CCS: Klimaschutz mit der großen Energie- und Kostenrechnung?
Carbon Capture and Storage klingt zunächst, zumindest für jene, die sich die Details dazu noch nicht angesehen haben, nach einer einfachen Lösung: CO₂ entsteht und wir fangen es einfach ab, transportieren es und speichern es dauerhaft unter der Erde. Problem gelöst.
Nur: Ganz so einfach ist das nicht.
Denn CCS ist keine Zaubertechnologie, die aus einem emissionsintensiven System plötzlich ein klimafreundliches macht. Das CO₂ muss zunächst abgeschieden, aufbereitet, komprimiert und transportiert werden. Dafür braucht es Energie, Infrastruktur und erhebliche Investitionen. Und am Ende muss das CO₂ über Jahrzehnte, Jahrhunderte oder noch länger sicher eingeschlossen bleiben.
Die entscheidende Fragen lauten deshalb nicht nur: Kann CCS funktionieren?
Sondern auch was kostet uns CCS, ist es wirkungsvoll /dauerhaft – und wo verhindert die Idee des Festhaltens an dieser Technologie nur, dass wir Emissionen an ihrer Quelle vermeiden?
Besonders interessant ist, dass die österreichische Diskussion inzwischen konkrete Zahlen liefert. Das Umweltbundesamt hat 2026 untersucht, was CCS zwischen 2030 und 2040 in Österreich bedeuten könnte.
Das Ergebnis sollte zumindest zu denken geben: Würden rund 9 Millionen Tonnen CO₂ abgeschieden, wären dafür zusätzliche Kapazitäten von rund 1.600 MW erneuerbarer Strom- und Wärmeproduktion notwendig.
Das ist der Punkt, an dem die vermeintlich einfache Lösung kompliziert wird.
Wir bauen also erneuerbare Kraftwerke, um fossile Energien zu ersetzen und brauchen dann zusätzliche erneuerbare Energie, um CO₂ aus industriellen Prozessen abzuscheiden und zu verpressen. Ernsthaft?
Das mag vielleicht für kleine Teile der Industrie sinnvoll sein. Aber es darf nicht dazu führen, dass wertvolle erneuerbare Energie für eine Technologie eingesetzt wird, während gleichzeitig andere Bereiche noch auf Öl und Gas warten.
Bbei den Kosten wird es spannend. Laut Umweltbundesamt wäre ein wirtschaftlicher Betrieb der untersuchten CCS-Anlagen derzeit ohne öffentliche Förderung einfach nicht darstellbar. Alternativ müsste der CO₂-Preis massiv steigen, und zwar von derzeit rund 80 Euro auf etwa 200 bis 280 Euro pro Tonne CO₂.
Die Studie kommt gleichzeitig zu dem Schluss, dass die erforderlichen Investitionen volkswirtschaftliche Impulse auslösen könnten. Das ist ein wichtiger Aspekt und sollte in einer seriösen Debatte nicht unterschlagen werden.
Genau deshalb muss die Politik eine sehr einfache Frage beantworten:
Wenn wir Milliarden in CO₂-Abscheidung, Pipelines, Transport, Speicher und zusätzliche Energieinfrastruktur verwenden, warum investieren wir dieses Geld nicht zuerst dort, wo wir Emissionen dauerhaft vermeiden können?
In thermische Gebäudesanierung.
In erneuerbare Wärme.
In Netze und Speicher.
In öffentlichen Verkehr.
In Elektromobilität.
In erneuerbare Stromerzeugung.
In industrielle Prozesse, die fossile Energien tatsächlich ersetzen.
Das sind keine theoretischen Technologien. Sie senken den Energieverbrauch oder ersetzen fossile Energieträger unmittelbar.
Genau hier liegt für mich die größte Gefahr der aktuellen CCS-Debatte.
Wenn Unternehmen und Politik sagen: Wir können CO₂ ja später abscheiden und speichern, entsteht schnell ein gefährlicher Aufschub. Dann muss ein Zementwerk vielleicht nicht so schnell auf neue Produktionsverfahren umstellen. Fossile Strukturen können länger bestehen bleiben. Und der Staat übernimmt möglicherweise einen Teil der Kosten und Risiken.
Greenpeace warnt deshalb davor, CCS auch dort einzusetzen, wo Emissionen technisch vermeidbar sind. Diese Kritik ist einfach extrem ernst zu nehmen.
CCS sollte kein Pflaster für vermeidbare Emissionen sein.
Und schon gar nicht sollte CCS dazu dienen, den Weiterbetrieb fossiler Kraftwerke oder eine neue fossile Infrastruktur politisch zu rechtfertigen.
Klar: Manche meinen, dass es industrielle Prozesse gibt, bei denen CO₂ nicht einfach durch erneuerbare Energie verschwinden wird. Bei bestimmten chemischen Prozessen oder bei der Herstellung von Zement entsteht CO₂ nicht nur durch den Einsatz fossiler Energie, sondern auch durch den Prozess selbst.
Genau für solche „hard-to-abate“-Emissionen untersuchte das Umweltbundesamt CCS. Der aktuelle österreichische Szenariobericht betrachtet unter anderem Zement-, Kalk- und Feuerfestindustrie sowie Abfallverbrennung. Auch Bio-CCS wird als mögliche Option untersucht. Hier könnte CCS vielleicht in Zukunft eine Ergänzung sein, aber absolut kein Ersatz! Die Reihenfolge muss stimmen. Erst alles andere!
Österreich sollte deshalb eine klare Prioritätenliste festlegen:
(für alle Sektoren!! )
Erstens: Emissionen vermeiden.
Zweitens: Energieverbrauch reduzieren und Prozesse elektrifizieren.
Drittens: Erneuerbare Energien massiv ausbauen.
Viertens: Verbleibende, tatsächlich unvermeidbare Emissionen reduzieren.
Und erst danach: CCS dort einsetzen, wo technisch wirkliche keine Alternative existiert und es sicher, wirtschaftlich und OHNE Kosten für den Staat/die Steuerzahler:innen machbar ist.
Das wäre eine Klimapolitik, die das Pferd nicht von hinten aufzäumt.
Denn eines dürfen wir nicht vergessen: CO₂, das gar nicht erst entsteht, muss weder abgeschieden noch komprimiert, transportiert oder unterirdisch gelagert werden.
Das ist nicht nur die einfachste Form des Carbon Managements. Es ist meistens auch die billigste.
Österreich steht vor enormen Investitionsentscheidungen. Gleichzeitig ist das Budget knapp. Umwelt-NGOs weisen seit Jahren darauf hin, dass Österreich weiterhin Milliarden an klimaschädlichen fossilen Subventionen aufwendet.
Deshalb sollte die Bundesregierung sehr genau hinschauen, wofür öffentliches Geld eingesetzt wird.
Wenn CCS ohne Förderung sowieso nicht wirtschaftlich ist , dann braucht es auch kein Gesetz zur CO₂ Speicherung! Weil der nächste logischer Schritt wäre die Forderung nach Förderungen für CCS. In der Umsetzung gebe es außerdem ein ähnliches Problem wie bei Atomkraft: Wer übernimmt die Verantwortung für langfristige Speicher- und Haftungsrisiken. Diese darf nicht einfach beim Steuerzahler landen.
Wir brauchen keine Technologieoffenheit. Wir brauchen Technologie-Ehrlichkeit.
CCS darf nicht zum großen Ablenkungsmanöver werden.
Denn die eigentliche Energiewende besteht nicht darin, immer bessere Methoden zu entwickeln, um die Folgen fossiler Energie wegzuräumen.
Die eigentliche Energiewende besteht darin, fossile Energie einfach überflüssig zu machen.
Dafür sollte öffentliches Geld zuerst eingesetzt werden, und Gesetzesänderungen zum Festhalten an fossilen Emissionen sollte es deswegen auch nicht geben!
PS: Im Anhang einige unserer Artikel mit Links zu diversen Studien und Projekten zu CCS.