PV-Direktinvestments im DACH-Raum: Weniger Neubau, mehr Interesse an Bestandsanlagen
Statt selbst zu planen und zu bauen, erwerben Investoren laufende Anlagen und kommen so ohne Bauzeit direkt zu Einnahmen aus der Energiewende. Denn wer eine bestehende Anlage kauft, erwirbt nicht nur Technik, sondern einen dokumentierten Ertragsstrom. Für einen Markt, der jahrelang vor allem auf Zubau ausgerichtet war, ist das eine spürbare Verschiebung.
Weniger Neubau, mehr Interesse an Bestandsanlagen
Die Daten aus dem Handwerk verdeutlichen die Verschiebung. In der Auswertung seiner Frühjahrskonjunkturumfrage 2026 stellt der ZVEH fest, dass die Installationszahlen bei Photovoltaik und Stromspeichern 2025 rückläufig waren, wie der Fachdienst tga fachplaner berichtet. Zugleich tragen die elektrohandwerklichen Betriebe weiterhin den mit Abstand größten Teil des Dachgeschäfts: An 72 Prozent der installierten PV-Dachanlagen waren sie 2025 beteiligt, schreibt die ElektroWirtschaft.
Für den Markt bedeutet das nicht zwangsläufig einen Rückzug aus der Solarenergie, sondern eher eine Reifung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind allein in Deutschland mehrere Millionen Anlagen entstanden, viele davon mit langfristig gesicherter Einspeisevergütung. Genau dieser Bestand entwickelt sich zu einem eigenen Marktsegment: Eigentümer verkaufen laufende Anlagen, Investoren erwerben sie als Ertragsquelle. Wer heute neu baut, konkurriert zudem um oft knappe Netzanschlusskapazitäten – ein Vorteil für alle, die eine Anlage mit bereits gesichertem Netzanschluss übernehmen. Für Kapitalanleger eröffnet das einen Markt, der noch vor wenigen Jahren kaum organisiert war.
Warum Bestandsanlagen für Investoren interessant sind
Der entscheidende Unterschied zum Neubau liegt in der Zeit. Wer eine bereits am Netz befindliche Anlage erwirbt, erzielt von Beginn an laufende Erträge aus der Stromeinspeisung – ohne Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeit und ohne das Risiko von Verzögerungen beim Netzanschluss. Bei Anlagen mit Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist die Einspeisevergütung grundsätzlich für 20 Jahre fest vereinbart.
Zudem ist bei Bestandsanlagen in der Regel genau dokumentiert, wie viel Strom sie in den vergangenen Jahren tatsächlich geliefert haben – eine Datenbasis, die Neubauprojekte nicht bieten können. Für viele Anleger ist diese Kombination aus sofortigem Ertrag und langfristiger Vergütungssicherheit der eigentliche Reiz.
Entsprechend wächst die Infrastruktur für diesen Sekundärmarkt. Spezialisierte Vermittlungsplattformen bringen Verkäufer und Kaufinteressenten zusammen und prüfen die angebotenen Projekte vorab auf Wirtschaftlichkeit, Ertragskraft und Dokumentation. Ein Beispiel dafür ist die Plattform pvmarktplatz.de, die sich auf gewerbliche Photovoltaik-Anlagen konzentriert und neben Bestandsanlagen auch Neubauprojekte und Speicherprojekte listet.
Auch klassische Energieberater und Steuerkanzleien vermitteln inzwischen verstärkt zwischen Anlagenbesitzern und Interessenten. Solche Angebote machen den bislang eher intransparenten Anlagenhandel für eine breitere Gruppe zugänglich – für Unternehmer, die steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten nutzen wollen, ebenso wie für Anleger, die gezielt nach Sachwerten mit laufenden Erträgen suchen.
Steuervorteile als Treiber: der Investitionsabzugsbetrag
Ein wesentlicher Treiber des wachsenden Interesses ist steuerlicher Natur. Der Investitionsabzugsbetrag (IAB) nach § 7g EStG erlaubt es Unternehmern unter bestimmten Voraussetzungen, bis zu 50 Prozent der voraussichtlichen Anschaffungskosten einer geplanten Investition bereits vor der Anschaffung gewinnmindernd abzuziehen. Hinzu kommen eine Sonderabschreibung von insgesamt bis zu 40 Prozent in den ersten Jahren (gültig für Anschaffungen ab dem 1. Januar 2024 gemäß Wachstumschancengesetz) sowie die reguläre lineare Abschreibung über die Nutzungsdauer.
Eine Beispielrechnung veranschaulicht die Größenordnung: Bei einer Investitionssumme von 100.000 Euro lassen sich über den IAB 50.000 Euro vorab absetzen. Bei einem persönlichen Steuersatz von 42 Prozent entspricht das einer Steuerersparnis von rund 21.000 Euro. Diese Rechnung ist jedoch nur ein vereinfachtes Beispiel: Die tatsächliche Ersparnis hängt von der individuellen Steuersituation, der rechtzeitigen Umsetzung der Investition und weiteren gesetzlichen Bedingungen ab. Eine solche Überschlagsrechnung ersetzt daher keine individuelle steuerliche Beratung.
Marktbeobachter führen einen spürbaren Teil der Nachfrage nach Bestandsanlagen auf genau diesen Mechanismus zurück: Der IAB setzt voraus, dass die Investition innerhalb eines bestimmten Zeitraums tatsächlich erfolgt. Bestandsanlagen lassen sich dabei deutlich kurzfristiger erwerben als Neubauprojekte, für die erst Flächen gesichert, Genehmigungen eingeholt und Anlagen errichtet werden müssen. Hinzu kommt, dass die Förderkulisse für Neuanlagen politisch immer wieder angepasst wird, was Planungsunsicherheit erzeugt – Bestandsanlagen mit laufender Vergütung wirken dagegen kalkulierbarer.
Marktentwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz
In Deutschland prägt der beschriebene Kontrast das Bild: rückläufiger Zubau bei Neuinstallationen, gleichzeitig wachsendes Interesse am Anlagenzweitmarkt. Unabhängig erhobene Zahlen zu Transaktionsvolumina oder zur Zahl der Investoren im Direktinvestment-Segment liegen bislang nicht vor; Branchenvertreter beschreiben die Nachfrage jedoch übereinstimmend als deutlich zunehmend. Auch regionale Unterschiede spielen eine Rolle: In Regionen mit vielen älteren Anlagen, etwa in Süd- und Ostdeutschland, dürfte das Angebot an Bestandsanlagen besonders groß sein.
In Österreich dokumentiert der Marktbericht „Innovative Energietechnologien in Österreich – Marktentwicklung 2024“ der Forschungseinrichtung AEE INTEC einen weiterhin dynamischen Photovoltaik-Ausbau. Mit dem wachsenden Anlagenbestand rücken auch dort Themen wie Repowering, Anlagenverkauf und Zweitmarkt stärker in den Blick, wenngleich belastbare Statistiken zum Direktinvestment-Segment ebenfalls fehlen.
Ein ähnliches Bild zeigt die Schweiz: Die „Statistik Sonnenenergie 2025“ des Bundesamts für Energie (BFE) und des Fachverbands Swissolar verzeichnet einen anhaltenden Zubau. Jedes zusätzliche Betriebsjahr vergrößert auch hier den Bestand an Anlagen, die künftig verkauft, refinanziert oder modernisiert werden könnten – die Grundlage für einen Sekundärmarkt, der über Deutschland hinaus an Bedeutung gewinnt.
Dass dabei ein gesicherter Netzanschluss einen eigenen Wert darstellt, zeigt auch die Praxis jenseits der Photovoltaik: Bei einem Großspeicherprojekt in Niedersachsen wurde zuletzt der vorhandene Netzanschluss eines Windparks genutzt, um langwierigen Netzausbau zu vermeiden, wie oekonews.at berichtete.
Worauf Investoren bei Bestandsanlagen achten sollten
So attraktiv der sofortige Cashflow klingt: Der Kauf einer Bestandsanlage bleibt eine unternehmerische Entscheidung, die sorgfältige Prüfung verlangt. Zur fachgerechten Due Diligence gehören die vollständige Dokumentation der Anlage, die Einspeise- und Vergütungsverträge, Wartungsnachweise und Ertragsdaten der vergangenen Jahre sowie der technische Zustand von Modulen und Wechselrichtern.
Neben der Technik gehört auch die Vertragsseite auf den Prüfstand: Pachtverträge für Dach- oder Grundstücksflächen, Betriebsführungsvereinbarungen und mögliche Altlasten können den Wert einer Anlage deutlich beeinflussen. Eine unabhängige Prüfung durch Experten ist ratsam – ebenso ein realistischer Blick auf die Restlaufzeit der Vergütung und die Annahmen der Ertragskalkulation.
Als Renditeerwartung werden am Markt häufig etwa 8 bis 10 Prozent genannt; bei Bestandsanlagen mit kurzer Restlaufzeit der Vergütung können die rechnerischen Werte auch deutlich darüber liegen. Solche Angaben sind allerdings Erwartungswerte auf Basis konkreter Projektdaten, keine Garantien: Standort, Anlagenzustand, Wetter und Vertragsbedingungen entscheiden über das tatsächliche Ergebnis. Wer Angebote vergleicht, sollte deshalb nicht nur auf die Prozentzahl schauen, sondern auf die Daten, aus denen sie abgeleitet wurde.
Der Photovoltaikmarkt im DACH-Raum verändert sich: Aus einem reinen Zubaumarkt wird zunehmend ein Markt, in dem bestehende Anlagen gehandelt, geprüft und als Kapitalanlage genutzt werden. Für Eigentümer entstehen neue Verkaufsoptionen, für Investoren neue Zugänge zur Energiewende. Wie stark sich das Segment der PV-Direktinvestments künftig entwickelt, wird auch davon abhängen, wie transparent und professionell der wachsende Sekundärmarkt organisiert wird – und wie stabil die energiepolitischen Rahmenbedingungen bleiben. Die Voraussetzungen dafür – ein großer Anlagenbestand und ein schwächeres Neubaugeschäft – dürften vorerst bestehen bleiben.
PR