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Deutsche Autoindustrie verschläft das Elektroauto: „Management-Arroganz treibt Niedergang“

02.09.2026

Studie unter 550 Interim Managern stellt deutschen Autokonzernen ein vernichtendes Zeugnis aus:  Zu wenig Innovation, verspäteter Einstieg in Software / autonomes Fahren und Elektromobilität und mangelnder Blick auf die Kunden

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United Interim Wirtschaftsreport 2026 © United Interim_

Berlin  – Die deutsche Autoindustrie steckt mitten in einer historischen Transformation. Das Auto wird elektrisch, digital und zunehmend softwaredefiniert, aber nach Einschätzung von 550 erfahrenen Interim Managern haben viele deutsche Hersteller diesen Wandel zu lange unterschätzt. Der aktuelle United Interim Wirtschaftsreport 2026 macht dafür nicht nur politische Rahmenbedingungen oder den wachsenden Wettbewerb aus China verantwortlich, sondern vor allem die Führung der Unternehmen selbst. Das zentrale Urteil der Studie: An den Konzernspitzen herrsche eine „maßlose Überschätzung der eigenen Unfehlbarkeit“.
 

74 Prozent der befragten Führungskräfte bescheinigen den Vorständen der deutschen Autoindustrie eine Überschätzung der eigenen Unfehlbarkeit. Zwei Drittel sehen zu wenig Weitsicht für künftige Entwicklungen, 61 Prozent beklagen mangelnde disruptive Innovationskraft. Die Studienautoren sprechen von einer „Entscheidungswelle mit Serienfehler“. 
 

Elektromobilität: Der Wandel wurde zu lange unterschätzt

 

Besonders deutlich wird die Kritik beim Blick auf das Elektroauto. Die Automobilindustrie habe den grundlegenden Wandel vom klassischen Verbrenner zum digitalen, elektrisch angetriebenen und vernetzten Fahrzeug zu spät erkannt.
 

„Den Wandel vom Fortbewegungsmittel zum Computer auf Rädern hat die Branche lange Zeit verschlafen“, heißt es in der Studie. Vor allem die Bedeutung von Software sei viel zu spät erkannt worden. 53 Prozent der Befragten schreiben den deutschen Herstellern bis heute nur eine geringe Softwarekompetenz zu.
 

Damit verschiebt sich auch der Wettbewerb. Beim Elektroauto geht es längst nicht mehr ausschließlich um Motorleistung, Fahrwerk oder Karosseriebau. Entscheidend werden Batterietechnik, Ladegeschwindigkeit, Energieeffizienz, Software, digitale Dienste, Assistenzsysteme und die Fähigkeit, Fahrzeuge kontinuierlich per Software weiterzuentwickeln.
 

Gerade hier sehen die Interim Manager einen erheblichen Rückstand der deutschen Hersteller gegenüber internationalen Wettbewerbern.


China setzt die deutschen Hersteller unter Druck
 

Die Studie sieht insbesondere bei neuen Technologien einen wachsenden Abstand zu China und den USA. 61 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die deutschen Hersteller beim autonomen Fahren hinter ihren Wettbewerbern aus den USA und China zurückliegen.
 

Der Umbruch beim Elektroauto verstärkt diesen Druck zusätzlich. Chinesische Hersteller haben sich in den vergangenen Jahren nicht nur bei Elektrofahrzeugen, sondern auch bei Batterien, Software und elektronischen Fahrzeugarchitekturen stark positioniert. Friedhelm Best bringt es in der Studie zugespitzt auf den Punkt: „Asien ist den deutschen Autoherstellern davongefahren.“

Damit steht für die deutsche Autoindustrie mehr auf dem Spiel als nur der Marktanteil einzelner Elektromodelle. Es geht um die Frage, wer künftig die technologische Plattform des Autos kontrolliert.


Elektroauto braucht eine andere Infrastruktur
 

Ein weiterer Schwachpunkt betrifft die Ladeinfrastruktur. Drei Viertel der Befragten sind überzeugt, dass die Automobilindustrie deren Bedeutung lange unterschätzt hat.

Beim Verbrenner konnten sich die Hersteller weitgehend auf das bestehende  Tankstellensystem verlassen. Beim Elektroauto ist die Situation grundlegend anders: Fahrzeug, Stromnetz, Ladepunkte, Abrechnung und digitale Dienste bilden ein Gesamtsystem.
 

69 Prozent der Interim Manager sind deshalb der Ansicht, dass die deutschen Hersteller als führende Autonation Europas frühzeitig den Aufbau einer europaweit einheitlichen Ladeinfrastruktur hätten forcieren sollen.
 

Komplizierte Tarife, unterschiedliche Abrechnungssysteme und Abo-Modelle seien außerdem geeignet, potenzielle Käufer von Elektroautos zu verunsichern.
 

Damit zeigt sich ein grundlegendes Problem: Elektromobilität ist nicht nur ein neues Antriebssystem. Sie verändert das gesamte Ökosystem rund um das Auto.


Auch die Produktionskosten werden zum Problem
 

Während chinesische Hersteller mit kostengünstigen Elektroautos auf den europäischen Markt drängen, kämpfen deutsche Hersteller mit hohen Produktionskosten.
 

80 Prozent der befragten Interim Manager sind der Meinung, dass die Branche zu lange an überholten Produktionsverfahren festgehalten hat. Zwei Drittel teilen die Einschätzung, dass Autos „made in Germany“ im Vergleich zum Wettbewerb zu teuer sind.
 

Gerade beim Elektroauto ist dieser Kostenfaktor entscheidend. Wer Batterien, Leistungselektronik und Fahrzeuge günstiger produzieren kann, verschafft sich einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.
 

Die Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Osteuropa könne zwar Kosten reduzieren, reiche aber langfristig nicht aus. Notwendig seien effizientere Prozesse, Automatisierung und Smart Factories.


Kunden wollten mehr als deutsche Hersteller dachten
 

Auch beim Elektroauto scheint die Branche nach Ansicht der Befragten zu lange aus ihrer eigenen Perspektive gedacht zu haben.
 

57 Prozent der Interim Manager haben bei ihren Einsätzen festgestellt, dass die Wünsche der Kunden in den oberen Etagen der Autobranche nur eine geringe Rolle spielen. 51 Prozent meinen, die Konzernspitzen hätten ihre eigenen Vorstellungen auf die Kunden projiziert, statt deren tatsächliche Bedürfnisse ausreichend zu berücksichtigen.
 

Das ist gerade bei der Elektromobilität relevant. Kunden entscheiden nicht nur nach Reichweite und Leistung. Ladeinfrastruktur, einfache Bezahlung, Fahrzeugsoftware, Service, Anschaffungspreis und Alltagstauglichkeit beeinflussen zunehmend die Kaufentscheidung.


Batterie und Speicher könnten zur neuen Chance werden
 

Ironischerweise könnte gerade jene Technologie, die den Wandel in der Automobilindustrie beschleunigt, auch eine Möglichkeit für die deutsche Industrie eröffnen: Batterien und Energiespeicher.
 

In der Befragung sehen 72 Prozent der Interim Manager Batterien und Speicher als besonders attraktiven Zukunftsmarkt für Automotive-Unternehmen. Damit liegt dieser Bereich klar an der Spitze der möglichen neuen Geschäftsfelder.
 

Es folgen Leistungselektronik und Leistungshalbleiter mit 46 Prozent, Luft- und Raumfahrt einschließlich Drohnen mit 42 Prozent sowie Optik/Photonik und Kreislaufwirtschaft mit jeweils 35 Prozent. Auch Photovoltaik und Windkraftanlagen werden von 29 Prozent als mögliche Zukunftsfelder genannt.
 

Gerade für Unternehmen, die über Kompetenzen in Elektronik, Fertigung, Automatisierung, Werkstoffen und Energiemanagement verfügen, könnte die Energiewende damit vom Risiko zur neuen Wachstumschance werden.


Politik trägt Verantwortung, die Industrie aber auch
 

Die Interim Manager sehen die Ursachen der Krise nicht ausschließlich bei den Unternehmen. 52 Prozent machen die wechselhafte Industriepolitik mitverantwortlich,  von der zeitweisen Förderung von Elektroautos bis zum politischen Hin und Her beim Verbrenner-Aus.
 

Gleichzeitig geben 79 Prozent der Branche selbst eine Mitschuld. Für 71 Prozent spielt die geringe Innovationskraft der Hersteller eine Schlüsselrolle.
 

Das Ergebnis ist damit auch eine Absage an die Vorstellung, die Krise der deutschen Autoindustrie lasse sich allein mit besseren politischen Rahmenbedingungen lösen.


Noch ist der Zug nicht abgefahren
 

Trotz der düsteren Analyse sehen die Interim Manager Möglichkeiten für einen Neustart. Viele Unternehmen holen bereits externe Führungskräfte ins Haus, um neue Strategien zu entwickeln und neue Märkte zu erschließen.
 

Doch der Zeitdruck ist enorm. 72 Prozent sehen die Autoindustrie als einen Faktor des wirtschaftlichen Niedergangs Deutschlands. 79 Prozent erwarten, dass sie weiterhin zur steigenden Arbeitslosigkeit beitragen wird. 53 Prozent halten die deutsche Autoindustrie langfristig sogar für nicht mehr zu retten. Weniger als zehn Prozent sind fest davon überzeugt, dass die Branche künftig wieder zu neuen Höhenflügen ansetzen wird.


Das Elektroauto ist dabei nur der Anfang
 

Die Studie macht deutlich: Die Krise der deutschen Autoindustrie ist nicht einfach eine Krise des Verbrennungsmotors. Sie ist eine Krise der Transformation.
 

Das Elektroauto beschleunigt einen grundlegenden Wandel, bei dem sich die Wertschöpfung vom Motor hin zu Batterie, Software, Leistungselektronik, Daten, KI und digitaler Infrastruktur verschiebt. Wer diese Entwicklung zu spät erkennt, verliert nicht nur einzelne Modellsegmente, sondern möglicherweise ganze Teile seiner industriellen Wertschöpfung.
 

Für die deutsche Autoindustrie lautet die entscheidende Frage deshalb nicht mehr, ob das Elektroauto kommt. Es geht darum, ob die Unternehmen schnell genug lernen, wie man in einer elektrischen und digitalen Autowelt erfolgreich ist.
 

Die technischen Fähigkeiten und das industrielle Know-how sind vorhanden. Was der Branche laut Studie fehlt, ist vor allem eines: der Mut, sich selbst grundlegend zu verändern.

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