Solarstrom wird zum Hitzeschutz für Europas Stromnetz
Die Sommerhitze wird für Europas Stromversorgung zu einer immer größeren Herausforderung. Im Juni und Juli 2026 folgten mehrere Hitzewellen aufeinander, in zahlreichen Regionen kletterten die Temperaturen auf über 40 Grad Celsius. Gleichzeitig herrschte in weiten Teilen Europas Trockenheit.
Das brachte das Stromsystem gleich von mehreren Seiten unter Druck: Bei hohen Temperaturen steigt der Bedarf für Klimaanlagen und Kühlung deutlich. Gleichzeitig können einige konventionelle Kraftwerke weniger Strom produzieren. Auch die Wasserkraft leidet unter niedrigen Pegelständen.
Doch ausgerechnet eine Technologie, die bei Hitze besonders viel Energie liefert, erwies sich als wichtiger Puffer: Solarenergie.
Eine aktuelle Analyse von Ember untersuchte die Situation in Frankreich, Spanien, Italien und Ungarn und kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Rekordproduktion von Solarstrom half, die zusätzliche Nachfrage während der heißesten Stunden des Tages abzufedern und die Stromnetze zu stabilisieren.
Bis zu 25 Prozent mehr Strombedarf
Die Hitzewellen ließen den täglichen Stromverbrauch teilweise massiv steigen. Besonders deutlich war der Effekt in Ungarn und Italien. Dort lag die Nachfrage während der Hitzeperioden deutlich über dem üblichen Niveau.
Der Grund liegt auf der Hand: Mit steigenden Temperaturen laufen Klimaanlagen, Ventilatoren und Kühlsysteme auf Hochtouren. Der Stromverbrauch verschiebt sich damit zunehmend in eine Richtung, die für Europas Energiesystem künftig wichtiger werden dürfte.
Denn Hitzewellen werden durch den Klimawandel häufiger und intensiver erwartet – und gleichzeitig steigt die Zahl der Klimaanlagen. Nach der Ember-Analyse erhöhte sich der tägliche Strombedarf während der untersuchten Hitzeperioden um bis zu ein Viertel.
Genau dann liefert Solar besonders viel
Die gute Nachricht: Die Photovoltaik produziert ihren Strom genau während jener Stunden, in denen die Hitze den Strombedarf nach oben treibt.
An den Hitzewellentagen im Juni und Juli lag die Solarstromproduktion laut Ember um bis zu 17 Prozent über dem Niveau anderer Tage.
Damit trafen sich zwei Entwicklungen, die für die Stabilität des Stromnetzes entscheidend sind: Mehr Hitze führte zu mehr Kühlbedarf – und mehr Sonneneinstrahlung gleichzeitig zu mehr Solarstrom.
Besonders wichtig war dies in den Mittags- und frühen Nachmittagsstunden. Dort konnte Solarstrom einen erheblichen Teil der zusätzlichen Nachfrage abdecken.
Wenn die Sonne untergeht, wird es kritisch
Wenn die Temperaturen am Abend noch hoch sind, laufen Klimaanlagen und andere Kühlsysteme weiter. Gleichzeitig fällt die Solarstromproduktion innerhalb kurzer Zeit stark ab.
Genau dann können Strompreise und Netzbelastung besonders stark steigen.
In Italien und Spanien erreichten die Day-Ahead-Strompreise während der untersuchten Hitzeperioden laut Ember Werte, wie sie zuletzt während der europäischen Energiekrise im Winter 2022/23 beobachtet worden waren. Zur hohen Nachfrage kamen hohe Gaspreise hinzu.
Das bedeutet: Solarenergie kann die Mittagsspitze entschärfen. sie löst aber alleine nicht das Abendproblem.
Speicher werden zum entscheidenden Baustein
Für Ember liegt deshalb ein wesentlicher Schlüssel in der Kombination aus Photovoltaik und Batteriespeichern.
Der Solarstrom, der mittags im Überfluss vorhanden ist, könnte gespeichert und am Abend wieder ins Netz eingespeist werden. Damit ließe sich die sogenannte „Duck Curve“ – das typische Absinken der Residuallast während der Solarstunden und der steile Anstieg danach – deutlich abflachen. Gerade bei extremen Wetterlagen könnte das entscheidend sein.
Ein weiterer Baustein ist flexibler Stromverbrauch. Klimaanlagen, Wärmepumpen, Elektroautos, industrielle Verbraucher und andere flexible Lasten könnten teilweise dann Strom beziehen, wenn besonders viel günstiger Solarstrom verfügbar ist.
Damit würde aus einer Herausforderung eine Chance: Statt immer mehr Kraftwerksleistung für wenige extreme Stunden bereitzuhalten, könnte das Stromsystem stärker auf Speicher, flexible Nachfrage und erneuerbare Erzeugung setzen.
Hitze verändert die Logik des Stromsystems
Die Entwicklung zeigt auch, warum die Energiewende nicht mehr allein über die Frage diskutiert werden sollte, wie viel erneuerbarer Strom produziert werden kann.
Entscheidend wird zunehmend die Frage:
Wann wird der Strom gebraucht – und wann steht er zur Verfügung?
Die diesjährigen Hitzewellen liefern dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Solarstrom und Strombedarf entwickelten sich während des Tages teilweise in dieselbe Richtung. Das machte Photovoltaik zu einem wichtigen Stabilitätsfaktor.
Gleichzeitig zeigte sich aber, dass das Stromsystem am Abend noch verwundbar ist.
Für Europa bedeutet das: Mehr Solarenergie kann Teil der Antwort auf zunehmende Hitze sein – vorausgesetzt, Netze, Speicher und flexible Verbraucher wachsen mit.
Die Energiewende könnte damit paradoxerweise auch zu einem Instrument der Klimaanpassung werden. Je heißer die Sommer werden und je mehr Kühlung benötigt wird, desto wertvoller wird Strom aus der Sonne – sofern er über den ganzen Tag hinweg nutzbar gemacht werden kann.
- +25 %: So stark konnte der tägliche Strombedarf während der Hitzewellen steigen.
- +17 %: So viel mehr Solarstrom wurde an Hitzewellentagen teilweise produziert.
- >40 °C: Solche Temperaturen wurden in mehreren europäischen Regionen erreicht.