Die oberflächlichen Versprechungen kleiner modularer Reaktoren
„Papierreaktoren“ statt Energiewende
Trotz gewaltiger öffentlicher Subventionen existiert in Frankreich bislang nur ein einziger SMR, für den überhaupt erst ein Genehmigungsantrag bei der Atomaufsicht ASNR eingereicht wurde. Viele angekündigte Modelle sind nicht mehr als Konzeptpapiere. Dennoch dominieren sie Schlagzeilen und Förderprogramme.
Seit Präsident Emmanuel Macron 2022 einen industriellen SMR-Prototyp bis 2030 versprach, fließen Gelder im großen Maßstab. Elf Projekte wurden in der ersten Ausschreibungsrunde „Innovative Kernreaktoren“ ausgewählt – vier davon stammen direkt aus dem Forschungsimperium des CEA (Commissariat à l'énergie atomique). Insgesamt erhalten neun Projekte technische Unterstützung durch den CEA; dazu wurden Machbarkeitsstudien für neue Reaktormodule gestartet.
Doch die Vorreiterrolle des CEA hat Schattenseiten: Budget- und Terminüberschreitungen gehören zur Routine. Der Forschungsreaktor Jules Horowitz gilt als Beispiel für institutionelles Scheitern – 18 Jahre Verzögerung, Kostenanstieg von 630 Millionen auf 6 Milliarden Euro!
Finanzierungen mit Ablaufdatum
Selbst der Staat kann nicht alle Unsicherheiten kaschieren. Private Investoren bleiben extrem vorsichtig. Ein Vertreter des Exergon-Fonds erklärte vor der Energieregulierungsbehörde offen, dass man auf steigende Unternehmensbewertungen spekuliere – nicht aber darauf, die milliardenschwere Industrialisierung zu tragen.
Beispiele für die Fragilität dieser Branche gibt es 2025 reichlich:
Newcleo beendet seine Entwicklung in Großbritannien – trotz 535 Mio. Euro Kapital, aber fehlender staatlicher Unterstützung. Der tatsächliche Bedarf: 3 Milliarden Euro.
Jimmy Energy muss Design und Zeitplan anpassen, obwohl es als einziges Projekt überhaupt einen ASNR-Antrag stellte.
Naarea – einst ein Vorzeigeprojekt – steht seit September unter gerichtlicher Verwaltung. Grund: verspätete Rückzahlung öffentlicher Fördermittel.
Allein diese drei Start-ups haben bereits 57 Millionen Euro aus dem Programm "Frankreich 2030" verbraucht.
Intensive Lobbyarbeit für laxe Regeln
Parallel wächst der politische Druck. Zahlreiche Unternehmen drängen auf ein regulatorisches „Sonderbehandlungsprogramm“ für SMRs – mit vereinfachten Genehmigungen, gesenkten Steuern und geringeren Umweltauflagen. Ein Gesetz zur Verfahrensbeschleunigung wurde bereits 2023 verabschiedet.
Die Lobbystrategien, dokumentiert bei der Hohen Behörde für Transparenz im öffentlichen Leben, reichen von Forderungen nach neuen Energiegesetzen bis zu Steuerbefreiungen für Reaktorstandorte. Doch Experten warnen: Werden Sicherheitsstandards gesenkt, könnten SMRs – gerade in Wohngebieten oder auf Seveso-Standorten – sogar gefährlicher sein als große Atomkraftwerke.
Besonders heikel: Einige Konzepte basieren auf HALEU-Brennstoff (hoch angereichertes Uran mit 10–20 % Uran-235) oder Plutonium. Für diese Materialien existiert aus Proliferationsgründen kein kommerzieller Markt. Projektentwickler drängen deshalb darauf, dass der neue nationale Plan für radioaktive Materialien ihnen Zugang dazu ermöglicht.
Greenwashing statt Klimaschutz
Befürworter rechtfertigen die Milliardenzuschüsse mit dem Argument der schnellen Dekarbonisierung. Doch keines der Projekte kann vor 2050 kommerziell im großen Maßstab Energie liefern. Selbst optimistische Energieexperten halten SMRs daher für keine Lösung der Klimakrise.
Auch der Einsatz von SMRs zur industriellen Wärmeerzeugung steht auf sehr wackligen Beinen. Nur wenige Partner wie Cristal Union (Zucker- und Alkoholproduktion) prüfen überhaupt ernsthaft den Einsatz. Für Fernwärmenetze konkurrieren SMRs mit bereits verfügbaren, weit günstigeren Technologien wie Geothermie, Wärmepumpen oder industrieller Abwärme.
In Überseegebieten wie Guadeloupe oder Réunion hält die Energieregulierungsbehörde den Markt für „minimal“ – wegen hoher Anteile erneuerbarer Energien und deutlicher Ablehnung der Bevölkerung.
Mehr Abfall, mehr Risiko
Technisch erzeugen SMRs deutlich mehr radioaktiven Abfall pro kWh als herkömmliche Reaktoren. Eine Studie von 2022 zeigte: bis zu neunmal mehr bestrahlter Stahl, dazu neue Abfallarten aus neuartigen Brennstoffen – für die es keinerlei Entsorgungswege gibt.
Ein weiteres ungelöstes Problem lautet: Wer haftet für den Müll gescheiterter Start-ups? Die gesetzliche Pflicht zur Abfallbewirtschaftung endet spätestens mit der Insolvenz.
Akzeptanz bleibt gering – und die Logik fragil
SMRs wären nur rentabel, wenn Dutzende identische Module gebaut und europaweit verteilt werden. Das erhöht Transportwege, Terrorrisiken, Proliferationsgefahr und die Verwundbarkeit im Kriegsfall.
Doch die Bevölkerung ist skeptisch: Laut dem ASNR-Barometer 2025 würden nur 19 % der Franzosen in der Nähe einer Risikozone leben wollen. Die Zustimmung für kleine Reaktoren liegt bei nur 27 %.
Fazit: Große Versprechen, kleine Realitätsbasis
Trotz gewaltiger staatlicher Unterstützung bleiben die zentralen Probleme ungelöst:
Das Abfallproblem verschärft sich statt zu sinken.
Wirtschaftliche Tragfähigkeit ist ungewiss.
Sicherheitsrisiken steigen – vor allem bei Standortnähe.
SMRs sind weder schneller noch robuster gegenüber Extremwetter als große Reaktoren.
Frankreich investiert Milliarden in eine Technologie, deren Nutzen unbewiesen und deren Risiken hoch sind. Hinter dem futuristischen Narrativ der „nuklearen Start-up-Innovation“ offenbart sich ein System von Lobbydruck, Subventionsabhängigkeit und vielen technologischen Unsicherheiten.