Gas verliert seinen Einfluss: Großbritannien koppelt Strompreise zunehmend von fossilen Energien ab
Bis 2030 soll dieser Anteil auf 36 % des gesamten britischen Strommixes steigen. Die Entwicklung gilt als wichtiger Schritt hin zu stabileren Energiepreisen in Zeiten geopolitischer Krisen und volatiler Gasmärkte.
Normalerweise bestimmt Gas den Strompreis an der Börse – weil Gaskraftwerke meist die teuerste Form der Stromerzeugung sind. Im sogenannten Grenzkostenmarkt - bei uns als Merit Order bekannt- richtet sich der Strompreis nach dem jeweils teuersten Kraftwerk, das noch benötigt wird.
Doch Großbritannien baut zunehmend auf sogenannte Contracts for Difference (CFD). Dabei erhalten Betreiber von Wind- und Solaranlagen langfristige Festpreise, die über Auktionen festgelegt werden. Dadurch werden Teile der Stromversorgung vom Gasmarkt entkoppelt.
Aktuell laufen bereits rund 10 Gigawatt erneuerbare Kapazität unter diesem Modell. Bis 2032 befinden sich zusätzlich bis zu 36 Gigawatt neue Wind- und Solaranlagen in Planung oder Entwicklung.
Die Zahlen zeigen einen deutlichen Trend: Neue Solar- und Windkraftprojekte sind mittlerweile günstiger als Strom aus Gas.
Die jüngsten britischen Auktionen ergaben:
- Solarstrom: 65,20 Pfund pro Megawattstunde
- Offshore-Wind: 91,20 Pfund pro Megawattstunde
Zum Vergleich: Der durchschnittliche Strompreis aus Gas lag Anfang 2026 noch bei rund 89 Pfund/MWh, er stieg im März und April jedoch infolge geopolitischer Spannungen auf durchschnittlich 108 Pfund/MWh.
Vor allem die Konflikte rund um Iran, Israel und die USA sorgten zuletzt erneut für Turbulenzen auf den globalen Energiemärkten.
Die Analyse zeigt auch, wie stark erneuerbare Energien bereits heute die Großhandelspreise beeinflussen:
- In Stunden, in denen Gas weniger als 20 % des Strommixes ausmachte, lag der durchschnittliche Strompreis 2025 bei rund 60 Pfund/MWh.
- Wenn Gas hingegen mehr als die Hälfte des Stroms erzeugte, stiegen die Preise auf durchschnittlich 130 Pfund/MWh.
Der Anteil sauberer Energien wirkt damit bereits jetzt preisdämpfend – noch bevor das Energiesystem vollständig klimaneutral ist.
Besonders deutlich wurde dieser Effekt im Frühjahr 2026. Während die internationalen Gasmärkte auf geopolitische Konflikte reagierten, erreichte Großbritannien gleichzeitig neue Rekorde bei der Windstromproduktion.
Im März 2026 deckte Windkraft erstmals 42 % der britischen Stromerzeugung ab. Der Anteil von Gas fiel gleichzeitig auf nur noch 27 % – der niedrigste März-Wert seit über zehn Jahren.
Auch im April setzte sich dieser Trend fort:
- Windenergie deckte 37 % des Strombedarfs
- Gaskraftwerke lieferten nur noch 19 %
- Am Nachmittag des 22. April sank der Gasanteil zeitweise sogar auf historische 1,2 %
Die Entwicklung zeigt, dass erneuerbare Energien nicht nur dem Klimaschutz dienen, sondern zunehmend auch als Schutzschild gegen Energiekrisen wirken.
Ember-Analyst Frankie Mayo erklärt: „Das Energiesystem muss nicht vollständig dekarbonisiert sein, damit Verbraucher von günstigeren Preisen profitieren. Schon jetzt sinken die Strompreise deutlich, sobald Gaskraftwerke nur noch eine geringe Rolle spielen.“
Großbritannien demonstriert derzeit, wie erneuerbare Energien nicht nur Emissionen senken, sondern auch die Abhängigkeit von geopolitisch riskanten Gasimporten reduzieren können. Mit jedem zusätzlichen Windpark und jeder neuen Solaranlage verliert Gas seinen Einfluss auf den Strompreis – und das Stromsystem wird stabiler, berechenbarer und langfristig einfach günstiger.