Appell beim Biodiversitätsgipfel: Sortenvielfalt als Schlüssel für Ernährungssicherheit und Wirtschaft
Schiltern/Salzburg - Klimawandel, geopolitische Unsicherheiten und volatile Märkte setzen die Landwirtschaft zunehmend unter Druck. Gleichzeitig eröffnen sich neue Spielräume, um Systeme resilienter und nachhaltiger zu gestalten. Beim Biodiversitätsgipfel im niederösterreichischen Schiltern diskutierten Vertreter:innen aus Landwirtschaft, Forschung, Handel und Gastronomie darüber, welche Rolle Sortenvielfalt für die Zukunft der Ernährung spielt.
Der zentrale Tenor: Der Erhalt von Arten- und Sortenvielfalt ist weit mehr als Naturschutz. Er ist Grundlage für stabile Erträge, Innovationsfähigkeit und eine sichere Lebensmittelversorgung. Nur mit genetischer Vielfalt lassen sich Kulturpflanzen an veränderte Klimabedingungen anpassen und gleichzeitig flexibel auf Marktanforderungen reagieren. Für den Agrarstandort Österreich bedeutet das: Biodiversität ist ein ökologischer wie ökonomischer Standortfaktor.
„Sortenvielfalt ist keine romantische Idee, sondern ein handfester Wettbewerbsfaktor“, betonte Markus Kaser, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von SPAR Österreich. Das Unternehmen setze auf langfristige Partnerschaften, gentechnikfreie Produktion und hohe Qualitätsstandards, um die Versorgungssicherheit zu stärken.
Ein zentrales Thema waren die Rahmenbedingungen für kleine Züchtungsbetriebe. Die bevorstehende EU-Saatgut-Verordnung sowie Diskussionen rund um neue Gentechnik sorgen in der Branche für Unsicherheit. Während Liberalisierungstendenzen bei der Gentechnik zunehmen, könnten neue Regelungen im Saatgutbereich laut Kritik zu mehr Bürokratie und Einschränkungen für kleinere Betriebe führen.
Eine Umfrage unter europäischen Vielfaltsbetrieben im Auftrag von ARCHE NOAH zeigt die Folgen: Viele Betriebe fühlen sich durch Bürokratie belastet, rund 30 Prozent erwägen eine Reduktion ihrer Sortimente.
„Sortenvielfalt entsteht in der Praxis der Regionen, nicht in Verordnungen“, sagte ARCHE-NOAH-Geschäftsführer Volker Plass. Entscheidend seien praktikable Rahmenbedingungen, die Vielfalt ermöglichen statt behindern.
Auch der Lebensmittelhandel wurde als wichtiger Treiber für Biodiversität hervorgehoben. SPAR arbeitet seit Jahren mit Produzent:innen zusammen, die auf vielfältige Sorten und nachhaltige Anbaumethoden setzen. Programme wie „BeeWild“ haben bereits große Flächen für Biodiversitätsförderung geschaffen. Zudem stammen inzwischen mehr als 30 Prozent des Obst- und Gemüsesortiments aus biologischer Landwirtschaft.
„Am Ende entscheidet auch das Sortiment darüber, ob Vielfalt bestehen bleibt“, so Kaser. Langfristige Kooperationen seien entscheidend für Stabilität und Qualität im Angebot.
Die Bedeutung gesunder Böden und vielfältiger Ökosysteme wurde auch aus medizinischer und kulinarischer Sicht betont. Umweltmedizinerin Daniela Haluza (Medizinische Universität Wien) wies auf die enge Verbindung zwischen Biodiversität, Ernährung und Gesundheit hin: Intakte Ökosysteme seien Grundlage für hochwertige Lebensmittel und stärkten langfristig die menschliche Widerstandskraft.
Spitzenkoch Paul Ivić (Restaurant TIAN) ergänzte: „Wenn Biodiversität verschwindet, verlieren wir Geschmack, Qualität und Stabilität in unseren Ernährungssystemen.“
Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass Biodiversität zwar als wichtig wahrgenommen wird, das konkrete Verständnis jedoch begrenzt ist. Rund die Hälfte der Österreicher:innen hält das Thema für relevant, aber nur etwa ein Drittel kann den Begriff korrekt einordnen.
Kaser forderte daher, Ernährungs- und Umweltbildung stärker in Schulen zu verankern. Wer früh verstehe, wo Lebensmittel herkommen, treffe später bewusstere Entscheidungen.
Um Biodiversität stärker entlang der Wertschöpfungskette zu verankern, kündigte SPAR die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Expertenrats an. Die Plattform soll Landwirtschaft, Forschung und Handel enger vernetzen und frühzeitig Lösungen für Herausforderungen wie Klimaanpassung, Sortenerhalt und Ressourceneffizienz entwickeln.
„Biodiversität ist die Basis unserer Lebensmittelversorgung – sie schafft Innovation, verhindert Engpässe und stärkt langfristig die Versorgungssicherheit“, so Kaser.