Bürger machen Wärmewende: Berliner Nahwärme-Initiativen brauchen Rückenwind
Wie werden Berlinerinnen und Berliner künftig ihre Wohnungen und Häuser beheizen? Diese Frage wird in den kommenden Jahren immer wichtiger. Der Berliner Wärmeplan zeigt dabei ein erhebliches Potenzial für kleinere, lokal organisierte Wärmenetze: Rund 18 Prozent der beheizten Fläche der deutschen Hauptstadt liegen in sogenannten Prüfgebieten, in denen Quartierswärmenetze eine mögliche Lösung sein könnten.
Dabei könnten lokale Energiequellen wie Abwärme, Geothermie, Abwasserwärme oder Solarthermie genutzt werden, um mehrere Gebäude oder ganze Nachbarschaften mit klimafreundlicher Wärme zu versorgen. Auch in Gebieten, in denen ein Anschluss an das Fernwärmenetz erst nach 2040 vorgesehen ist, könnten solche Lösungen eine wichtige Rolle spielen.
Doch wer baut und betreibt diese Netze? Neben klassischen Energieversorgern könnten auch Energiegenossenschaften und Bürgerinitiativen zu wichtigen Akteuren der Wärmewende werden.
Engagement ist da, aber das Geld fehlt
Wie groß das Engagement bereits ist, zeigte ein Workshop des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Im Rahmen eines Vernetzungstreffens des Aktionskreises Energie e. V. (AkE) diskutierten sieben Nahwärme-Initiativen aus Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf über ihre Erfahrungen und Herausforderungen.
Dabei wurde deutlich: Viele Bürgerinnen und Bürger wollen die Wärmeversorgung in ihrem eigenen Quartier aktiv mitgestalten. Sie informieren Nachbarinnen und Nachbarn, suchen nach geeigneten Wärmequellen und versuchen, konkrete Konzepte für ihre Umgebung zu entwickeln.
Doch zwischen der ersten Idee und einem funktionierenden Wärmenetz liegt ein langer Weg. Machbarkeitsstudien, technische Gutachten und Wirtschaftlichkeitsberechnungen kosten Geld, das ehrenamtlich getragene Initiativen häufig nicht aufbringen können.
„Insbesondere zeigte sich, dass die Initiativen schon weit vor der eigentlichen Umsetzung finanzielle Unterstützung und Beratung brauchen“, erklärt Dr. Julika Weiß vom IÖW, Co-Leiterin des Projekts „Wärmewende Schöneberger Norden“ (WärmSchöN).
Eine zusätzliche Herausforderung ist der Wegfall beziehungsweise die Unsicherheit bei bisherigen Fördermöglichkeiten. Einige Initiativen hatten auf Förderungen für energetische Stadtsanierung gesetzt und müssen nun nach neuen Finanzierungswegen suchen.
Bezirke sollen stärker unterstützen
Neben Geld fehlt es vielerorts auch an personellen Ressourcen. Die Bezirksämter könnten Bürgerinitiativen bei der Initiierung, Planung und Umsetzung von Wärmenetzen unterstützen. Aufgrund begrenzter personeller Kapazitäten ist dies derzeit jedoch nur eingeschränkt möglich.
Dabei wäre eine professionelle Begleitung gerade in der Anfangsphase wichtig. Denn bevor ein Nahwärmenetz gebaut werden kann, müssen zahlreiche Fragen geklärt werden: Welche Wärmequellen stehen zur Verfügung? Wie viele Gebäude könnten angeschlossen werden? Wie hoch sind Investitions- und Betriebskosten? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die Wärmeversorgung auch für Menschen mit geringerem Einkommen leistbar bleibt?
„Im Wärmeplan wird deutlich, dass Berlin die Bedeutung von Nahwärme-Initiativen erkannt hat“, sagt Weiß. Nun müsse es darum gehen, die angekündigten Unterstützungsmaßnahmen auch tatsächlich umzusetzen.
Mit der Wärmewendeagentur gibt es bereits eine neue Anlaufstelle, bei der sich Bürgerinnen und Bürger über die Möglichkeiten informieren können, etwa wenn sie eine eigene Initiative für ein Quartierswärmenetz gründen möchten.
„Jetzt ist ein idealer Zeitpunkt“
Der Aktionskreis Energie will die bestehenden Initiativen stärker miteinander vernetzen und Erfahrungen austauschen.
„Jetzt ist ein idealer Zeitpunkt, um eine Nahwärme-Initiative zu gründen, weil das Interesse der Bürger*innen an ihrer zukünftigen Wärmeversorgung zurzeit groß ist“, sagt Manuela Gabriel, Vorstandsmitglied des AkE und selbst in der Initiative „Wärmewende Friedenau“ aktiv.
Die Initiativen arbeiten dabei vielfach ehrenamtlich und versuchen, möglichst viele Menschen aus der Nachbarschaft einzubinden. Denn je mehr Haushalte sich beteiligen, desto besser lassen sich die Kosten eines Wärmenetzes verteilen.
Das nächste berlinweite Vernetzungstreffen der Wärmenetz-Initiativen ist für den 17. September 2026 am IÖW in der Potsdamer Straße geplant.
Nahwärme auch für Mietwohnungen
Eine zentrale Frage der Berliner Wärmewende ist allerdings, wie sich auch Menschen in Mietwohnungen beteiligen können. Viele der bisherigen Bürgerinitiativen entstehen in Quartieren mit einem hohen Anteil an Eigentümerinnen und Eigentümern. In dicht bebauten Stadtteilen mit überwiegend Mietwohnungen ist die Situation komplexer.
Hier setzt das Forschungsprojekt WärmSchöN im Schöneberger Norden an. Gemeinsam mit Anwohnenden und lokalen Akteuren sollen Lösungen für eine sozial gerechte Wärmeversorgung entwickelt werden. Im Mittelpunkt stehen Wohnblöcke, in denen ein Ausbau der Fernwärme nicht oder erst nach 2040 vorgesehen ist.
Genossenschaftlich organisierte Nahwärmenetze könnten hier eine Alternative darstellen. Ziel ist es, die Bedürfnisse der Menschen vor Ort frühzeitig einzubeziehen und auch Mietenden Möglichkeiten zur Beteiligung zu eröffnen.
Das Projekt wird vom IÖW gemeinsam mit dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, der TU Berlin, der Gewobag ED, der AG Wärmewende des Quartiersrats Schöneberger Norden und der zuständigen Senatsverwaltung umgesetzt.
Die Wärmewende wird zur Gemeinschaftsaufgabe
Die Berliner Erfahrungen zeigen: Die Wärmewende findet nicht nur auf großen Fernwärmetrassen oder in den Planungsbüros der Energieversorger statt. Sie kann auch direkt in den Nachbarschaften beginnen.
Bürgerinitiativen können dabei eine wichtige Rolle übernehmen – als Ideengeber, Organisatoren und möglicherweise künftig auch als Betreiber lokaler Wärmenetze. Damit aus dem Engagement konkrete Projekte werden, braucht es allerdings verlässliche Förderungen, technische Expertise und Unterstützung durch die öffentliche Hand.
Denn eine klimafreundliche Wärmeversorgung ist nicht überall nach demselben Muster möglich. Wo große Fernwärmenetze nicht wirtschaftlich oder erst spät verfügbar sind, könnten lokale und gemeinschaftlich organisierte Nahwärmelösungen zu einem wichtigen Baustein der Wärmewende werden.