Gemeinsam statt gegeneinander: Wie die Agrar- und Ernährungswende gelingen kann
Bachhaltige Veränderungen lassen sich jedoch nicht einfach von oben verordnen. Zu unterschiedlich sind die Interessen entlang der Lebensmittelkette, zu groß die Sorge vor wirtschaftlichen Nachteilen.
Genau hier setzt das Forschungsprojekt COwLEARNING an, das von der BOKU University Wien geleitet wird. Wissenschaftler:innen arbeiten dabei gemeinsam mit Landwirt:innen, Verarbeitungsbetrieben, Handel, Gastronomie, NGOs und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft an einer zentralen Frage: Wie kann eine nachhaltige Milch- und Rindfleischversorgung in Österreich aussehen?
Statt Schuldzuweisungen in den Mittelpunkt zu stellen, setzt das Projekt auf Dialog und gemeinsames Lernen. Zu Beginn zeigte sich, wie stark die einzelnen Akteur:innen dazu neigen, die Verantwortung für bestehende Probleme anderen zuzuschieben. Doch im Laufe der Zusammenarbeit entstand Vertrauen – und die Erkenntnis, dass die Vorstellungen einer nachhaltigen Landwirtschaft oft ähnlicher sind als angenommen.
Gemeinsam entwickelte das rund 30-köpfige Netzwerk drei Zukunftsszenarien für das Jahr 2050. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte verbindet sie ein gemeinsames Ziel: eine Landwirtschaft, die innerhalb der ökologischen Grenzen unseres Planeten wirtschaftet, den Fleischkonsum reduziert, Tierwohl verbessert und regionale Kreisläufe stärkt. Dabei reichen die Ideen von einer modernen, regionalen Weidewirtschaft über digital unterstützte Kreislaufsysteme bis hin zu einer stärker gesundheitsorientierten Lebensmittelproduktion.
Die Szenarien sind nicht bloße Zukunftsträume. Umfangreiche Analysen zeigen, dass sie ökologisch tragfähig, wirtschaftlich plausibel und unter österreichischen Bedingungen umsetzbar sind. Untersucht wurden unter anderem Auswirkungen auf Treibhausgasemissionen, Wertschöpfung, Tierwohl sowie die Krisenfestigkeit der Systeme.
Nun arbeitet das Projekt an konkreten Transformationspfaden: Also daran, wie die gewünschten Zukunftsbilder tatsächlich erreicht werden können. Die Ergebnisse sollen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als Grundlage für Entscheidungen dienen und Impulse für eine österreichische Ernährungsstrategie liefern.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist jedoch eine andere: Nachhaltige Veränderungen entstehen dort, wo Menschen miteinander statt übereinander reden. Wenn Wissenschaft, Landwirtschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam Lösungen entwickeln, wächst nicht nur das Verständnis füreinander, sondern auch die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Die Agrar- und Ernährungswende ist damit nicht nur eine technische oder politische Aufgabe, sondern vor allem ein gemeinsamer gesellschaftlicher Lernprozess.
Die drei COwLEARNING-Szenarien
Szenario 2: „Smartes Miteinander – Digitale Kreisläufe für nachhaltige Lebensmittel“: Hier stehen mit digitaler Unterstützung regionale Kooperation und das Schließen von Stoffkreisläufen im Vordergrund. Konsument:innen und landwirtschaftliche Akteur:innen stehen „smart“ miteinander in Kontakt, etwa in Einkaufsgenossenschaften.
Szenario 3: „Ein individueller Teller Natur – Wohlbefinden für Mensch, Tier und Natur“ fokussiert auf Biotech- und Gesundheitsservices. Ernährung wird, auch als Präventionsmaßnahme, auf Basis genetischer Analysen optimiert, unterstützt durch spezielle Tierzüchtungen oder Produktionstechniken. Landwirtschaft und Gesundheitsunternehmen arbeiten eng zusammen. Der „One Welfare“-Ansatz, der das Wohlbefinden von Mensch, Tier und Natur zusammendenkt, sorgt für die Nachhaltigkeit des gesamten Öko- und Versorgungssystems.
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