Atommülllager in der Schweiz: Neue Studie warnt vor ungelösten Risiken
Eine neue wissenschaftliche Auswertung im Auftrag von Greenpeace Schweiz stellt der Schweizer Atommüllstrategie ein schlechtes Zeugnis aus. Trotz jahrzehntelanger Forschung gebe es weltweit keine langfristig verlässliche Lösung für die Lagerung hochradioaktiver Abfälle – auch nicht im geplanten Tiefenlager «Nördlich Lägern» in den Kantonen Zürich und Aargau. Solange die sichere Endlagerung nicht garantiert ist, dürften keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden, warnen die Autor*innen.
Über 800 wissenschaftliche Studien wurden für den Bericht analysiert. Das Fazit: Die zentrale Frage, wie hochradioaktiver Atommüll eine Million Jahre sicher eingelagert werden kann, sei nach wie vor unbeantwortet – weltweit.
In der Schweiz plant die Nagra, den Atommüll in dickwandigen Stahlbehältern in rund 900 Metern Tiefe in einer Opalinuston-Formation zu lagern. Genau dieses Konzept wird nun infrage gestellt.
Besonders kritisch sieht die Studie die Korrosion der Stahlbehälter. Dabei entstehende Gase könnten das Verfüllmaterial und das Gestein beschädigen – mit dem Risiko, dass Radioaktivität schneller an die Oberfläche gelangt. Forschung aus China kommt sogar zum Schluss, dass Stahlbehälter für geologische Tiefenlager grundsätzlich ungeeignet seien.
Doch Korrosion ist nur eines von vielen Problemen:
Mehrbarrierenkonzept ungesichert: Die Wechselwirkungen zwischen Behälter, Verfüllmaterial und Wirtsgestein sind wissenschaftlich noch unzureichend verstanden.
Hitzeentwicklung: Der weiterhin aktive Zerfall des Atommülls wärmt das Gestein auf und könnte langfristig alte Verwerfungen reaktivieren – mit möglichen Erdbeben.
Schwächung des Tons: Hohe Temperaturen beeinträchtigen die Schutzwirkung der Tonminerale.
Unbekannte biologische Prozesse: Rolle von unterirdischen Bakterien und Pilzen ist nur teilweise verstanden – sie könnten chemische Reaktionen im Lager beeinflussen.
Für Greenpeace-Energieexperte Nathan Solothurnmann ist die Situation klar:
„Angesichts all dieser Probleme ist es beunruhigend, mit welcher Gewissheit einige Expert:innen die Sicherheit des Tiefenlagers behaupten. Der Bundesrat versucht offenbar, das Thema möglichst schnell abzuschliessen – das ist gefährlich.“
Das Schweizer Kernenergiegesetz verlangt, dass eine wissenschaftlich gesicherte Langzeitlösung für den Atommüll existieren muss, bevor Atomkraftwerke betrieben werden dürfen. Genau diese Voraussetzung sei heute nicht erfüllt, so Solothurnmann.
Jede weitere Tonne Atommüll erhöhe Risiken und Kosten für kommende Generationen. Greenpeace fordert deshalb:
keine neuen AKW,
einen planmässigen, raschen Ausstieg aus der Atomkraft,
und höchste wissenschaftliche Sorgfalt bei allen Entscheidungen zur Endlagerung.
Die Studie zeigt: Die Schweiz steht vor einem Jahrhundertproblem - und eine endgültig sichere Lösung ist weiterhin nicht in Sicht.
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