Stadt Land Boden
Projekte, Veranstaltungen und Publikationen zum Bodenschutz haben momentan Hochkonjunktur. Sie sind Ausdruck einer Gefahr, die aktuell durch die Klimaerwärmung droht, wenn wir den Boden unter unseren Füßen zerstören, ruinieren oder sogar unsere wichtigste Existenzgrundlage auf der Erde verlieren.
Das vorliegende Buch ist nach einem Workshop in Hamburg entstanden und geht tiefgründig auf das Bodenthema ein. Es widmet sich interdisziplinär dem Bodenschutz und zeigt Wege zu einer gemeinwohlorientierten Bodenpolitik auf.
Damit dient es der Umweltvorsorge im besten und nachhaltigen Sinne, weil es die Bedeutung des Bodens zur Priorität macht und kritisch darüber berichtet; es ist eine fundierte Grundlage für die anstehenden existenziellen Reformen rund um Grund und Boden.
„Wir wissen mehr über die Bewegung der Himmelskörper als über den Boden unter unseren Füßen.“
Leonardo da Vinci (1452-1519)
Zum Inhalt
Der 414-seitige Sammelband wird von 5 Herausgeberinnen als „X-Texte zu Kultur und Gesellschaft“ im transcript Verlag (Bielefeld) verlegt. Insgesamt 39 Autoren (20 weiblich, 19 männlich) haben die unterschiedlich langen 35 Beiträge, Gespräche und Interviews (zwischen 3 und 40 Seiten) formuliert.
Nach Vorwort und Einleitung gibt es fünf inhaltliche Kapitel (sogenannte „Teile“) sowie Nachworte, ein Autorenverzeichnis und eine Danksagung.
Im 1. Kapitel werden der Kontext von Stadt und Land, die Finanzierung (Stichwort: Bodenwertsteuer), die gemeinsame europäische Agrarpolitik und Fragen des Grundeigentums sowie die Bodenreform bzw. die „Neue Bodenordnung“ angesprochen.
Im 2. Kapitel geht es um Bodenökologie, Wassergerechtigkeit und um das große Thema der Versiegelung und der Bodenbewirtschaftung.
Das 3. Kapitel greift die „Bodenverteilung“ in der Landwirtschaft und beim Wohnraum auf, geht ausführlich auf Vorkaufsrechte und die Gemeinwohlverpachtung für die Agrarflächen ein.
Im 4. Kapitel stehen „Bewegungen und Strategien“ im Sinne der Bodengerechtigkeit in der Stadt und auf dem Land im Fokus. Als verbindendes Glied wird hier auf den „Brandenburger Ernährungsrat“ eingegangen.
Das 5. Kapitel trägt den Titel „Von der Entkapitalisierung des Bodens zu Commons“, stellt Genossenschaften vor und wagt einen Ausblick auf das Gemeingut Boden und die gemeinwohl-orientierte Stadtentwicklung.
Inhaltlich wird das Buch mit dem Satz „Die moderne Gesellschaft leidet an 'Bodenlosigkeit'.“ eingeleitet (S. 19) und damit an den französischen Philosophen Bruno Latour (1947-2022) erinnert. Er hat 2018 „Das terrestrische Manifest“ geschrieben und einen globalen Wandel der Landnutzung gefordert.
Bemerkenswert ist, dass dies im Buch sehr geschickt mit der städtebaulichen Strategie der „Neuen Leipziger Charta“ in Verbindung gebracht wird, die 2020 in Leipzig als Leitlinie für die nationale Stadtentwicklungspolitik entstand (S. 117 ff und S. 378 f)). Auch wird das Leitbild der „Innenentwicklung“ forciert und zwar “die doppelte“ oder sogar (gemeinwohlorientiert) „die dreifache Innenentwicklung“ (S. 127). D.h. das „Flächensparen“ bzw. der „Flächenfraß“ werden im Buch zum Thema der Bauleitplanung gemacht. Daraus ergibt sich die Forderung: „Die weiterhin hohen Flächeninanspruchnahme und Versiegelung müssen reduziert werden.“ (S. 169).
Da der Boden von jeher „ein politisch umkämpftes Gut“ ist (S. 41), sind zivilgesellschaftliche Initiativen hilfreich. Im Beitrag „Gemeinsam gegen Flächenfraß“ (S. 99 ff) wird dies eindrucksvoll dokumentiert und in einem Exkurs zur „Umweltverbandsklage“ (S. 288) mit dem wichtigen Hinweis auf das Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz (UmwRG) belegt.
Das Buch lehrt, dass es um Lösungen im Gemeinwohlinteresse geht: „Es geht nicht darum, den Boden maximal zu schützen, sondern ihn im Interesse der Gesellschaft so zu nutzen und zu bewirtschaften, dass die Böden ihre sozialen und ökologischen Funktionen für die Menschen erbringen können.“ (S. 167). Dabei gilt: „Progressive Bodenpolitik“ ist zugleich „Wasserpolitik“; es ist unerlässlich, „Boden und Wasser zusammen zu denken.“ (S. 97).
Fazit
Der Sammelband ist analytisch angelegt und führt zur informativen Aufarbeitung des Bodenschutz-themas, so wie es der Verlag mit seiner Reihe „X-Texte“ verlangt: „sensible Beschreibung mit scharfer Analyse und (…) beides in einer angenehm lesbaren Form“.
Vorherrschend sind die wissenschaftliche Problematisierung des Themas und das Aufzeigen von praktikablen Lösungswegen. Das Buch setzt Prioritäten und ist hilfreich für neue Entscheidungen, aber leider kein Leitfaden für die anstehende Transformation. Leider fehlen auch Hinweise zu Praxis-Erfahrungen, wie sie z.B. seit 2015 im „boden:ständig“-Projekt vom Bayerischen Kompetenzzentrum Ländliche Entwicklung zum Bodenschutz gemacht werden (www.boden-staendig.eu).
Immerhin ist zu lesen: „Letztlich brauchen wir eine neue werte- und evidenzbasierte Debatte darüber, wie Gemeingüter wie der Boden im 21. Jahrhundert angesichts der globalen multiplen Krisen verwaltet werden sollte“ (S. 76).
Mit umfassenden und präventiven Bodenschutzmaßnahmen kann eine Umweltvorsorge entstehen, die unserer Zukunftssicherheit im Alltag – sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande – dient. Und zum Stadt-Land-Konflikt heißt es abschließend: „Überall ist es notwendig Boden und Fläche verantwortungsvoll zu hüten und vor Profit- und Exklusionslogik, Wettbewerb und Konkurrenz zu schützen.“ (S. 405). U.a. diese klugen Formulierungen machen das Buch zu einem Juwel unter den Bodenschutzbüchern und zu einer zwingenden Empfehlung für eine erkenntniserweiternde Lektüre.
DER SAMMELBAND MACHT DAS BODENTHEMA ZUM HIGHLIGHT!
Isabel Feichtner et al. (Hrsg.)
Stadt-Land-Boden.
Verbindende Bodenpolitik zwischen Stadt und Land.
Bielefeld: transcript Verlag, 2025
ISBN 978-3-8376-76122-9 (24,00 €)
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„Es ist eine Frage der Verbundenheit, der Lebensweise, die man uns gerade entreißt, des Bodens, des Eigentums, die unter unseren Füßen entgleiten.“
Bruno Latour (1947-2022), Französischer Philosoph
(Das terrestrische Manifest, S. 17)
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