Polen schreibt Energiegeschichte: Erneuerbare überholen erstmals Kohle
Warschau – Polen, einst als „Kohleland Europas“ bekannt, erlebt einen historischen Wendepunkt in seiner Energieversorgung: Im Juni 2025 stammte erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Quellen als aus Kohle. Mit einem Anteil von 44,1 Prozent überholte grüne Energie knapp, aber symbolträchtig, den Kohlestrom, der auf 43,7 Prozent zurückfiel. Ein Meilenstein für das Land – und ein starkes Signal für ganz Europa.
Der polnische Energie-Thinktank Forum Energii veröffentlichte diese Zahlen auf Basis von Daten des nationalen Stromnetzbetreibers. Die Analyse zeigt: Der Trend ist eindeutig. Zum ersten Mal machte Kohlestrom ein ganzes Quartal lang weniger als die Hälfte der polnischen Stromproduktion aus. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil von Kohle auf 46,2 Prozent gefallen – ein beachtlicher Rückgang.
„Das vergangene Quartal war ein echter Durchbruch für erneuerbare Energien“, sagt Marek Józefiak, Klima- und Energie-Campaigner von Greenpeace Polen.
„Wir sind endlich auf dem richtigen Weg, aber die Fortschritte hätten schneller gehen können, wenn Politiker früher gehandelt und nicht so lange auf Kohlegewerkschaften Rücksicht genommen hätten.“
Die Entwicklung zeigt nicht nur den ökologischen, sondern auch den ökonomischen Wandel. Laut Forum Energii können viele Kohlekraftwerke nur noch dank staatlicher Subventionen betrieben werden. Erneuerbare Energien hingegen – insbesondere Solar- und Windkraft – sind mittlerweile günstiger, effizienter und zukunftsfähiger. Polen verfügt derzeit über 23 Gigawatt (GW) Solarkraftwerke und lediglich 11 GW Onshore-Windkraft.
Tobiasz Adamczewski, Vizepräsident des Forums, betont: „Das ist eine gravierende Veränderung für Polen. Wenn erneuerbare Energien weiterhin Kohle überflügeln, wird das einen Schneeballeffekt auslösen – weg von fossiler Abhängigkeit, hin zu echter Energiesouveränität.“
Der Wandel kommt nicht von ungefähr: Die Regierung von Premierminister Donald Tusk hat begonnen, die polnische Energiepolitik neu auszurichten. Sie will das Energiesystem diversifizieren und unabhängiger von fossilen Brennstoffen machen. Laut dem polnischen Windenergieverband werden durch den Bau von Windkraftanlagen 50.000 bis 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Stahlindustrie betont ausdrücklich, dass die Nutzung der Windenergie der Schlüssel zum Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit sei.
Trotz dieser Fortschritte bleibt Polen noch einer der größten Kohleproduzenten der EU – und das Land mit dem höchsten Anteil von Kohle an der Stromerzeugung. Doch die neuen Zahlen zeigen: Die Richtung stimmt.
Um diesen Trend im Herbst und Winter aufrechtzuerhalten, muss die Novelle des Windparkgesetzes in Kraft treten, die demnächst dem polnischen Präsidenten vorgelegt wird.
Dass gerade Polen, lange ein Bremser beim Klimaschutz, nun beim Ausbau erneuerbarer Energien voranschreitet, ist ein Wendepunkt für die gesamte Europäische Union. Es zeigt: Die Zukunft gehört den Erneuerbaren – nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch, weil sie sich wirtschaftlich rechnen. Marek Józefiak bringt es auf den Punkt: „Polen hat lange gezögert – doch jetzt hat die Energiewende auch hier begonnen. Und sie ist nicht mehr aufzuhalten.“
Verwandte Artikel
- Die Sonne liefert gerade günstigen Strom.
- Deutschland; Neue Netzentgeltpläne gefährden Ausbau der Solarenergie
- EABG: Ausbauziele sind keine Verhandlungsmasse, sondern eine Frage der Realität
- Europas Energie-Zukunft steht in Nickelsdorf: PÜSPÖK eröffnet Mega-Kraftwerk aus Wind, Sonne und Speicher
- Energiewende hautnah: Ein Blick hinter die Kulissen moderner Energieprojekte
- ZEIGE ALLE BERICHTE ZU DIESEM THEMA