Beton-Relikt oder Mobilitätszukunft? Warum die Lobauautobahn an der Realität vorbeifährt
Die Mobilitätsorganisation VCÖ kritisiert das Milliardenprojekt als veraltet, ökologisch fatal und wirtschaftlich unvernünftig. Es gäbe längst effizientere Wege, den Verkehrsinfarkt in und um Wien zu verhindern.
Wien - Es ist ein Projekt, dessen Wurzeln bis in die 1990er-Jahre zurückreichen. Doch was damals als Lösung für die wachsende Motorisierung galt, wirkt heute wie ein aus der Zeit gefallenes Denkmal der Beton-Ära. Nicht zufällig haben gestern unterschiedlichste Organisationen gegen das Projekt vor dem Ministerium demonstriert. Angesichts der aktuellen Budget- und Energiekrise fordert auch der VCÖ nun die „Notbremse“ für die Lobauautobahn.
Prognosen von gestern für den Verkehr von morgen
Das Hauptproblem des Projekts liegt laut VCÖ in seinem Fundament: Den Daten. Die Planungen basieren auf Prognosen aus dem Jahr 2009, die sich in der Praxis längst als falsch erwiesen haben. Ein Beispiel ist Essling: Dort liegt das Verkehrsaufkommen heute mit unter 20.000 Fahrzeugen täglich deutlich unter den damaligen Annahmen.
Zudem hat sich das Mobilitätsverhalten der Wiener Bevölkerung radikal gewandelt:
1993: 40 % der Alltagswege wurden mit dem Auto zurückgelegt.
Heute: Dieser Anteil ist auf 25 % gesunken.
Pkw-Dichte: Die Anzahl der Autos pro 1.000 Einwohner sank in zwei Jahrzehnten von 404 auf 363.
Die Macht der Zahlen: Warum mehr Spuren keine Lösung sind
Ein zentrales Argument des VCÖ ist die ineffiziente Nutzung des vorhandenen Straßenraums. Aktuell sitzen im Schnitt nur 1,14 Personen in einem Pkw. Würde man diesen Besetzungsgrad durch Fahrgemeinschaften auf lediglich zwei Personen erhöhen, bräuchte man für die gleiche Anzahl an Menschen (10.000 Personen) rund 3.800 Autos weniger.
„3.800 Pkw weniger ergeben eine stehende Autokolonne von rund 20 Kilometern Länge“,
verdeutlicht VCÖ-Experte Michael Schwendinger den Hebel, den modernes Mobilitätsmanagement hätte.
Wirksame Alternativen statt Milliarden-Tunnel
Anstatt Milliarden in einen Tunnel zu investieren, der frühestens 2040 fertiggestellt wäre – zu einem Zeitpunkt, an dem Wien laut Klimazielen bereits klimaneutral sein will –, schlägt der VCÖ ein Maßnahmenpaket vor, das sofort greift:
Betriebliches Mobilitätsmanagement: Vorbilder in Vorarlberg zeigen, dass Job-Tickets, E-Bike-Förderungen und Anreize für Fahrgemeinschaften den Pendelverkehr massiv entlasten.
Schnellbuslinien: International bewährte Konzepte mit eigenen Busspuren könnten die Südosttangente kurzfristig und kostengünstig vom Stau befreien.
- Ausbau der Schiene: Mit einem Bruchteil der Tunnelkosten ließe sich das öffentliche Verkehrsnetz in der gesamten Region massiv verdichten.
Die Zeit drängt – für eine Umkehr
Die Lobauautobahn steht symbolisch für die Frage, wie wir im 21. Jahrhundert mobil sein wollen. Während die Stadt Wien und die Bundesregierung angeblich das Ziel verfolgen, den Verkehr verstärkt auf Öffis, das (Elektro-)Rad und Sharing-Modelle zu verlagern, zementiert der Bau der S1 alte Strukturen ein.
„Der Lobautunnel ist nicht mehr zeitgemäß“, resümiert Schwendinger. Angesichts der ökologischen Schäden und der astronomischen Kosten sei es Zeit, in Lösungen zu investieren, die nicht erst in 14 Jahren, sondern bereits heute wirken.
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