Weniger ist mehr: Freiwillige pflegen Bergwald und Alm hoch über Maria Alm
Auf der Oberhochreit Alm bei Maria Alm geht es um mehr als das Entfernen junger Fichten: Die Helferinnen und Helfer schaffen Raum für Artenvielfalt und machen die Alm fit für die Herausforderungen des Klimawandels.
Auf fast 1.720 Metern Seehöhe ist die Arbeit unmittelbar mit der Landschaft verbunden. Vom 30. August bis 5. September 2026 greifen sieben Freiwillige auf der Oberhochreit Alm zu Motorsäge, Astschere und anderen Werkzeugen. Im Rahmen des Almprojekts kümmern sie sich um Flächen, die ohne regelmäßige Pflege langsam ihren offenen Charakter verlieren würden.
Ihre Aufgabe klingt zunächst unspektakulär: schwenden. Junge Fichten werden entfernt, verbuschte Flächen wieder geöffnet und Totholz zur Seite geräumt. Doch hinter der Handarbeit steckt ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der alpinen Kulturlandschaft.
Offene Almflächen sind wertvoller Lebensraum
Würden die Almflächen nicht regelmäßig gepflegt, könnten junge Fichten und andere Gehölze die offenen Weideflächen zunehmend zurückerobern. Damit würden jene Lebensräume verschwinden, die über Jahrhunderte durch die Bewirtschaftung der Almen entstanden sind.
Für zahlreiche Pflanzen und Tiere sind die offenen, artenreichen Almwiesen besonders wertvoll. Das Schwenden soll deshalb nicht einfach „aufgeräumte“ Landschaft schaffen, sondern Lebensräume erhalten und die Biodiversität sichern.
Die entfernten Fichten werden an Sammelplätzen aufgeschichtet und zu einem späteren Zeitpunkt kontrolliert und unter behördlicher Aufsicht verbrannt.
Pflege als Anpassung an den Klimawandel
Für Almbesitzer Dominik Widauer ist das Projekt eine Investition in die Zukunft. Der 39-Jährige hat die Verantwortung für die Alm nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2015 übernommen.
„Damit will ich meinen Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise leisten“, sagt Widauer. Gleichzeitig gehe es ihm darum, die Alm langfristig als artenreichen und gut bewirtschaftbaren Lebensraum zu erhalten.
Denn Klimawandel und veränderte Bedingungen in den Bergen stellen auch die traditionelle Almwirtschaft vor neue Herausforderungen. Eine vielfältige Vegetation und gepflegte Weideflächen können dabei helfen, die Widerstandsfähigkeit der Landschaft zu erhöhen.
Damit die nun freigelegten Flächen nicht schon bald wieder verbuschen, wurde gemeinsam mit Fachleuten ein langfristiger Pflegeplan entwickelt. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei ein gezielter Weidedruck: Durch mehr Tiere auf bestimmten Flächen sollen unerwünschte Pflanzen zurückgedrängt und die offenen Almflächen dauerhaft erhalten werden.
Eine Woche ohne Straße, Lift und Luxus
Für die Freiwilligen bedeutet der Einsatz nicht nur körperliche Arbeit, sondern auch eine Woche weitgehend abseits des Alltags. Untergebracht sind sie direkt auf der Oberhochreit Alm, einer einfachen Selbstversorgerhütte mitten in der Berglandschaft.
Die Hütte selbst erzählt ein Stück Familien- und Regionalgeschichte. Sie wurde 1942 vollständig aus lokalem Holz und ohne den Einsatz von Maschinen errichtet. Bis heute führt weder eine asphaltierte Straße noch ein Lift direkt dorthin.
Eigenes Quellwasser, Stille und ein weiter Blick über die Bergwelt bestimmen den Aufenthalt. Besonders eindrucksvoll ist der Blick auf ein Wolkenmeer bei Sonnenuntergang oder der freie Sternenhimmel in der Nacht. Was andernorts als fehlender Komfort empfunden werden könnte, wird hier zum eigentlichen Luxus: Ruhe, Natur und Zeit.
Ein Ort mit Geschichte
Die Verbindung der Familie zur Alm reicht weit zurück. Bereits im Alter von zwölf Jahren war der Vater des heutigen Betreibers allein auf der Alm. Er kümmerte sich um die Kühe, molk sie und brachte die Milch zur Abholstelle.
Aus dieser frühen Verantwortung entstand eine lebenslange Beziehung zu dem abgelegenen Ort. Heute wird diese Geschichte auf andere Weise fortgeführt: Die Alm soll nicht nur bewirtschaftet, sondern auch als wertvoller Natur- und Lebensraum erhalten werden.
Davon zeugen auch die zahlreichen Einträge im Hüttenbuch. Wanderer und Besucher haben dort über die Jahre ihre Dankbarkeit für die Ruhe und Ursprünglichkeit des Ortes hinterlassen.
Handarbeit für die Zukunft
Das Almprojekt zeigt, dass Naturschutz nicht immer mit großen technischen Lösungen beginnen muss. Manchmal braucht es vor allem Zeit, viele helfende Hände und das Wissen, wann weniger mehr ist.
Weniger junge Fichten auf der Weide bedeutet mehr offene Fläche. Weniger Verbuschung bedeutet mehr Lebensraum. Und weniger Eingriffe in die ursprüngliche Umgebung der Hütte bedeutet, dass ein Stück alpine Kulturlandschaft seinen Charakter bewahren kann.
Die sieben Freiwilligen leisten dafür eine Woche lang körperlich anstrengende Arbeit. Ihr Ziel ist langfristig: eine artenreiche, bewirtschaftbare Alm, die auch unter den Bedingungen des Klimawandels Bestand haben kann.