EU-Klimaziel 2040: 90% weniger Emissionen im Vergleich zu 1990 - aber mit Schlupflöchern!
Nach dem neuen Beschluss können bis zu fünf Prozent der Reduktion durch internationale CO₂-Zertifikate abgedeckt werden - also durch Kompensationsprojekte außerhalb der EU. Diese Projekte gelten jedoch als umstritten, da viele von ihnen keine tatsächliche Emissionsminderung bewirken. Laut Studien sind nur etwa 16 Prozent der Offsets wirksam.
„Die Politik ermöglicht teure Schlupflöcher und Scheinlösungen wie Zertifikatskäufe“, kritisiert WWF-Klimasprecher Reinhard Uhrig. Anstatt auf fragwürdige Kompensationen zu setzen, brauche es „eine wirksame Klima- und Naturschutz-Offensive in Europa“. Auch Greenpeace bezeichnete die Einigung als „schwachen Kompromiss mit gefährlichen Schlupflöchern“.
Besonders heftig reagierte der VCÖ (Verkehrsclub Österreich) auf die Entscheidung, den geplanten Emissionshandel für Verkehr und Gebäude (ETS2) um ein Jahr - auf 2028 - zu verschieben. „Das Bremsen der EU-Umweltminister beim Klimaschutz schadet nicht nur der Umwelt, sondern auch der Bevölkerung und der Wirtschaft“, sagt VCÖ-Experte Michael Schwendinger.
Der Straßenverkehr verursache in der EU jährlich rund 750 Millionen Tonnen CO₂ – das entspricht etwa dem Elffachen der gesamten Emissionen Österreichs. Jeder Aufschub verzögere den notwendigen Umbau zu emissionsfreien Antrieben. „Mehr Klimaschutz im Verkehr reduziert Europas Abhängigkeit von Energieimporten“, so Schwendinger.
Auch Greenpeace warnt, dass die EU mit den neuen Zielen „geschwächt und ambitionslos“ zur kommenden UN-Klimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém reist. Die Einigung sehe für 2035 nur einen unklaren Zielbereich von 66,25 bis 72,5 Prozent Emissionsreduktion vor, das liege weit unter den Empfehlungen des EU-Klimabeirats.
„Die EU fährt mit einem schwachen Klimaziel nach Belém und ignoriert die Warnung der Wissenschaft“, kritisiert Sarah Zitterbarth, Expertin für internationale Klimapolitik bei Greenpeace Deutschland. Laut dem aktuellen Emissions Gap Report steuert die Welt derzeit auf eine Erwärmung von 2,8 Grad bis Ende des Jahrhunderts zu.
Neben WWF, Greenpeace und VCÖ zeigen sich auch andere Umweltorganisationen enttäuscht. Sie sehen in den neuen Regelungen einen Rückschritt gegenüber den ursprünglichen Plänen und warnen vor einem Verlust der europäischen Führungsrolle im globalen Klimaschutz.
„Während Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen weltweit zunehmen, setzt die EU auf Verwässerung statt Verantwortung“, so Jasmin Duregger, Klimaexpertin bei Greenpeace Österreich.
Mit dem Beschluss vermeidet die EU zwar eine politische Blamage, doch die Kritik ist deutlich: Zu viele Ausnahmen, zu wenig Tempo, zu viel Unsicherheit. Ob Europa seine selbst gesetzten Klimaziele tatsächlich erreicht - oder erneut nachbessern muss - dürfte eines der zentralen Themen auf der Weltklimakonferenz in Belém werden.
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