Wiener Neustadt: Wohnanlage wird zum Pilotprojekt für klimafitten Bestand
Wiener Neustadt - Wie kann älterer Wohnungsbestand gleichzeitig klimafit, energieeffizient und leistbar werden? Eine Antwort darauf liefert die Gemeinnützige Bau- und Wohnungsgenossenschaft „Wien-Süd“ in Wiener Neustadt. Die beiden Wohnhäuser in der Josef-Bierenz-Gasse 12–14 wurden umfassend saniert und dabei vollständig dekarbonisiert. Am 2. September wurden die Wohnungen im Rahmen einer Schlüsselübergabe wieder an die Bewohner:innen übergeben.
Die Wohnhäuser stammen aus dem Jahr 1993. Was damals modernen und leistbaren sozialen Wohnbau darstellte, musste nun an die Anforderungen von Klimaschutz und zunehmenden Hitzebelastungen angepasst werden. „Wien-Süd“ nutzte die ohnehin notwendige Sanierung daher für ein umfassendes Pilotprojekt.
Von Gas zu Wärmepumpe und Photovoltaik
Eine der wichtigsten Veränderungen betrifft die Energieversorgung: Das bisherige Gasheizsystem wurde durch Luftwärmepumpen ersetzt. Die dafür benötigte Energie kommt zu einem wesentlichen Teil aus neu errichteten Photovoltaikanlagen auf den Dächern der beiden Wohnhäuser.
Auch die 30 neu errichteten Carports wurden mit PV-Modulen ausgestattet. Die dort erzeugte Energie unterstützt die Versorgung der Wärmepumpen und deckt zudem den Bedarf der öffentlichen Beleuchtung.
Gleichzeitig wurden sämtliche Wohnungen von Zentralheizungen auf Fußbodenheizungen umgestellt. Elektro- und Sanitärinstallationen wurden komplett erneuert.
Für Christof Anderle, Vorstand der „Wien-Süd“, ist das Projekt ein wichtiger Schritt: „Für uns als Bauträger das erste, aber sicher nicht das letzte umfassende Dekarbonisierungsprojekt.“
Mehr Komfort bei weniger fossiler Energie
Die Sanierung beschränkt sich allerdings nicht auf die Energieversorgung. Wohnungen, die bisher über keinen Balkon verfügten, erhielten neue vorgestellte Balkone. Damit wurde nicht nur die Wohnqualität verbessert, sondern zusätzlicher privater Freiraum geschaffen.
Elektrisch betriebener Sonnenschutz soll helfen, die Innenräume vor sommerlicher Überhitzung zu schützen. Gerade angesichts zunehmender Hitzewellen wird der sommerliche Wärmeschutz auch im Wohnbau immer wichtiger. Besonderes Augenmerk lag deshalb auf der Gestaltung der Außenanlagen.
Bäume als natürliche Klimaanlage
Gemeinsam mit „Natur im Garten“ wurde das Außenraumkonzept völlig neu entwickelt. Neue Bäume und Sträucher dienen als natürliche Schattenspender für Spiel- und Aufenthaltsbereiche. Sie verbessern damit nicht nur die Aufenthaltsqualität, sondern beeinflussen auch das Mikroklima der Siedlung.
An heißen Tagen können beschattete Grünbereiche deutlich angenehmer sein als aufgeheizte befestigte Flächen.
Zusätzlich wurden Maßnahmen für ein besseres Regenwassermanagement umgesetzt. Tanks sammeln überschüssiges Regenwasser, das anschließend teilweise für die Bewässerung der Freiflächen verwendet werden kann. Begrünte Dachflächen tragen ebenfalls zum Temperaturausgleich bei und können die Aufheizung der Gebäude reduzieren.
Urban Gardening soll Nachbarschaft stärken
Auch soziale Aspekte wurden in die Neugestaltung einbezogen. Auf den ebenerdigen Grünflächen stehen nun Pflanztröge für Urban Gardening zur Verfügung. Die Bewohner:innen können dort gemeinsam gärtnern – und dabei miteinander ins Gespräch kommen. Ergänzt wird das Konzept durch Naschhecken mit Ribisel- und Johannisbeersträuchern, die insbesondere Kindern zugutekommen sollen.
Damit wird die Außenraumgestaltung zugleich zu einem Instrument für mehr Gemeinschaft: Gemeinsames Garteln und die Nutzung gemeinsamer Freiflächen können dazu beitragen, Kontakte zwischen unterschiedlichen Bewohner:innengruppen zu fördern und die Hausgemeinschaft zu stärken.
E-Mobilität und Fahrrad gehören zum Konzept
Auch die Mobilität wurde bei der Sanierung berücksichtigt. Sämtliche Stellplätze sind für die spätere Nutzung von Elektrofahrzeugen vorgerüstet. Die Stellplatzflächen wurden zudem mit Rasengittersteinen gestaltet, um die Versiegelung zu reduzieren.
Für Fahrräder stehen zwei freistehende Fahrradabstellräume zur Verfügung.
Damit verbindet die Sanierung mehrere Bausteine eines klimafitten Wohnquartiers: erneuerbare Energie, effiziente Wärmeversorgung, Begrünung, Regenwassernutzung, weniger versiegelte Flächen und eine Infrastruktur für klimafreundliche Mobilität.
Leistbarer Wohnraum bleibt im Mittelpunkt
Trotz des umfassenden Umbaus soll die Wohnanlage leistbar bleiben. Durch die Unterstützung mit Wohnbauförderungsmitteln liegt die Miete laut „Wien-Süd“ bei rund 10,80 Euro pro Quadratmeter Wohnnutzfläche, die erforderlichen Eigenmittel bei unter 200 Euro pro Quadratmeter Wohnnutzfläche.
Damit zeigt das Projekt einen wichtigen Weg für die Zukunft des Wohnbaus: Klimaschutz muss nicht ausschließlich über Neubau funktionieren. Gerade der bestehende Wohnungsbestand bietet ein enormes Potenzial für Dekarbonisierung, Energieeinsparung und Anpassung an den Klimawandel.
Die Wohnanlage in der Josef-Bierenz-Gasse soll dabei als Pilotprojekt dienen. Die Erfahrungen aus Wiener Neustadt könnten auch für andere Bestandsgebäude relevant sein, bei denen fossile Heizsysteme ersetzt und gleichzeitig Wohnqualität, Energieeffizienz und Klimaanpassung verbessert werden sollen.
Bei der Schlüsselübergabe betonte auch Wiener Neustadts Bürgermeister Klaus Schneeberger die Bedeutung des Projekts. Die Bewohner:innen würden nun in einem Haus leben, das nach nachhaltigen Konzepten adaptiert worden sei. Gleichzeitig gehe es darum, dass auch die Nachbarschaft funktioniere und eine nachhaltige Gemeinschaft entstehe.
Das Projekt zeigt: Klimafitter Wohnbau beginnt nicht erst auf der grünen Wiese. Auch bestehende Siedlungen können Schritt für Schritt zu energieeffizienten, begrünten und lebenswerteren Wohnquartieren werden.