© Stadt Tallinn - Straßenbahn in Tallinn
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Tallinn: Freie Fahrt für alle Stadtbewohner ist ein Gewinn

Nun fahren Tallinns Bürger seit einem Jahr kostenlos mit den Öffis- Für die Stadt wirkt es sich positiv aus

Tallinn- Estlands Hauptstadt überrascht nicht nur mit einer schönen Altstadt. Ein großer Vorteil für die Bewohner ist auch, dass Straßenbahnen und Busse seit einem Jahr von den Einwohnern der Stadt vollkommen kostenlos genützt werden können. Erstmals wurde ein Schritt in diese Richtung in einer europäischen Hauptstaft gesetzt. Um die Busse schneller zu machen, wurden außerdem einige Autospuren zu Busspuren.

Nun gibt es eine erste Zwischenbilanz mit äußerst positiven Ergebnissen: rund 10% mehr Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr, 15 Prozent weniger Autoverkehr in der Innenstadt, 9 Prozent weniger Verkehr in der gesamten Stadt und eine Verringerung des CO2-Ausstoßes um 45.000 Tonnen. Bürgermeister Edgar Savisaar von der Zentrumspartei freut sich über die "Zukunftsfähigkeit" und die "Umweltentlastung" und betont außerdem die soziale Komponente, denn vollkommen egal, wieviel jemand verdient, er kann leicht Freunde oder Verwandte besuchen. Die Bevölkerung ist genauso zufrieden, mehr als 75 Prozent sind bereits vor einem Jahr bei einer Abstimmung dafür gewesen, nun scheint die Zahl noch gestiegen, 9 von 10 Befragten sind sehr zufrieden.

Trotz vieler kritischer Stimmen aus anderen europäischen Städten, die meinten das sei zu teuer, scheint Tallinn auf dem richtigen Weg, denn davor wurde nur etwa ein Drittel der Kosten des öffentlichen Verkehrs über die Tickets hereingebracht, der Rest war bereits davor subventioniert. Die Gratisöffis bringen der Stadt nämlich einen finanziellen Ausgleich, denn sie bekam mit der Maßnahme innerhalb eines Jahres rund 12.000 "neue" Bewohner, die nun offiziell ihren Wohnsitz nach Tallinn verlegt haben, das heißt rund 1200 Euro pro Person zusätzlich für die Stadtkasse. Bereits davor wurde nur ca. ein Drittel der Kosten des öffentlichen Verkehrs durch Tickets hereingebracht. Nachkontrolliert wird das ganze mittels Chipkarten. Weil das Gratisfahren in Bussen und Straßenbahnen so gut angenommen wurde, wurde es im November 2013 auch auf alle innerstädtischen Eisenbahnlinien ausgeweitet, mit noch positiveren Ergebnissen, mit 300 Prozent mehr Fahrgästen, in Bahnlinien, die davor nur wenig genutzt wurden.

Nun arbeitet man in der Stadt ambitioniert an weiteren Maßnahmen, die Bedürfnisse von
Fußgängern und Radfahrern sollen mehr im Fokus stehen, sogar das Entfernen eines Teils der Parkplätze in der Innenstadt ist ein Thema.

Bei der Wahl des neuen Stadtparlaments im November ist der Bürgermeister auch aufgrund dieser Maßnahme wieder gewählt worden und eine neue Vision steht im Zentrum: Ein kostenfreies öffentliches Verkehrsnetz in ganz Estland. Es hat sich etwas getan in Tallinn, Stadtplaner aus aller Welt sind erstaunt, wie es funktioniert, wie rasch eine Umstieg aus Öffis laufen kann. Tallinn hat Vorbildwirkung: Riga, Vilnius, St. Petersburg und Helsinki führen bereits ähnliche Debatten. Und was noch dazu passt: Siim Kallas, der EU-Verkehrskommissar, kennt das System in Tallinn besonders gut und bewertet es positiv, er ist nämlich selbst ebenfalls aus Estland.


Artikel Online geschalten von: / stevanov /