Frankreichs neuer Energieplan: Demokratischer Rückschritt, ökologisches Risiko und wirtschaftlicher Irrweg
Paris- Mit einem im Amtsblatt veröffentlichten Dekret hat Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu das dritte mehrjährige Energieprogramm Frankreichs vorgestellt. Dieses Programm legt die Ziele der Energieproduktion für die kommenden zehn Jahre fest – und markiert nach Ansicht zahlreicher Kritiker einen folgenschweren Kurswechsel in der französischen Energiepolitik.
Drei Jahre verspätet – ohne parlamentarische Debatte
Ursprünglich hätte die dritte „Programmation pluriannuelle de l’énergie“ bereits 2023 erscheinen sollen. Nun liegt sie mit dreijähriger Verspätung vor – und wurde per Dekret erlassen, ohne vorherige parlamentarische Debatte. Dabei hätte sie eigentlich die konkrete Umsetzung des französischen Energie- und Klimagesetzes darstellen sollen, das Klimaneutralität bis 2050 vorsieht.
Stattdessen steht das neue Programm für eine deutliche Abkehr von bisherigen Zielen: Der Anteil von Solarenergie und Onshore-Windkraft wird reduziert, während der Kurs klar in Richtung einer massiven Stärkung der Kernenergie weist. Damit widerspricht der Energieplan in zentralen Punkten den Zielsetzungen des Vorgängerprogramms.
Verpflichtung zu hoher Atomstromproduktion
Kernstück des neuen Plans ist die Verpflichtung mit der bestehenden Atomkraftwerksflotte jährlich mindestens 380 Terawattstunden Strom zu produzieren – ein Niveau, das seit 2019 nicht mehr erreicht wurde. Zugleich sollen die Laufzeiten der Reaktoren auf 50 bis 60 Jahre ausgedehnt werden.
Während der alte Energieplan aus dem Jahr 2020 noch die Stilllegung von 14 Reaktoren vorsah, wird nun det Bau von sechs bis zu 14 neuen EPR2-Reaktoren geplant. Der erste davon könnte frühestens 2038 ans Netz gehen – wobei branchentypische Bauverzögerungen noch gar nicht eingerechnet sind. Für die zunächst vorgesehenen sechs Reaktoren liegen weder abschließende Baugenehmigungen noch endgültige Investitionsentscheidungen vor.
Hohe Kosten und wirtschaftliche Risiken
Die wirtschaftlichen Risiken sind erheblich. Bereits im Januar 2025 erklärte der Europäischer Rechnungshof in einem Bericht, dass der EPR-Reaktor in Flamanville nicht rentabel sei. Innerhalb von nur vier Jahren stiegen die Baukosten der geplanten sechs EPR2-Reaktoren um rund 20 Milliarden Euro – ein Plus von 40 Prozent!
Angesichts wiederkehrender Verzögerungen, technischer Probleme und unsicherer Finanzierungsmodelle drohen weitere Kostensteigerungen. Diese würden letztlich die Strompreise erhöhen – eine zusätzliche Belastung für Haushalte, die bereits heute unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden.
Neben ökonomischen Argumenten stehen auch Sicherheits- und Umweltfragen im Zentrum der Kritik. Die französische Reaktorflotte ist großteils alt, während es gleichzeitig an qualifizierten Fachkräften mangelt. Der staatliche Energiekonzern Électricité de France (EDF) greift zunehmend auf Subunternehmen für zentrale Wartungs- und Reparaturarbeiten zurück – ein Umstand, der nach Ansicht von Kritikern zusätzliche Risiken birgt.
Hinzu kommen regelmäßige Einleitungen radioaktiver und chemischer Stoffe wie Tritium oder PFAS in die Umwelt. Auch in geopolitischer Hinsicht gelten Atomkraftwerke als sensible Infrastruktur: Im Falle eines bewaffneten Konflikts könnten sie potenzielle Angriffsziele darstellen.
Abhängigkeit vom Ausland
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Energieabhängigkeit. Das für den Betrieb der Reaktoren benötigte Uran wird vollständig importiert. Russland spielt dabei weiterhin eine zentrale Rolle in der Urananreicherung und -weiterverarbeitung sowie als Transitland für Lieferungen aus Usbekistan und Kasachstan – zwei der wichtigsten Uranlieferanten Frankreichs.
Gleichzeitig bleibt Frankreich zu rund 60 Prozent von fossilen Energieträgern abhängig. Die jährlichen Kosten dafür belaufen sich auf etwa 60 Milliarden Euro – Gelder, die ins Ausland fließen und Frankreich wirtschaftlich wie politisch verwundbar machen.
Forderung nach Kurswechsel
Für das Netzwerk „Ausstieg aus der Kernenergie“, vertreten durch Damien Renault und Françoise Pouzet, steht fest: Der neue Energieplan ist politisch unverantwortlich, demokratisch fragwürdig, ökologisch riskant und sozial ungerecht.
Als Alternative fordern sie einen konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien – insbesondere Onshore- und Offshore-Windkraft sowie Solarenergie – sowie eine ambitionierte Energieeffizienzpolitik, etwa durch die umfassende Sanierung von Gebäuden. Nur so könne Frankreich rasch aus fossilen Energien aussteigen, seine Klimaziele erreichen und zugleich wirtschaftliche Stabilität sowie soziale Gerechtigkeit sichern.
Die Auseinandersetzung um den Energieplan Frankreichs dürfte damit in Frankreich zu einer zentralen energiepolitischen Debatte der kommenden Jahre werden.