Klimakrise und Trophäenjagd setzen Österreichs Murmeltiere unter Druck
Wenn die Murmeltiere im Spätsommer noch einmal intensiv nach Nahrung suchen, geht es für sie um mehr als um die nächste Mahlzeit. Die Tiere müssen sich genügend Fettreserven für ihren bis zu sieben Monate dauernden Winterschlaf anfressen. Gleichzeitig beginnt in mehreren österreichischen Bundesländern die Murmeltierjagd.
Der Österreichische Tierschutzverein sieht darin eine zusätzliche Belastung für eine Art, die bereits mit den Folgen der Klimakrise zu kämpfen hat. Nach Angaben von Statistik Austria wurden im Jagdjahr 2024/25 7.143 Murmeltiere in Österreich erlegt. Mehr als die Hälfte davon entfiel auf Tirol mit 3.955 Tieren. Es folgten Salzburg mit 1.730, Kärnten mit 871, Vorarlberg mit 389 und die Steiermark mit 196 erlegten Murmeltieren.
Hitze wird zum Problem für die Alpentiere
Alpenmurmeltiere sind an extreme Bedingungen angepasst. Ihre weit verzweigten Bausysteme bieten Schutz vor Kälte, Hitze und Fressfeinden. Die meiste Zeit verbringen die Tiere unter der Erde und nutzen die kurzen Sommermonate, um ausreichend Nahrung aufzunehmen und Fettreserven für den Winter anzulegen.
Doch gerade die zunehmende Hitze setzt ihnen zu. „Die in den Alpen seit Jahren messbar gestiegenen Temperaturen drängen die ausgesprochen wärmeempfindlichen Tiere immer öfter in ihre kühlen Baue zurück“, erklärt Alexios Wiklund, Sprecher des Österreichischen Tierschutzvereins. Jede zusätzliche Zeit im Bau bedeutet demnach weniger Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme – und damit potenziell geringere Überlebenschancen im Winter.
Die klimatische Entwicklung ist im Alpenraum besonders deutlich. Nach Daten von GeoSphere Austria liegt die Erwärmung Österreichs gegenüber der vorindustriellen Referenzperiode 1850–1900 bei rund 3,1 Grad Celsius, während der globale Temperaturanstieg bei etwa 1,4 Grad liegt.
Kaum Möglichkeiten, in kühlere Regionen auszuweichen
Für Murmeltiere ist die Situation besonders problematisch, weil sie bereits in den hochalpinen Regionen leben. „In noch höheren Lagen können die Murmeltiere kaum mehr ausweichen, für sie wird es buchstäblich eng“, so Wiklund.
Der Österreichische Tierschutzverein verweist zudem darauf, dass das Alpenmurmeltier bereits seit 2005 in der Roten Liste der Säugetiere als „potenziell gefährdet“ geführt wird. Angesichts der veränderten klimatischen Bedingungen sei daher eine aktuelle wissenschaftliche Bewertung der Bestände notwendig.
Genau hier sieht der Verein ein grundlegendes Problem: Von 27 bundesweiten Roten Listen Österreichs seien derzeit nur drei aktuell genug, um ihre Funktion als wissenschaftliches Frühwarnsystem für den Artenschutz sinnvoll erfüllen zu können.
7.143 Abschüsse – trotz Gefährdungsperspektive
Die Jagd auf Murmeltiere ist in Österreich Ländersache. Die jeweiligen Jagdzeiten unterscheiden sich. In Tirol etwa beginnt die Saison am 15. August und endet am 30. September, in Salzburg läuft sie vom 16. August bis 15. Oktober. In Kärnten ist die Jagd bereits seit 1. August möglich und dauert bis 15. Oktober, in Oberösterreich reicht die Jagdzeit bis Ende Oktober.
Als Gründe für die Bejagung werden unter anderem Bestandsregulierung, mögliche Schäden an Almflächen sowie Fleisch- und Traditionsnutzung angeführt. Eine Rolle spielt auch der Jagdtourismus.
Gerade diesen kritisiert der Tierschutzverein besonders scharf. Kommerzielle Angebote vermarkten die Murmeltierjagd als Erlebnis in der Bergwelt. Bei einem Anbieter kostet eine Murmeltier-Trophäe beispielsweise 500 Euro, hinzu kommt ein Tagessatz von 350 Euro pro Jäger. Darin enthalten sind unter anderem Fahrten im Jagdgebiet, Unterlagen und die Betreuung durch Berufsjäger.
„Sportliche“ Jagd als touristisches Angebot
Für den Tierschutzverein stellt sich damit die Frage, ob die Jagd auf Murmeltiere unter den heutigen Bedingungen noch zeitgemäß ist.
„Die sportliche Jagd auf Murmeltiere widerspricht unseren ethischen Grundsätzen und den Zielen des Tierschutzes“, sagt Wiklund. Sie fördere eine Mentalität, in der das Leben von Tieren zur Ware werde.
Auch der internationale Vergleich ist aus Sicht der Tierschützer relevant: Während Murmeltiere in Deutschland ganzjährig geschützt sind und in Italien nur unter bestimmten Bedingungen erlegt werden dürfen, gelten in Österreich vergleichsweise großzügige Jagdregelungen.
Tierschutzverein fordert bessere Daten
Die Debatte dreht sich damit nicht nur um die grundsätzliche Frage der Jagd, sondern auch um die wissenschaftliche Grundlage für Abschussentscheidungen. „Wir brauchen keine Jagdreisen, bei denen Murmeltiere für den reinen Nervenkitzel zu Zielscheiben degradiert werden“, sagt Wiklund. Notwendig seien vielmehr aktuelle Bestandsdaten und eine wissenschaftliche Bewertung der Auswirkungen des Klimawandels.
Denn gerade bei Arten, deren Lebensraum sich durch die Erderwärmung verändert, könnten historische Bestandsannahmen schnell überholt sein.
Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie viele Murmeltiere gibt es tatsächlich noch – und wie stark verkraften ihre Populationen den zusätzlichen Druck durch die Jagd?
Der Österreichische Tierschutzverein fordert deshalb eine Aktualisierung der Roten Listen und einen zeitgemäßen Schutz der alpinen Murmeltiere.