Wald: Von der Kohlenstoffsenke zum Motor der Grünen Wirtschaft
Während sich die Staats- und Regierungschefs zur COP30 in Brasilien versammeln, rückt erneut ein zentrales Thema in den Fokus: die Zukunft der Wälder. Längst gelten sie nicht mehr nur als Kohlenstoffsenken, sondern als lebendige Systeme, die entscheidend für die Gesundheit des Planeten und eine nachhaltige Entwicklung sind.
Der italienische Klimaforscher und IPCC-Autor Prof. Riccardo Valentini vom CMCC (Euro-Mediterranean Center on Climate Change) warnt jedoch: „Das Stoppen der Abholzung reicht nicht mehr. Wir brauchen ein neues globales Paradigma für nachhaltige Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Landnutzung.“
Ein Hoffnungsträger könnte die neue Initiative „Tropical Forests Forever Facility (TFFF)“ sein, die Finanzmittel in den Schutz tropischer Wälder lenken und zugleich über CO₂-Märkte und nachhaltige Investitionen wirtschaftliche Erträge schaffen soll. „Dieses Instrument könnte eine neue Phase der grünen Wirtschaft einläuten – vorausgesetzt, es gibt den politischen Willen, es auch umzusetzen,“ betont Valentini.
Bisherige Initiativen zielten vor allem darauf ab, Abholzung zu stoppen - ein Prozess, der über zehn Prozent der globalen Emissionen verursacht. Nun müsse es, so Valentini, darum gehen, die Gesundheit und Widerstandsfähigkeit der Wälder zu stärken: „Gesunde Wälder speichern nicht nur mehr Kohlenstoff, sie sichern auch Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und Wasserhaushalt.“
Ein zentraler Punkt bleibe die verlässliche Messung der Kohlenstoffbindung. Ungenaue oder intransparente Daten könnten leicht zu „Greenwashing“ führen. „Wissenschaft ist entscheidend für Glaubwürdigkeit. Wir brauchen transparente und überprüfbare Methoden, um die tatsächliche CO₂-Aufnahme zu bestimmen,“ sagt Valentini.
Am CMCC werden dazu hochentwickelte Modelle und Beobachtungssysteme entwickelt, die Satellitendaten, künstliche Intelligenz und Feldmessungen kombinieren.
Ein Großteil der tropischen Abholzung geht auf nicht nachhaltige Landwirtschaft zurück. „Oft werden Wälder für kurzfristige Produktion auf armen Böden gerodet, was rasch zu Erosion und Verlust der Artenvielfalt führt,“ erklärt Valentini.
Er fordert einen grundlegenden Wandel hin zu regenerativer Landwirtschaft, die Produktivität mit dem Schutz von Ökosystemen verbindet. Ein Beispiel sei die neue EU-Verordnung zum Carbon Farming, die seit Ende 2024 Land- und Forstwirtschaft als zentrale CO₂-Senken anerkennt und neue Einnahmequellen über Kohlenstoffmärkte eröffnet.
Neue digitale Beobachtungssysteme und KI-gestützte Modelle könnten laut Valentini helfen, die Unsicherheiten des Klimawandels zu verstehen und gezieltere Politiken zu ermöglichen. „Wir leben im Zeitalter der digitalen Beobachtung. Diese Technologien können das Vertrauen schaffen, das für wirksame Politik nötig ist.“
Seine Vision: ein globaler Ansatz, der Waldschutz, nachhaltige Landwirtschaft und technologische Innovation miteinander verbindet – als Grundlage einer grünen, widerstandsfähigen Wirtschaft.
„Unsere Zukunft hängt davon ab, wie gut wir diese lebenswichtigen Systeme verstehen und pflegen,“ sagt Valentini. „Die Biosphäre unterstützt uns – aber nicht bedingungslos.“