Kleines Kraftwerk, große Auswirkung: Cyberangriff zeigt neue Risiken für die Energieversorgung
Denn der Angriff zeigt, dass Cyberattacken nicht mehr nur Daten und Computersysteme betreffen. Sie können zunehmend direkt in den physischen Betrieb von Energieanlagen eingreifen. Die britische Regierung betonte zwar, dass weder das überregionale Stromnetz gefährdet war noch Haushalte ohne Strom blieben. Nach dem Vorfall wurden Energieunternehmen in Groß-Britannien jedoch aufgefordert, ihre Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe weiter zu verstärken.
Kraftwerke, Netze und immer mehr kleinere Energieanlagen werden über Sensoren, digitale Steuerungen und Fernzugriffe miteinander verbunden. Das macht den Betrieb effizienter und flexibler, vergrößert aber gleichzeitig die Zahl potenzieller Einfallstore für Angreifer.
Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt seit Jahren vor der wachsenden Zahl von Cyberangriffen auf den Energiesektor. Besonders kritisch sind industrielle Steuerungs- und Betriebssysteme, über die Angreifer im schlimmsten Fall direkt auf technische Anlagen zugreifen können.
Ein kleiner Angriff kann dabei strategisch bedeutsam sein: Wer erfolgreich in die Steuerung einer Anlage eindringt, kann nicht nur einen begrenzten Betriebsausfall verursachen, sondern auch wertvolle Erkenntnisse über Sicherheitsvorkehrungen und technische Abläufe gewinnen.
Wie weitreichend solche Angriffe werden können, zeigte bereits der russische Cyberangriff auf die ukrainische Energieversorgung im Dezember 2015. Damals wurden aus der Ferne Schalter in Stromverteilnetzen betätigt. Rund 230.000 Kunden waren zeitweise ohne Strom. Zusätzlich wurden Kommunikationssysteme der Energieunternehmen gestört und Schadsoftware eingesetzt, um die Wiederherstellung zu erschweren.
Der britische Vorfall ist mit diesem Angriff weder hinsichtlich des Ausmaßes noch der Folgen vergleichbar. Gemeinsam ist beiden Fällen jedoch die entscheidende Erkenntnis: Die Grenze zwischen Cyberangriff und physischem Angriff auf kritische Infrastruktur verschwimmt.
Gerade mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien, dezentraler Anlagen, Batteriespeicher und intelligenter Netze wird Cybersicherheit damit zu einem immer wichtigeren Bestandteil der Energiewende. Digitalisierung kann die Energieversorgung effizienter und flexibler machen – sie muss aber mit einem ebenso raschen Ausbau der Cyberresilienz einhergehen.
Der kleine britische Energieausfall mag deshalb glimpflich ausgegangen sein. Seine eigentliche Bedeutung liegt in der Warnung: Was digital erreichbar ist, kann im Energiesektor zunehmend auch physisch wirksam werden.