Mikroplastik: Die größten Verursacher sitzen nicht im Badezimmer, sondern auf der Straße
Das Bewusstsein ist hoch: 80 Prozent der Befragten halten Mikroplastik für ein eher oder sehr wichtiges Thema. Bei den tatsächlichen Hauptquellen liegen die Menschen teilweise richtig, allerdings mit deutlichen Fehleinschätzungen.
Reifenabrieb ist die wichtigste Quelle
Als häufigste Quelle nannten 78 Prozent synthetische Kleidung, gefolgt von 57 Prozent Reifenabrieb. Tatsächlich ist es umgekehrt: Nach einer Konsortialstudie des Fraunhofer-Instituts UMSICHT aus dem Jahr 2018 stammt jedoch mehr als die Hälfte des in die Umwelt gelangenden Mikroplastiks aus Reifenabrieb.
Auch synthetische Textilien gehören zu den bedeutenden Quellen. Laut einer IUCN-Studie aus dem Jahr 2017 sind sie weltweit für rund 35 Prozent des primären Mikroplastiks in den Ozeanen verantwortlich.
Deutlich überschätzt werden hingegen Verpackungen und Kosmetik. 55 Prozent der Befragten sehen Verpackungen als eine der wichtigsten Mikroplastikquellen, 43 Prozent nennen Kosmetik. In der wissenschaftlichen Bilanz des Fraunhofer-Instituts rangiert Kosmetik dagegen erst auf Platz 17. Verpackungen sind vor allem wegen des sichtbaren Plastikmülls ein Problem, tragen aber vergleichsweise wenig zur Entstehung von Mikroplastik bei.
„Die Menschen sind alarmiert und liegen bei den großen Verursachern gar nicht so falsch. Aber sie richten den Blick auf das, was im Regal steht – dabei entsteht das meiste Mikroplastik dort, wo man es eben nicht sieht: auf der Straße“, sagt Isabelle Weigand, Geschäftsführerin des bündnis mikroplastikfrei.
Besonders problematisch: Immer schwerere größere Fahrzeuge können den Reifenabrieb zusätzlich erhöhen. Abriebarme Reifen sind zwar bereits verfügbar, stehen aber teilweise vor einem Zielkonflikt zwischen geringem Abrieb und ausreichender Nasshaftung. Neue Materialien sollen diese Lücke schließen, sind aber noch nicht flächendeckend im Einsatz.
Forderung nach strengeren Regeln
Das bündnis mikroplastikfrei fordert deshalb verbindliche Vorgaben für abriebarme Reifen. Die ab Juli 2028 geltenden Euro-7-Grenzwerte für Reifenabrieb seien ein erster Schritt, müssten aber ambitioniert genug sein, um Innovationen bei den Reifenmaterialien voranzutreiben.
Auch in der Bevölkerung gibt es den Wunsch nach Veränderungen: 37 Prozent wünschen sich einfache Alternativen für den Alltag, 26 Prozent sprechen sich ausdrücklich für mehr Regeln und Vorgaben aus.
Die Schlussfolgerung des Bündnisses: Mikroplastik lässt sich nicht allein durch individuelles Konsumverhalten bekämpfen. Entscheidend seien politische Maßnahmen bei den großen Quelle, allen voran Reifenabrieb und synthetische Fast Fashion.