EU-Kommission auf Irrwegen: Mini-Reaktoren als teures Hirngespinst
Ein Plan ohne Fundament
Seit 30 Jahren gingen in Europa gerade einmal drei neue Kernkraftwerke ans Netz – jedes einzelne ein Synonym für Budgetüberschreitungen und gravierende Verzögerungen. Wie ausgerechnet Reaktoren, die bisher fast ausschließlich auf dem Papier existieren, in großer Zahl schnell und günstig gebaut werden sollen, bleibt unerklärlich.
„Was die Kommission veranlasst zu glauben, dass SMR plötzlich in Serie errichtet werden können, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Das wäre nur mit Magie möglich“, sagt Patricia Lorenz, Anti-Atomsprecherin der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000. Ihre Kritik zeigt: Die Ausgangslage wird systematisch verkannt.
Die EU-Kommission nennt drei zentrale Gründe, die für SMR sprechen sollen. Doch bei näherem Hinsehen halten sie einer nüchternen Analyse nicht stand.
1. Klimaneutralität bis 2050
Atomkraft gilt der Kommission als CO₂-arme Stromquelle. Was sie dabei ignoriert: Die Kosten pro erzeugter Megawattstunde steigen seit Jahren. Gleichzeitig werden erneuerbare Energien immer günstiger – und deutlich schneller ausgebaut.
Ein Blick nach Polen zeigt, was technologisch möglich ist: Während das Land seit über einem Jahrzehnt erfolglos ein Atomkraftprogramm vorbereitet, entstanden in derselben Zeit 10 Gigawatt Onshore-Windkraft, die mittlerweile 14,5 Prozent des polnischen Strombedarfs decken. Schnell, flexibel und bezahlbar – im Gegensatz zur Kernenergie.
2. Unabhängigkeit von russischen Energieimporten
Besonders zynisch wirkt das Argument der Versorgungssicherheit: Einige SMR-Designs benötigen hochangereicherten Brennstoff, der derzeit ausschließlich in Russland produziert wird. Wie der Bau von nicht existierenden Reaktoren Abhängigkeiten reduzieren soll, ist ungeklärt.
Selbst die von IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi bemühten Beispiele – etwa die Versorgung abgelegener Regionen – wirken wie hypothetische Planspiele ohne Bezug zur realen europäischen Energiepolitik.
3. Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit
SMR als Standortvorteil für die europäische Industrie? Das Gegenteil ist wahrscheinlicher. Selbst wenn die neuen Mini-Reaktoren gebaut werden, dürften sie erheblich teurer sein als Strom aus Erneuerbaren plus Speichern. Verbraucher:innen, Unternehmen und Steuerzahler:innen müssten über Jahrzehnte tief in die Tasche greifen.
Denn Atomkraft funktioniert nur mit massiven staatlichen Subventionen. Und selbst eine Bauaufgabe oder ein ausbleibender Betrieb würde die Öffentlichkeit nicht vor der finanziellen Belastung schützen.
Design-Flops und Kostenfallen
Die Realität holt die Theorie längst ein: Mehrere SMR-Projekte sind bereits in der Entwicklungsphase gescheitert. Jüngstes Beispiel: Das Nuward-Konzept des französischen Energiekonzerns EDF – eingestellt, bevor überhaupt ein Prototyp existierte. Grund: explodierende Kosten.
Ein zentrales Verkaufsargument für SMR lautet: Sie sollen in modularer Bauweise entstehen und dadurch Kosten senken. Doch dafür bräuchte es Fertigungsanlagen, die derzeit schlicht nicht existieren.
„Die Behauptung, SMR könnten in Serie produziert werden, ist irreführend“, betont Lorenz. „Wir legen unsere Argumente der Europäischen Kommission in einer Stellungnahme vor und hoffen, dass sie diese sinnlose Förderung der Atomenergie nicht weiter fortsetzt.“
Während erneuerbare Energien in Europa rasant wachsen, klammert sich die EU-Kommission an eine Technologie, die weder schnell noch günstig noch sicher planbar ist. SMR drohen zum teuren Irrweg zu werden – und gleichzeitig dringend benötigte Investitionen in echte Zukunftstechnologien zu blockieren.
Die Frage bleibt: Wie viele Warnsignale braucht es noch, bis auch die EU-Kommission erkennt, dass die Wiederbelebung der Atomenergie ein Wunschtraum ist – und kein realistischer Beitrag zur klimaneutralen Zukunft Europas?