Bahnfahren boomt - aber Zugausfälle und verpasste Anschlüsse sorgen für Frust
Das wichtigste Ergebnis: 45 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwölf Monaten mehr Zugausfälle, Störungen oder Schienenersatzverkehre erlebt als zuvor. Auch beim Preis-Leistungsverhältnis und bei der Abstimmung zwischen Bahn und Bus sehen viele Fahrgäste Verschlechterungen.
Mehr Menschen steigen auf die Bahn um
Trotz der Kritik bleibt die Bahn ein wichtiges und zunehmend genutztes Verkehrsmittel. 29 Prozent der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr häufiger mit dem Zug gefahren zu sein. 64 Prozent nutzten die Bahn gleich häufig wie zuvor, nur sieben Prozent seltener.
Auch die tatsächliche Verkehrsleistung zeigt den Trend: Laut Schienen-Control wurden im Vorjahr in Österreich 15,1 Milliarden Personenkilometer mit der Bahn zurückgelegt , das sind rund 100 Millionen mehr als im Jahr davor.
Besonders stark ist der Zuwachs in den Bundesländern entlang der neuen Koralmbahn. In Kärnten fuhren 37 Prozent der Befragten häufiger mit der Bahn, in der Steiermark waren es 32 Prozent.
„Die Fahrgäste zeigen beim VCÖ-Bahntest sehr deutlich auf, in welchen Bereichen Verbesserungen besonders dringend und wichtig sind“, sagt VCÖ-Experte Michael Schwendinger. Gerade bei den Kernaufgaben der Bahn sehen viele Handlungsbedarf.
Zugausfälle und Störungen sind größtes Problem
Am deutlichsten fällt die Kritik bei Zugausfällen, Störungen und Schienenersatzverkehren aus. 45 Prozent der Befragten erlebten hier eine Verschlechterung, während 55 Prozent eine Verbesserung wahrnahmen.
Regional sind die Unterschiede beträchtlich. In Niederösterreich berichteten 58 Prozent von einer Verschlechterung - der höchste Wert aller Bundesländer. Dahinter folgen Burgenland mit 50 Prozent und Wien mit 49 Prozent. Am besten schnitt Salzburg ab, wo 36 Prozent mehr Ausfälle und Störungen wahrnahmen.
Auch bei der Pünktlichkeit zeigt sich ein ähnliches Bild. 32 Prozent der Fahrgäste erlebten eine Verschlechterung. Insgesamt sind 35 Prozent mit der Pünktlichkeit der Bahn nicht zufrieden. Bei Pendlerinnen und Pendlern liegt der Anteil mit 38 Prozent sogar noch höher.
Besonders unzufrieden sind die 15- bis 24-Jährigen: 42 Prozent vergeben bei der Pünktlichkeit keine gute Bewertung. Bei den über 75-Jährigen sind es dagegen nur 24 Prozent.
Niederösterreichische Verbindungen besonders kritisch
Niederösterreich fällt im Bahntest mehrfach negativ auf. 42 Prozent der niederösterreichischen Fahrgäste sind mit der Pünktlichkeit unzufrieden, das ist der höchste Wert im Bundesländervergleich. Salzburg kommt mit 20 Prozent auf den besten Wert.
Auch bei der wahrgenommenen Entwicklung der Pünktlichkeit liegt Niederösterreich an der Spitze: 40 Prozent der dort Befragten sagen, dass sich die Situation verschlechtert hat.
Beim Preis-Leistungsverhältnis sehen ebenfalls viele Fahrgäste eine Verschlechterung. Österreichweit sind es 41 Prozent. In Niederösterreich liegt der Wert bei 47 Prozent, gefolgt von Burgenland und Wien mit jeweils 44 Prozent.
Wenn der Anschluss weg ist
Ein weiteres Problem liegt an den Schnittstellen zwischen den Verkehrsmitteln. Fast jeder zweite Fahrgast steigt auf seiner Reise von einem Bus oder einem anderen Zug um. Damit werden funktionierende Anschlussverbindungen zu einem entscheidenden Faktor für die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs.
Und genau hier gibt es Probleme: Die Hälfte der Fahrgäste verpasst zumindest mehrmals im Jahr eine Anschlussverbindung. Neun Prozent passiert dies sogar mehrmals pro Woche, weitere 18 Prozent mehrmals pro Monat.
„Gerade für eine kürzere Gesamtreisezeit sind optimale Anschlussverbindungen zentral. Deshalb ist es wichtig, dass Bahn und Bus optimal aufeinander abgestimmt sind“, betont Schwendinger. Häufigere Regionalverbindungen könnten zusätzlich helfen, weil sich dadurch die Wartezeit nach einem verpassten Anschluss verkürzt.
Zugpersonal bekommt Bestnoten
Nicht alles wird kritisch gesehen. Besonders positiv bewerten die Fahrgäste das Zugpersonal: 95 Prozent erleben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als freundlich und hilfsbereit. Auch bei der Anwesenheit des Zugpersonals sehen 78 Prozent eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr.
Bei zahlreichen weiteren Qualitätsmerkmalen überwiegen ebenfalls die positiven Einschätzungen. So sehen 85 Prozent eine Verbesserung bei Qualität und Komfort des Bahnfahrens. 82 Prozent bewerten Information und Service sowie Buchungs- und Reservierungsmöglichkeiten besser als im Vorjahr.
Mehr Nachtzüge und Direktverbindungen gewünscht
Potenzial sehen die Fahrgäste auch beim internationalen Bahnverkehr. 30 Prozent sind mit der Zahl der Direktverbindungen in europäische Metropolen nicht zufrieden. 37 Prozent wünschen sich bessere Möglichkeiten, internationale Bahnreisen zu suchen, zu finden und zu buchen.
Auch im Nah- und Regionalverkehr besteht Nachfrage nach zusätzlichen Verbindungen: Jeder fünfte Fahrgast wünscht sich hier ein dichteres Angebot.
Dass die Bahn auch für Urlaubsreisen interessant ist, zeigt ein weiteres Ergebnis des Bahntests. 36 Prozent der Befragten sind im vergangenen Jahr mit einem Tagzug in den Urlaub gefahren, 13 Prozent nutzten einen Nachtzug. Weitere 21 Prozent planen eine Bahnreise in den kommenden zwölf Monaten. Insgesamt waren 89 Prozent der Bahnurlaubsreisenden mit ihrer Reise zufrieden.
Die Nachfrage ist da - jetzt muss die Qualität folgen
Der VCÖ-Bahntest zeigt damit ein bemerkenswertes Spannungsfeld: Immer mehr Menschen wollen die Bahn nutzen, gleichzeitig erleben viele Verschlechterungen im täglichen Betrieb. Vor allem dort, wo Bahnfahren besonders attraktiv sein soll, bei Pünktlichkeit, zuverlässigen Anschlüssen und einem guten Preis-Leistungsverhältnis, erwarten die Fahrgäste Verbesserungen.
Die wachsende Nachfrage bietet dabei eine große Chance für die Verkehrswende. Damit aus mehr Interesse auch langfristig mehr Bahnfahrten werden, muss das Angebot allerdings mitwachsen und vor allem zuverlässig funktionieren. Denn für Fahrgäste zählt am Ende nicht nur, wie schnell ein Zug fährt, sondern ob er überhaupt fährt und ob der Anschluss wartet.