Klimakrise bedroht selbst robuste Korallen in der Karibik
Selbst widerstandsfähige Korallenarten geraten zunehmend unter Druck: Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachjournal Nature Scientific Reports, belegt, dass tropische Korallen im Karibischen Meer seit über einem Jahrhundert stetig an Wachstumsfähigkeit verlieren – mit dramatischen Folgen für das gesamte Ökosystem.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Freien Universität Berlin untersuchte die Korallenart Siderastrea siderea vor der Küste Martiniques über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren. Die Bilanz ist besorgniserregend: Die Fähigkeit der Korallen, Kalkstrukturen zu bilden – Grundlage stabiler Riffe – nimmt kontinuierlich ab. Besonders drastisch zeigt sich der Rückgang in den letzten Jahrzehnten, mit einem markanten Einbruch der Skelettdichte um 10,5 Prozent zwischen 2010 und 2020.
„Wir sehen deutlich, dass sich die Korallen immer schlechter an steigende Meerestemperaturen und zusätzliche Belastungen wie Küstenverschmutzung oder Bebauung anpassen können“, sagt Dr. Gabriel Cardoso, Paläontologe am Fachbereich Geowissenschaften der Freien Universität Berlin und Erstautor der Studie.
Bereits seit den 1950er Jahren ist ein Rückgang der Wachstumsraten messbar. Damals standen vor allem lokale Stressfaktoren im Fokus. Doch seit den 1980er Jahren häufen sich marine Hitzewellen infolge des globalen Klimawandels – und verschärfen die Situation weiter. Die Folge: Selbst Arten wie Siderastrea siderea, die bislang als besonders widerstandsfähig galten, sind zunehmend gefährdet.
Für ihre Analyse nutzten die Forschenden moderne Röntgentechnologie, um Wachstumsringe in Bohrkernen aus zwölf Korallenstöcken an vier Standorten südlich von Martinique sichtbar zu machen. So konnte die Entwicklung der Riffe von 1912 bis 2020 detailliert nachvollzogen werden. Das Projekt wurde im Rahmen des EU-Programms Horizon 2020 gefördert.
Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig ein umfassender Klimaschutz ist. „Regionale Schutzmaßnahmen bleiben wichtig“, so Cardoso. „Aber ohne eine deutliche Reduktion der globalen CO₂-Emissionen stehen auch die widerstandsfähigsten Korallenarten auf dem Spiel – mit gravierenden Folgen für Küstenschutz, Biodiversität, Fischerei und Tourismus.“