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Wenn das Wasser fehlt: Europas Atomkraftwerke geraten durch die Dürre unter Druck

12.08.2026

Sinkende Flusspegel und steigende Wassertemperaturen setzen Kernkraftwerken in mehreren europäischen Ländern zu.

DonauWasser.jpg
© mikewolf_ pixabay.com
Umweltinitiativen sehen darin eine bislang unterschätzte Schwachstelle der Atomenergie im Klimawandel. Auch Tschechien ist trotz seiner Kühltürme nicht völlig unabhängig von ausreichenden Wasserressourcen.  

Prag  – Europas Dürre wird zunehmend auch zu einem Problem für die Energieversorgung. Sinkende Pegelstände großer Flüsse und ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen setzen Kraftwerke unter Druck, die zur Kühlung ihrer Anlagen auf Flusswasser angewiesen sind. In mehreren Ländern mussten Reaktoren ihre Leistung reduzieren oder vorübergehend abgeschaltet werden.
 

Die tschechische Umweltinitiative OIŽP warnt deshalb vor einer grundlegenden Schwachstelle der Kernenergie: Auch Atomkraftwerke sind auf die Verfügbarkeit von Wasser angewiesen. Gerade in einer sich erwärmenden und zunehmend von Dürreperioden geprägten Klimaregion könne dieser Faktor an Bedeutung gewinnen.
 

„Die aktuelle Situation in Europa zeigt, dass die Kernenergie keine Lösung für die Klimakrise ist, da sie selbst deren Auswirkungen zum Opfer fällt“, sagt OIŽP-Vorsitzender und Sprecher Pavel Vlček.
 

Donau wird zum kritischen Faktor

Besonders angespannt ist die Lage entlang der Donau in Südosteuropa. Die Flüsse führen vielerorts deutlich weniger Wasser, gleichzeitig steigen die Temperaturen. Für Kraftwerke mit Durchlaufkühlung entsteht damit ein doppeltes Problem: Es steht weniger Kühlwasser zur Verfügung und das vorhandene Wasser ist bereits wärmer.

Ein besonders markantes Beispiel ist das ungarische Kernkraftwerk Paks. Die Anlage deckt normalerweise einen erheblichen Teil des ungarischen Strombedarfs. Wegen des niedrigen Donaupegels musste die Leistung der Anlage nach Angaben der Umweltinitiative deutlich reduziert werden.

Auch im rumänischen Kernkraftwerk Cernavodă führte die angespannte Wassersituation zu Einschränkungen. Nach Angaben der OIŽP wurde ein Reaktorblock abgeschaltet, während die Leistung des zweiten Blocks reduziert wurde. Die rumänischen Behörden mussten demnach Maßnahmen ergreifen, um die Wasserzufuhr zu den Kühlsystemen aufrechtzuerhalten.
 

Die Entwicklungen zeigen: Bei Kraftwerken, die unmittelbar auf Flusswasser zur Kühlung angewiesen sind, kann extreme Trockenheit zu einem direkten betrieblichen Risiko werden.
 

Auch Frankreich und die Schweiz betroffen

Das Problem beschränkt sich nicht auf Südosteuropa. Auch in Frankreich und der Schweiz mussten Kernkraftwerke in Zeiten hoher Temperaturen und niedriger Wasserstände ihre Leistung anpassen.

Dabei geht es nicht allein um die verfügbare Wassermenge. Auch die Temperatur des Kühlwassers spielt eine entscheidende Rolle.

Wird Wasser aus einem Kraftwerk erwärmt in einen Fluss zurückgeleitet, gelten für die Einleitung bestimmte Temperaturgrenzen. Diese sollen verhindern, dass die ohnehin unter Druck stehenden Flussökosysteme zusätzlich geschädigt werden. Steigen die Flusstemperaturen während einer Hitzewelle bereits stark an, kann der Spielraum für die Kraftwerksbetreiber deshalb kleiner werden.

Damit entsteht ein Zielkonflikt zwischen Energieproduktion und Gewässerschutz.
 

Tschechien setzt auf Kühltürme

Für Tschechien ist die Situation allerdings nicht unmittelbar mit jener in Frankreich, Ungarn oder Rumänien vergleichbar. Die beiden Kernkraftwerke Temelín und Dukovany arbeiten nicht mit einer klassischen Durchlaufkühlung, bei der große Mengen Flusswasser direkt durch die Anlage geführt und anschließend erwärmt zurückgeleitet werden.

Stattdessen verfügen die Anlagen über Kühltürme und nutzen Wasser aus Speicherseen. Das macht sie gegenüber kurzfristig niedrigen Flusspegeln widerstandsfähiger.
 

Doch auch dieses System benötigt erhebliche Mengen Wasser.

Nach den von OIŽP angeführten Betriebsdaten von ČEZ verdunsten in den Kühltürmen des Kernkraftwerks Temelín durchschnittlich rund 1,65 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Das entspricht etwa 142 Millionen Litern pro Tag, die als Wasserdampf in die Atmosphäre gelangen.

Für die Umweltinitiative stellt sich deshalb die Frage, wie belastbar dieses Kühlsystem bei länger anhaltenden Dürreperioden ist.
 

Dukovany ist auf Wasser aus der Region angewiesen

Auch das Kernkraftwerk Dukovany benötigt große Mengen Rohwasser. Nach Angaben der OIŽP werden jährlich rund 55 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Bereich der Jihlava und des Dalešice-Stausees entnommen.

Wasser, das für die Kühlung benötigt wird, steht damit zumindest teilweise nicht mehr unmittelbar für andere Nutzungen im regionalen Wasserkreislauf zur Verfügung.

Genau hier sieht die Umweltinitiative eine langfristige Herausforderung: Je häufiger und länger extreme Trockenperioden auftreten, desto stärker könnten verschiedene Nutzer miteinander um die knapper werdende Ressource Wasser konkurrieren.

Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Industrie, Ökosysteme und Energieproduktion sind dabei auf dieselben Wasserressourcen angewiesen.
 

Klimawandel verändert die Rahmenbedingungen

Die Diskussion über die Kühlung von Kernkraftwerken ist damit Teil eines größeren Problems: Der Klimawandel verändert die Bedingungen, unter denen die europäische Energieinfrastruktur geplant wurde.

Kraftwerke werden traditionell für bestimmte Temperatur-, Wasserstands- und Versorgungssituationen ausgelegt. Häufigere Hitzewellen und längere Trockenperioden können diese ursprünglichen Annahmen jedoch zunehmend auf die Probe stellen.

Für OIŽP-Sprecher Pavel Vlček ist deshalb auch Tschechien gefordert.

„Das Wasser in der Landschaft geht zur Neige“, sagt Vlček. Große Wassermengen für die Kühlung von Atomkraftwerken zu verwenden, während Landwirtschaft, Städte und Gemeinden gleichzeitig mit Wasserknappheit kämpfen, sei langfristig nicht tragbar.

Die Umweltinitiative plädiert daher für einen stärkeren Ausbau von Wind- und Solarenergie, die im Betrieb deutlich weniger Wasser für die Stromerzeugung benötigen.
 

Wasser wird zur strategischen Energiefrage

Die Debatte zeigt einen bislang weniger beachteten Zusammenhang zwischen Klimawandel und Energieversorgung: Nicht nur die Stromerzeugung beeinflusst das Klima -  auch die Folgen des Klimawandels können die Stromproduktion selbst beeinträchtigen.

Für Europa bedeutet das eine neue Herausforderung bei der Planung des künftigen Energiesystems. Die Frage lautet nicht mehr nur, wie viel Strom ein Kraftwerk erzeugen kann, sondern zunehmend auch, unter welchen klimatischen Bedingungen es zuverlässig betrieben werden kann.

Die OIŽP fordert deshalb, hydrologische Risiken stärker in die langfristige Energieplanung Tschechiens einzubeziehen. Insbesondere beim Bau neuer Atomkraftwerke müsse berücksichtigt werden, wie sich Wasserverfügbarkeit, Temperaturen und Dürreperioden in den kommenden Jahrzehnten entwickeln könnten.
 

Denn eines wird angesichts der aktuellen Entwicklungen immer deutlicher: Wasser ist nicht nur eine Ressource für Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung. Es wird  immer mehr auch zu einem entscheidenden Faktor für die Sicherheit der europäischen Energieversorgung.

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