind im Vergleich zu Dukovany noch jünger. Block 1 ging im Jahr 2000, Block 2 im Jahr 2002 in Betrieb. Durch Modernisierungen konnte die elektrische Leistung von ursprünglich insgesamt 1.962 auf 2.172 Megawatt gesteigert werden. Auch Dukovany wurde während des Betriebs technisch aufgerüstet und kommt heute auf 2.048 Megawatt statt ursprünglich 1.760 Megawatt.
ČEZ betont, dass die Sicherheit Voraussetzung für jeden weiteren Betrieb sei. Der technische Zustand der Anlagen werde kontinuierlich überwacht.
Kritik aus Österreich
Die Pläne stoßen allerdings nicht überall auf Zustimmung. Besonders in Österreich wird die geplante Laufzeitverlängerung kritisch gesehen. Umweltorganisationen argumentieren, dass ein Betrieb über mehrere Jahrzehnte länger als ursprünglich vorgesehen keine gewöhnliche technische Anpassung sei, sondern eine grundlegende Veränderung des Projekts.
Der tschechische Umweltverband OIŽP/BIU fordert deshalb eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung für eine Laufzeitverlängerung. Eine solche Verlängerung um mehrere Jahrzehnte könne nicht einfach als normale Verwaltungsentscheidung behandelt werden.
Auch aus Oberösterreich kommt Kritik. Umwelt- und Klimaschutzlandesrat Stefan Kaineder fordert von ČEZ volle Transparenz darüber, welche Umbauten tatsächlich geplant sind. Gerade weil die geplanten Eingriffe weitreichend seien, müsse geprüft werden, ob ein neues Umweltverträglichkeitsverfahren erforderlich ist.
Österreich hat bereits bei früheren Laufzeitverlängerungen tschechischer Atomkraftwerke eine Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert. Bei Dukovany wurde diese Forderung von Tschechien nicht aufgegriffen. Das österreichische Umweltministerium weist gleichzeitig darauf hin, dass es auf internationaler Ebene weiterhin keine generell gültige Aussage darüber gibt, ob jede Laufzeitverlängerung eines Atomkraftwerks automatisch UVP-pflichtig ist.
80 Jahre Atomkraft als Teil der tschechischen Strategie
Die tschechische Regierung setzt insgesamt stark auf Kernenergie. Neben dem langfristigen Betrieb von Dukovany und Temelín sollen neue große Reaktoren, kleine modulare Reaktoren sowie erneuerbare Energien und auch weiterhin betriebene Gaskraftwerke die künftige Stromversorgung sichern. Als Gründe nennt Prag einen erwarteten steigenden Strombedarf durch Digitalisierung, Automatisierung, künstliche Intelligenz und die Elektrifizierung der Wirtschaft. Warum es gerade Atomkraft sein soll, wird nicht begründet.
Damit zeichnet sich für Tschechien ein Energiemix ab, in dem Atomkraft noch für viele Jahrzehnte eine tragende Rolle spielen soll.
Für Österreich bedeutet die Entwicklung allerdings auch, dass die Debatte über Sicherheit, grenzüberschreitende Umweltfolgen und die Frage nach der Zukunft alternder Reaktoren weitergehen wird.
Während Tschechien seine bestehenden Atomkraftwerke für bis zu 80 Jahre fit machen will, stellt sich für die Nachbarländer die Frage, wie lange ein Reaktor tatsächlich sicher und wirtschaftlich betrieben werden kann – und welche Mitsprache jene Länder haben, die im Fall eines schweren Unfalls ebenfalls betroffen wären. Denn eines ist vielen klar: Alternde Kraftwerke sind weniger sicher!