Wenn die Temperaturen steigen, leidet das Gehirn: Neurologen warnen vor Hitzefolgen
Hitzewellen werden mehr. Sie sind nicht mehr nur eine Belastung für Herz und Kreislauf. Auch das Gehirn reagiert empfindlich auf hohe Temperaturen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) warnt deshalb anlässlich des Hitzeaktionstags am 11. Juni vor den oft unterschätzten neurologischen Folgen extremer Hitze und fordert bessere Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Menschen.
Studien zeigen, dass hohe Temperaturen das Risiko für Schlaganfälle erhöhen. Besonders gefährlich sind warme Nächte, in denen sich der Körper nicht ausreichend erholen kann. Forschungen aus Deutschland und anderen Ländern belegen, dass mit zunehmenden nächtlichen Hitzeereignissen die Zahl hitzebedingter Schlaganfälle steigt. Gleichzeitig erhöht sich während Hitzewellen die Sterblichkeit nach einem Schlaganfall.
Aber nicht nur das Schlaganfallrisiko wächst. Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multipler Sklerose (MS), Migräne oder Demenz gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen. Bei Parkinson verschlechtern sich während Hitzeperioden häufig Beweglichkeit und andere Symptome. Auch bei MS ist seit Langem bekannt, dass hohe Temperaturen neurologische Beschwerden verstärken und Krankenhausaufenthalte begünstigen. Menschen mit Demenz entwickeln bei Hitze zudem häufiger Verwirrtheitszustände oder sogar lebensbedrohliche Delirien.
„Viele Krankenhausaufenthalte und Todesfälle könnten durch konsequenten Hitzeschutz verhindert werden“, betont Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die Fachgesellschaft unterstützt daher die Forderung der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen besser auf Hitzewellen vorzubereiten. Nicht klimatisierte Kliniken, Reha-Zentren und Pflegeheime seien angesichts steigender Temperaturen nicht mehr zeitgemäß.
Neben baulichen Maßnahmen sehen Experten auch Chancen in digitalen Lösungen. Forschende arbeiten bereits an einer personalisierten „Schlaganfallwarn-App“, die auf Wetterdaten, Standortinformationen und individuellen Risikofaktoren basiert. Das System könnte tagesaktuell berechnen, wie hoch das persönliche Schlaganfallrisiko bei Hitze ist, und konkrete Verhaltensempfehlungen geben – etwa zur Flüssigkeitszufuhr, körperlichen Aktivität oder zum Aufenthalt in kühlen Räumen.
Die Neurologen betonen jedoch, dass technische Warnungen allein nicht ausreichen. Wer vor Hitze gewarnt wird, muss auch die Möglichkeit haben, sich zu schützen. Deshalb seien öffentliche Kühlräume, klimatisierte Einrichtungen und gezielte Unterstützungsangebote für ältere und kranke Menschen unverzichtbar.
Die Botschaft der Experten lautet: Hitze ist nicht nur ein Wetterphänomen, sondern zunehmend ein Gesundheitsrisiko - auch für das Gehirn. Mit dem fortschreitenden Klimawandel wird wirksamer Hitzeschutz daher zu einer wichtigen Aufgabe, für Gesundheitswesen, Politik und Gesellschaft.