Niedriger Donaupegel zwingt Rumänien zur Abschaltung von Atomreaktor
Der historisch niedrige Wasserstand der Donau hat in Rumänien zur kontrollierten Abschaltung eines Atomreaktors geführt. Der Betreiber Nuclearelectrica kündigte gestern an, Block 1 des Kernkraftwerks Cernavodă am heutigen 28. Juli vom nationalen Stromnetz zu nehmen. Grund sei der „sehr niedrige, beispiellose Wasserstand der Donau“, der auf die schwere Dürre zurückgeführt wird.
Nach Angaben des rumänischen Energieministeriums ist der Donau-Durchfluss inzwischen auf rund 1.630 Kubikmeter pro Sekunde gesunken. Die Abschaltung von Block 1 soll heute Vormittag beginnen. Grundlage für die Entscheidung sind die aktuellen hydrologischen Prognosen des Nationalen Instituts für Hydrologie und Wasserwirtschaft (INHGA).
Die Maßnahme dient vor allem dem Schutz der Kühlanlagen. Nach Angaben des Ministeriums könnte ein Ausfall einer der drei Kühlpumpen umfangreiche Reparaturen erforderlich machen, die sich über mehrere Monate bis hin zu einem Jahr erstrecken könnten. Die Kraftwerksexperten beobachten die Situation laufend und ergreifen Maßnahmen, um die Sicherheitsmargen einzuhalten. Sollte der Wasserstand weiter sinken, könnte auch die Abschaltung weiterer Reaktoreinheiten notwendig werden.
Auswirkungen auf die Stromversorgung des Landes erwartet die rumänische Regierung derzeit nicht. Premierminister Ilie Bolojan, der auch Energieminister ist, berief angesichts der Situation eine Sitzung des Energiekommandos ein. Das Kernkraftwerk liefert im Schnitt rund 20% des rumänischen Strombedarfs. Für diese Woche wird der Spitzenstromverbrauch auf rund 7.300 Megawatt geschätzt. Wegen der Feiertage liegt dieser Wert rund 700 Megawatt unter den Spitzenlasten der vergangenen Wochen.
Die heimische Stromproduktion soll laut Energieministerium zwischen 4.000 und 4.300 Megawatt decken. Die verbleibende Nachfrage soll durch Stromimporte gedeckt werden. Für private Haushalte seien keine direkten Preissteigerungen zu erwarten, da diese über Jahresverträge mit fixierten Preisen verfügen.
Die Situation zeigt, wie stark die Energieinfrastruktur von den Folgen extremer Wetterlagen betroffen sein kann. Neben der Verfügbarkeit von Strom rückt damit auch die Frage nach ausreichenden Kühlwassermengen für thermische Kraftwerke in den Mittelpunkt. Ein Vorteil ist der starke Ausbau erneuerbarer Energien: Windkraft und Photovoltaik sowie der zunehmende Einsatz von Stromspeichern können dazu beitragen, die Abhängigkeit von einzelnen zentralen Kraftwerken zu verringern und die Versorgung in Zeiten extremer Wetterbedingungen flexibler abzusichern.
6 von 10 Rumänen sehen laut einer Umfrage von Greenpeace im ersten Quartal dieses Jahres erneuerbare Energien als Lösung für Rumäniens Energieunabhängigkeit und zur Energiesicherheit.