Digitale Angebote, soziale Hürden: Elektronische Patientenakte und digitale Rentenübersicht können Ungleichheit verstärken
Die Digitalisierung soll den Zugang zu wichtigen Informationen erleichtern und Bürgerinnen und Bürger zu mehr Selbstbestimmung befähigen. Doch in Deutschland zeigt sich bei der elektronischen Patientenakte (ePA) und der digitalen Rentenübersicht (dRü) ein anderes Bild: Wer ohnehin mit sozialen oder digitalen Hürden zu kämpfen hat, wird durch die neuen Angebote teilweise zusätzlich ausgeschlossen.
Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Für die Untersuchung im Projekt „Digitale Daseinsvorsorge: organisierte Selbstbestimmung durch elektronische Patientenakte und digitale Rentenübersicht?“ wurden 1.297 persönliche Interviews geführt.
Registrierung als entscheidende Hürde
Das größte Problem liegt bereits beim Zugang. Die Registrierung erweist sich als regelrechtes „Nadelöhr“: Etwa die Hälfte der Befragten scheitert daran. Bei rund einem Drittel der abgebrochenen Anmeldeversuche sind Frustration und ein als zu kompliziert empfundenes Verfahren ausschlaggebend.
Hinzu kommen ganz praktische Hindernisse. Für die Nutzung werden unter anderem geeignete Smartphones oder Computer, Online-Ausweisfunktionen, PINs und weitere technische Voraussetzungen benötigt. Was für digital affine Menschen selbstverständlich erscheinen mag, kann für andere eine erhebliche Zugangshürde darstellen. Auch Ältere verwenden oft solche Geräte nicht.
Besonders problematisch ist das für Menschen mit geringerer formaler Bildung, niedrigem Einkommen oder geringer digitaler Affinität. Sie sind laut Studie bei den digitalen Angeboten deutlich schlechter vertreten.
Bei der elektronischen Patientenakte klaffen Bekanntheit und tatsächliche Nutzung weit auseinander. 87 Prozent der Befragten kennen zwar die ePA, aber nur 25 Prozent zeigen Interesse an ihrer Nutzung. Nur ein sehr kleiner Teil nutzt die entsprechende App tatsächlich.
Noch größer ist die Wissenslücke bei der digitalen Rentenübersicht. Die dRü ist deutlich weniger bekannt – nur rund vier von zehn Menschen wissen überhaupt von dem Angebot.
Dabei könnten beide Systeme einen konkreten Nutzen haben. Die ePA soll Gesundheitsinformationen wie Befunde, Medikationsdaten oder E-Rezepte zentral verfügbar machen. Die digitale Rentenübersicht wiederum soll einen Überblick über verschiedene Rentenansprüche ermöglichen und damit bei der persönlichen Altersvorsorge helfen.
Etwa die Hälfte derjenigen, die ePA oder dRü nutzen, empfindet die Angebote als hilfreich. Das Potenzial ist also durchaus vorhanden. Gleichzeitig werden die bereitgestellten Informationen bislang nur vergleichsweise wenig tatsächlich genutzt.
„Die elektronische Patientenakte ist sehr bekannt, aber nur wenige können sie nutzen. Bei der digitalen Rentenübersicht erweist sich besonders der geringe Bekanntheitsgrad als Problem“, erklärt Projektleiter Prof. Dr. Felix Wilke, Professor für Soziologie in der Sozialen Arbeit an der EAH Jena.
Die Digitalisierung beseitige bestehende Hürden nicht automatisch, sondern könne sie lediglich verlagern, so Wilke. Besonders kritisch sei, dass ausgerechnet jene Menschen ausgeschlossen werden könnten, die von den Angeboten besonders profitieren würden.
Ohne analoge Alternativen droht eine neue digitale Kluft
Die Ergebnisse sind auch für die weitere Digitalisierung staatlicher Leistungen relevant. Wenn wichtige Informationen und Dienstleistungen zunehmend über Apps und Online-Portale angeboten werden, reicht es nicht aus, die technischen Systeme bereitzustellen. Entscheidend ist, ob alle Bevölkerungsgruppen sie tatsächlich erreichen und bedienen können.
Die Studie zeigt zudem einen interessanten Nebeneffekt: Die Nutzerinnen und Nutzer von ePA und digitaler Rentenübersicht überschneiden sich stark. Das kann soziale Ungleichheiten weiter verstärken – gleichzeitig deutet es darauf hin, dass Erfahrungen mit einem digitalen Angebot den Zugang zu einem weiteren erleichtern können.
Für eine sozial gerechte Digitalisierung braucht es daher offenbar weit mehr als funktionierende Apps: verständliche Verfahren, niedrigschwellige Unterstützung, Hilfe bei der Registrierung und weiterhin erreichbare analoge Zugänge.