Bad Ischl nach Tokio – Teil 5
1200 Kilometer in Patagonien
Nun bin ich bereits mehr als 1200 km in Patagonien gewandert und wenn ich an die letzten Wochen zurückdenke kommen mir viele Gedanken in den Sinn: voller Herausforderungen aber auch voller unvergesslicher Erlebnisse. Ich lernte wieder einmal mehr, dass es wichtig ist nicht aufzugeben und trotz Schwierigkeiten voranzuschreiten.
Zuerst ging es zusammen mit Yuri von Punta Arenas nach Puerto Natales. Irgendwie hatten wir keine Lust auf der schnurgeraden, endlosen Strasse die windigen Pampas zu durchqueren und so entschieden wir uns entlang des Meeres zu wandern. Es ging vorbei an einsamen Estancias, die Küste entlang; das Meer schimmerte in allen Facetten und Farben und immer wieder munterten uns bunte Regenbögen und beinahe mystisch anmutende Landschaften auf, trotz starkem Gegenwind weiterzuwandern. Wir folgten einem alten Fahrweg in die Wildnis bis dieser plötzlich direkt im Meer endete. Vor uns der tiefblaue Ozean, links und rechts endlose Sümpfe. Wir folgten zaghaft der Küste doch als diese felsiger wurde blieb uns nichts anderes über als in die Sümpfe zu ziehen. Bis dahin verband ich Sümpfe mit den abenteuerlichen Sagen, die ich während meiner Kindheit las: trügerisch, geisterhaft, ja oft sind Wanderer für immer und ewig darin verschwunden. Doch es war halb so schlimm und anfangs ging es gut voran; doch bald stellt ich fest, dass es viele unterschiedliche Arten von Sümpfen gab: trockenere mit festem Untergrund, sehr feuchte mit kleinen Wasserwegen in denen wir wie in einem Irrgarten unseren Weg suchen mussten aber auch welche mit hohem Gras und dazwischen immer wieder kleine Tümpel. Letztere waren die unangenehmsten und einmal sank ich so tief ein, dass der Schlamm in meine hohen „Waldviertler Schuhe oben hineinfloss, ich fiel nach vorne und zu allem Überdruss war da auch noch ein Dornenstrauch in dem ich kopfvoran landete. Wir kämpften uns vorwärts. Dazwischen gab es immer wieder Wasserläufe die es zu durchqueren gab, eingebettet in dichte Regenwälder: im besten Fall hieß es Schuhe ausziehen, doch manchmal mussten wir uns gänzlich ausziehen und den Rucksack am Kopf durch den Fluss balancieren. Wir kämpften uns vorwärts: am ersten Tag in Schlangenlinien vom Morgengrauen bis in den Abend. Wir sind wohl an die 15 km gewandert doch Luftlinie hatten wir gerade mal 5 km geschafft; sollten wir umdrehen? Eine Woche zurück bis zur Straße? Noch hatten wir genug Essen mit und wir kämpften uns vorwärts, links und rechts schneebedeckte Berge, Greifvögel begleitete uns; es war wunderschön; kein Mensch; nur Stille und Wildnis. Drei Tage verbrachten wir im Sumpf und dann erste Anzeichen von "Zivilisation:" eine verlasse Estancia direkt am Meer; irgendwie sah sie aus als wäre sie mitten in Sibirien. Und dann am nächsten Tag, eine kleine Siedlung: ich machte ein Foto von einem Holzarbeiter: der erste Mensch seit Tagen; wir haben es geschafft. In einer Estancia wurden wir zum
Frühstück eingeladen: Erdäpfel, frisches Brot, Fett, Tee: das Paradies auf Erden. Wir aßen, ich plauderte, erzählte von daheim, lauschte den Geschichten der Bauern; wir waren alle froh und glücklich. Wir bekamen ein Kilo Brot mit auf dem Weg und zum Abschied sang ich ihnen einen Jodler aus der Heimat. Ja und von nun an ging es auf einem Weg bis Puerto Natales; und kurz vor unserem Ziel folgten wir wieder der Küste: ein grandioser Ausblick auf einen weitläufigen Fjord und als Entschädigung für die Strapazen der vergangenen Tage ein grandioser Regenbogen in allen erdenklichen Farben…kurz darauf ein Glas Bier auf die vergangen Tage und ein Käseweckerl: was für ein Leben!
Wir erholten uns ein paar Tage in Puerto Natales und dann ging es weiter in den Norden. Wieder einmal wollten wir den Pampas ausweichen und diesmal eine Abkürzung über einen nicht besetzten Grenzübergang in den Bergen nehmen; doch nach ein paar Wandertagen kam uns ein chilenischer Carabinieri auf dem Motorrad entgegen und durchkreuzte unsere Pläne: es hieß umdrehen. 30 km zu Fuß zurück (nach Süden; wie demotivierend) und nach Cerro Castillo zum offiziellen chilenisch–argentinschen Grenzübergang. Vor dem chilenischen Zollhaus kochten wir Spiegeleier und die argentinischen Zöllner ließen uns sogar im Grenzhaus übernachten: was für eine Gastfreundschaft; doch was nun; sollten wir nun doch auf der Strasse weiterziehen: 250 durch endlose Pampas oder als Alternative über die grüne Grenze zurück nach Chile und durch die Berge. Wir entschieden uns für die letztere, etwas abenteuerlichere Variante.
Auf dem Weg kamen wir an einer einsamen Estancia vorbei und Leonel, ein argentinischer Gaucho, lud uns zu Matetee, einem patagonischen Nationalgetränk, ein. Während uns ein alter Kanonenofen wärmte und das Teehäferl die Runde machte erzählte uns Leonel aus seinem Leben auf der Estancia: 10.000 Schafe und 2.000 Rinder zählte die Farm und die Tiere blieben selbst im Winter auf der Weide, bei bis zu einem Meter Schnee; wo sollten sie auch sonst bleiben, es gab doch keinen so großen Stall, dass alle Platz hätten. Ja und er lächelte als ich ihm erzählte, dass bei uns im Salzkammergut oft nur 10 oder 20 Kühe auf die Alm getrieben werden.
Voller Gedanken zogen wir weiter, auf nicht ganz legalen Wegen zurück nach Chile in ein einsames Gebirgstal hinein. Ringsum spektakuläre Vulkanberge, mit schroffen Felsen, dazwischen saftige Weiden, einer der magischen Orte auf dieser Welt. Wir kamen wieder an einer Estancia vorbei und Don Esteban, der Senner, lud uns in seine Hütte ein. Wir wollten nur kurz bleiben und so schnell wie möglich zurück nach Argentinien, doch es kam anders. Esteban meinte wir sollten bei ihm in der Hütte übernachten und überzeugte uns, dass die Carabinieri sowieso nie bis zu seiner Estancia kommen würden. Ja und so blieben wir: halfen beim Dachdecken und Holzhacken und wurden so in das Leben der Gauchos eingebunden.
Am Abend kamen Esteban‚s Freunde vorbei, Gauchos aus der Umgebung, und bei Matetee und Rotwein erlebte ich einen der großartigsten Abende meines Lebens; voller Geschichten und Erlebnisse aus einer fremden Welt. Der nächste Morgen kam und Esteban bot uns an dass er mit uns auf den Pass reiten würde. Seit 12 Jahren war er nicht mehr dort oben; wo die Condore zuhause sind. Wir brachen auf; hoch zu Ross. Am Anfang war es noch etwas ungewohnt, doch bald galoppierten wir in das Tal hinein, rundherum ein Zirkus aus schroffen Felsen, dazwischen weite Almen, über uns zogen die Condore ihre Kreise; und dann die ersehnte Grenze am Passübergang. Esteban ritt zurück… lange blickten wir ihm nach, bis er hinter einer Felskante verschwand: und plötzlich wieder Stille. Wir packten das frische Brot aus, dass er uns auf den Weg mitgegeben hatte, dazu Olivenöl mit Pfeffer und Salz. Wir schwiegen und hingen unseren Gedanken nach….was für ein unvergessliches Erlebnis.
Es ging weiter nach El Calafate am Lago Argentino und endlich hatten wir es geschafft; allen Widrigkeiten zum trotz aber wieder einmal reichlich belohnt für die Strapazen. Wir biegen beim ersten Haus am Ortsrand ab: ein
Jugendzentrum der Salesianer Don Bosco. Ich erzähle Roberto, dem Erzieher, von meiner Arbeit mit Straßenkindern im Proyecto Salesiano in Ecuador im Rahmen meines Auslandszivildienstes und wir werden spontan zum Übernachten eingeladen. Beim Abendessen erzählt uns Roberto von seiner Arbeit mit den Kindern aus armen Familien und wirft ein Licht auf ein anderes Patagonien: El Calafate scheint auf den ersten Blick ein reicher Ort zu sein, denn es gibt sehr viel Tourismus, aber in Wirklichkeit teilen sich gerademal eine Handvoll Familien den fetten Dollar–Kuchen unter sich auf: Bootexkursionen zum naheliegenden Gletscher um 90 US–Dollar pro Person, schicke Restaurants und Souvenierläden; oft gehört alles einer einzigen Familie; und die Mehrheit der Bevölkerung geht beinahe leer aus. Während der Saison von Oktober bis März heißt es Geld zu verdienen; die Kinder sind daheim; verwahrlosen oft, während die reichen "Tourismusbarone" ihr Geld auf schweizer Bankkonten deponieren. Das Salesianerprojekt gibt den Jugendlichen eine Chance: Berufsausbildung und Freizeitgestaltung; doch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind alles andere als rosig und Roberto meint, dass die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor in einem Abhängigkeitsverhältnis der reichen Gesellschaftsschichten lebt: alles
beim alten; seit Jahrhunderten. So sehe ich die sozialen Aspekte des Tourismus: ich mache keine Bootsexkursion zum Gletscher und koche mein Abendessen selbst: aus Protest gegen die Ungerechtigkeiten, wird es etwas ändern?
Wird es etwas ändern? Wieder einmal stelle ich mir diese Frage: ich stehe vor einem Regal im Supermarkt und will Butter kaufen: die billigste Butter kommt aus Deutschland, tausende Kilometer um den Globus transportiert, die
zweitbilligste aus Irland und schließlich die teuerste aus einer Molkerei im südlichen Patagonien. Ich kaufe die lokale Butter und hoffe dadurch die regionale Landwirtschaft zu fördern. Ich will es einfach nicht wahrhaben, dass nun auch schon Butter wegen der hohen europäischen Agrarsubventionen um die halbe Welt transportiert wird. Mahatma Gandhi‚s Worte kommen mir in den Sinn: "Sei die Veränderung, die Du in der Welt sehen möchtest."
Ja und so bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass wir alle unseren Beitrag zu einer gerechteren, umweltfreundlicheren Gesellschaft beitragen können. Irgendwie ist das wie das Wandern: der Weg erfordert Durchhaltevermögen, doch letzten Endes werden wir für unsere Bemühungen belohnt; und so stehen wir täglich vor neuen Herausforderungen: selbst wenn sie noch so klein sind wie die Entscheidung vor dem Kühlregal: lokale Produkte oder Importwaren. Ich denke an an Janis Joplin‚s Gedanken: "Betrüge Dich nicht selbst; Du bist alles was Du hast" und ich greife zur patagonischen Butter.
Morgen geht es zum Perrito Moreno Gletscher, zu Fuss und allein. Yuri ist bereits auf dem Weg zu seiner Freundin in den Norden. Tausende Kilometer der Einsamkeit stehen mir bevor, doch es ist halb so schlimm, denn die
Bekanntschaften entlang des Weges geben mir immer wieder Kraft weiterzuwandern und meinen Traum zu verwirklichen: Tokio ich komme!
Seid mir gegrüßt und ich denk an Euch wenn ich durch die Herbstwälder Patagoniens ziehe, begleitet von den Condoren und Regenbögen, immer weiter in den Norden und Eure Freundschaft zerstreut meine Einsamkeit.
Bis bald; so hoffe ich irgendwo entlang des Weges. Ja, und denkt an die
Worte von Janis Joplin….
Euer
Gregorio
Zuerst ging es zusammen mit Yuri von Punta Arenas nach Puerto Natales. Irgendwie hatten wir keine Lust auf der schnurgeraden, endlosen Strasse die windigen Pampas zu durchqueren und so entschieden wir uns entlang des Meeres zu wandern. Es ging vorbei an einsamen Estancias, die Küste entlang; das Meer schimmerte in allen Facetten und Farben und immer wieder munterten uns bunte Regenbögen und beinahe mystisch anmutende Landschaften auf, trotz starkem Gegenwind weiterzuwandern. Wir folgten einem alten Fahrweg in die Wildnis bis dieser plötzlich direkt im Meer endete. Vor uns der tiefblaue Ozean, links und rechts endlose Sümpfe. Wir folgten zaghaft der Küste doch als diese felsiger wurde blieb uns nichts anderes über als in die Sümpfe zu ziehen. Bis dahin verband ich Sümpfe mit den abenteuerlichen Sagen, die ich während meiner Kindheit las: trügerisch, geisterhaft, ja oft sind Wanderer für immer und ewig darin verschwunden. Doch es war halb so schlimm und anfangs ging es gut voran; doch bald stellt ich fest, dass es viele unterschiedliche Arten von Sümpfen gab: trockenere mit festem Untergrund, sehr feuchte mit kleinen Wasserwegen in denen wir wie in einem Irrgarten unseren Weg suchen mussten aber auch welche mit hohem Gras und dazwischen immer wieder kleine Tümpel. Letztere waren die unangenehmsten und einmal sank ich so tief ein, dass der Schlamm in meine hohen „Waldviertler Schuhe oben hineinfloss, ich fiel nach vorne und zu allem Überdruss war da auch noch ein Dornenstrauch in dem ich kopfvoran landete. Wir kämpften uns vorwärts. Dazwischen gab es immer wieder Wasserläufe die es zu durchqueren gab, eingebettet in dichte Regenwälder: im besten Fall hieß es Schuhe ausziehen, doch manchmal mussten wir uns gänzlich ausziehen und den Rucksack am Kopf durch den Fluss balancieren. Wir kämpften uns vorwärts: am ersten Tag in Schlangenlinien vom Morgengrauen bis in den Abend. Wir sind wohl an die 15 km gewandert doch Luftlinie hatten wir gerade mal 5 km geschafft; sollten wir umdrehen? Eine Woche zurück bis zur Straße? Noch hatten wir genug Essen mit und wir kämpften uns vorwärts, links und rechts schneebedeckte Berge, Greifvögel begleitete uns; es war wunderschön; kein Mensch; nur Stille und Wildnis. Drei Tage verbrachten wir im Sumpf und dann erste Anzeichen von "Zivilisation:" eine verlasse Estancia direkt am Meer; irgendwie sah sie aus als wäre sie mitten in Sibirien. Und dann am nächsten Tag, eine kleine Siedlung: ich machte ein Foto von einem Holzarbeiter: der erste Mensch seit Tagen; wir haben es geschafft. In einer Estancia wurden wir zum
Frühstück eingeladen: Erdäpfel, frisches Brot, Fett, Tee: das Paradies auf Erden. Wir aßen, ich plauderte, erzählte von daheim, lauschte den Geschichten der Bauern; wir waren alle froh und glücklich. Wir bekamen ein Kilo Brot mit auf dem Weg und zum Abschied sang ich ihnen einen Jodler aus der Heimat. Ja und von nun an ging es auf einem Weg bis Puerto Natales; und kurz vor unserem Ziel folgten wir wieder der Küste: ein grandioser Ausblick auf einen weitläufigen Fjord und als Entschädigung für die Strapazen der vergangenen Tage ein grandioser Regenbogen in allen erdenklichen Farben…kurz darauf ein Glas Bier auf die vergangen Tage und ein Käseweckerl: was für ein Leben!
Wir erholten uns ein paar Tage in Puerto Natales und dann ging es weiter in den Norden. Wieder einmal wollten wir den Pampas ausweichen und diesmal eine Abkürzung über einen nicht besetzten Grenzübergang in den Bergen nehmen; doch nach ein paar Wandertagen kam uns ein chilenischer Carabinieri auf dem Motorrad entgegen und durchkreuzte unsere Pläne: es hieß umdrehen. 30 km zu Fuß zurück (nach Süden; wie demotivierend) und nach Cerro Castillo zum offiziellen chilenisch–argentinschen Grenzübergang. Vor dem chilenischen Zollhaus kochten wir Spiegeleier und die argentinischen Zöllner ließen uns sogar im Grenzhaus übernachten: was für eine Gastfreundschaft; doch was nun; sollten wir nun doch auf der Strasse weiterziehen: 250 durch endlose Pampas oder als Alternative über die grüne Grenze zurück nach Chile und durch die Berge. Wir entschieden uns für die letztere, etwas abenteuerlichere Variante.
Auf dem Weg kamen wir an einer einsamen Estancia vorbei und Leonel, ein argentinischer Gaucho, lud uns zu Matetee, einem patagonischen Nationalgetränk, ein. Während uns ein alter Kanonenofen wärmte und das Teehäferl die Runde machte erzählte uns Leonel aus seinem Leben auf der Estancia: 10.000 Schafe und 2.000 Rinder zählte die Farm und die Tiere blieben selbst im Winter auf der Weide, bei bis zu einem Meter Schnee; wo sollten sie auch sonst bleiben, es gab doch keinen so großen Stall, dass alle Platz hätten. Ja und er lächelte als ich ihm erzählte, dass bei uns im Salzkammergut oft nur 10 oder 20 Kühe auf die Alm getrieben werden.
Voller Gedanken zogen wir weiter, auf nicht ganz legalen Wegen zurück nach Chile in ein einsames Gebirgstal hinein. Ringsum spektakuläre Vulkanberge, mit schroffen Felsen, dazwischen saftige Weiden, einer der magischen Orte auf dieser Welt. Wir kamen wieder an einer Estancia vorbei und Don Esteban, der Senner, lud uns in seine Hütte ein. Wir wollten nur kurz bleiben und so schnell wie möglich zurück nach Argentinien, doch es kam anders. Esteban meinte wir sollten bei ihm in der Hütte übernachten und überzeugte uns, dass die Carabinieri sowieso nie bis zu seiner Estancia kommen würden. Ja und so blieben wir: halfen beim Dachdecken und Holzhacken und wurden so in das Leben der Gauchos eingebunden.
Am Abend kamen Esteban‚s Freunde vorbei, Gauchos aus der Umgebung, und bei Matetee und Rotwein erlebte ich einen der großartigsten Abende meines Lebens; voller Geschichten und Erlebnisse aus einer fremden Welt. Der nächste Morgen kam und Esteban bot uns an dass er mit uns auf den Pass reiten würde. Seit 12 Jahren war er nicht mehr dort oben; wo die Condore zuhause sind. Wir brachen auf; hoch zu Ross. Am Anfang war es noch etwas ungewohnt, doch bald galoppierten wir in das Tal hinein, rundherum ein Zirkus aus schroffen Felsen, dazwischen weite Almen, über uns zogen die Condore ihre Kreise; und dann die ersehnte Grenze am Passübergang. Esteban ritt zurück… lange blickten wir ihm nach, bis er hinter einer Felskante verschwand: und plötzlich wieder Stille. Wir packten das frische Brot aus, dass er uns auf den Weg mitgegeben hatte, dazu Olivenöl mit Pfeffer und Salz. Wir schwiegen und hingen unseren Gedanken nach….was für ein unvergessliches Erlebnis.
Es ging weiter nach El Calafate am Lago Argentino und endlich hatten wir es geschafft; allen Widrigkeiten zum trotz aber wieder einmal reichlich belohnt für die Strapazen. Wir biegen beim ersten Haus am Ortsrand ab: ein
Jugendzentrum der Salesianer Don Bosco. Ich erzähle Roberto, dem Erzieher, von meiner Arbeit mit Straßenkindern im Proyecto Salesiano in Ecuador im Rahmen meines Auslandszivildienstes und wir werden spontan zum Übernachten eingeladen. Beim Abendessen erzählt uns Roberto von seiner Arbeit mit den Kindern aus armen Familien und wirft ein Licht auf ein anderes Patagonien: El Calafate scheint auf den ersten Blick ein reicher Ort zu sein, denn es gibt sehr viel Tourismus, aber in Wirklichkeit teilen sich gerademal eine Handvoll Familien den fetten Dollar–Kuchen unter sich auf: Bootexkursionen zum naheliegenden Gletscher um 90 US–Dollar pro Person, schicke Restaurants und Souvenierläden; oft gehört alles einer einzigen Familie; und die Mehrheit der Bevölkerung geht beinahe leer aus. Während der Saison von Oktober bis März heißt es Geld zu verdienen; die Kinder sind daheim; verwahrlosen oft, während die reichen "Tourismusbarone" ihr Geld auf schweizer Bankkonten deponieren. Das Salesianerprojekt gibt den Jugendlichen eine Chance: Berufsausbildung und Freizeitgestaltung; doch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind alles andere als rosig und Roberto meint, dass die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor in einem Abhängigkeitsverhältnis der reichen Gesellschaftsschichten lebt: alles
beim alten; seit Jahrhunderten. So sehe ich die sozialen Aspekte des Tourismus: ich mache keine Bootsexkursion zum Gletscher und koche mein Abendessen selbst: aus Protest gegen die Ungerechtigkeiten, wird es etwas ändern?
Wird es etwas ändern? Wieder einmal stelle ich mir diese Frage: ich stehe vor einem Regal im Supermarkt und will Butter kaufen: die billigste Butter kommt aus Deutschland, tausende Kilometer um den Globus transportiert, die
zweitbilligste aus Irland und schließlich die teuerste aus einer Molkerei im südlichen Patagonien. Ich kaufe die lokale Butter und hoffe dadurch die regionale Landwirtschaft zu fördern. Ich will es einfach nicht wahrhaben, dass nun auch schon Butter wegen der hohen europäischen Agrarsubventionen um die halbe Welt transportiert wird. Mahatma Gandhi‚s Worte kommen mir in den Sinn: "Sei die Veränderung, die Du in der Welt sehen möchtest."
Ja und so bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass wir alle unseren Beitrag zu einer gerechteren, umweltfreundlicheren Gesellschaft beitragen können. Irgendwie ist das wie das Wandern: der Weg erfordert Durchhaltevermögen, doch letzten Endes werden wir für unsere Bemühungen belohnt; und so stehen wir täglich vor neuen Herausforderungen: selbst wenn sie noch so klein sind wie die Entscheidung vor dem Kühlregal: lokale Produkte oder Importwaren. Ich denke an an Janis Joplin‚s Gedanken: "Betrüge Dich nicht selbst; Du bist alles was Du hast" und ich greife zur patagonischen Butter.
Morgen geht es zum Perrito Moreno Gletscher, zu Fuss und allein. Yuri ist bereits auf dem Weg zu seiner Freundin in den Norden. Tausende Kilometer der Einsamkeit stehen mir bevor, doch es ist halb so schlimm, denn die
Bekanntschaften entlang des Weges geben mir immer wieder Kraft weiterzuwandern und meinen Traum zu verwirklichen: Tokio ich komme!
Seid mir gegrüßt und ich denk an Euch wenn ich durch die Herbstwälder Patagoniens ziehe, begleitet von den Condoren und Regenbögen, immer weiter in den Norden und Eure Freundschaft zerstreut meine Einsamkeit.
Bis bald; so hoffe ich irgendwo entlang des Weges. Ja, und denkt an die
Worte von Janis Joplin….
Euer
Gregorio