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Vom Schwund zum Zerfall: Gletscherbericht zeigt dramatische Entwicklung in den Alpen

14.03.2026

94 von 96 Gletschern ziehen sich zurück. Die aktuelle Bilanz des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) ist mehr als ein Warnsignal – sie ist das Protokoll eines sterbenden Hochgebirges.

Alpenverein Berglasferner 20250920 Martin Stocker-Waldhuber-5.jpg
Berglasferner, Stubaier Alpen. © ÖAV Gletschermessdienst/Martin Stocker-Waldhuber

Wenn Eisriesen wie die Pasterze oder der Alpeiner Ferner jährlich über 100 Meter einbüßen, ist die Zeit des bloßen Beobachtens vorbei. 

Der Zustand der österreichischen Gletscher lässt sich im Jahr 2026 kaum noch mit dem Wort „Rückzug“ beschreiben. Experten sprechen immer mehr von einem strukturellen Zerfall. Der aktuelle Gletscherbericht 2024/25  zeigt, dass die heimischen Eisflächen nicht mehr nur schrumpfen, sondern in ihrer Substanz kollabieren. 

Die nackten Zahlen des Verlusts

Trotz vereinzelter Abkühlungsphasen bleibt der Trend verheerend. Von den 96 beobachteten Gletschern haben sich 97 % verkleinert. Nur zwei hielten ihre Position – ein statistisches Rauschen in einer ansonsten eindeutigen Abwärtskurve.

  • Mittlerer Rückgang: -20,3 Meter (der achthöchste Wert der 135-jährigen Messgeschichte).

  • Spitzenreiter im Schmelzen: Der Alpeiner Ferner in Tirol verzeichnete ein Minus von 114,3 Metern, dicht gefolgt vom Stubacher-Sonnblick-Kees in Salzburg mit 103,9 Metern Verlust.

  • Das Schicksal der Pasterze: Österreichs größter Gletscher steht kurz vor einer historischen Zäsur. Die Verbindung zwischen der Hauptzunge und dem höhergelegenen Nährgebiet (der „Hufeisenbruch“) droht abzureißen. Die Pasterze wäre damit zweigeteilt; ihre Zunge würde als isolierter „Toteiskörper“ dem endgültigen Abschmelzen entgegen dämmern. 



Warum das Eis kapituliert: Zu warm, zu trocken, zu schutzlos

Die Ursachen für dieses Rekordsterben liegen in einer fatalen Kombination meteorologischer Faktoren. Das „Gletscherhaushaltsjahr“ war geprägt von:

  • Einem schneearmen Winter: Die schützende Schicht, die das Eis vor der Sommersonne bewahrt, fehlte vielerorts.

  • Extremer Hitze: Der Juni war fast 5 °C zu warm. Insgesamt lagen die Temperaturen im Hochgebirge 2 °C über dem Schnitt.

  • Wassermangel: Ein Niederschlagsdefizit von rund 25 % verhinderte die Regeneration der Eismassen.

„Viele Gletscher verlieren inzwischen so viel Substanz, dass sie auf kurzfristige Abkühlungen kaum noch reagieren“,
erklärt Gerhard Lieb vom Gletschermessdienst. Das System hat seine Resilienz verloren.

Alpenverein Eistunnel-Wildgerloskees Sepp-Nussbaumer.jpg
Eistunnel wie dieser am Wildgerloskees (Zillertaler Alpen) zeugen von fortschreitendem Eiszerfall. © ÖAV Gletschermessdienst/Sepp Nussbaumer
Mehr als nur schwindende Ästhetik

Der Zerfall der Gletscher ist kein rein optisches Problem für Postkarten-Panoramen. Die Folgen greifen tief in den alpinen Lebensraum ein:
  • Sicherheitsrisiko: Instabile Felsstufen und zusammenstürzende Gletscherzungen erhöhen die Gefahr von Naturereignissen.

  • Infrastruktur: Wanderwege und alpine Hütten geraten durch den instabilen Untergrund in Gefahr.

  • Wasserhaushalt: Die natürlichen Wasserspeicher der Alpen verschwinden, was langfristig die Trinkwasserversorgung und Energiegewinnung beeinflussen wird.  

     

Ein Appell an Gesellschaft und Politik

Für den Alpenverein ist der Bericht ein klarer Auftrag. Nicole Slupetzky, Vizepräsidentin des ÖAV, betont, dass Resignation keine Option sei. Es gehe nicht mehr um die Rettung der Gletscher in ihrer „alten Form“, sondern um Schadensbegrenzung für die kommenden Generationen.

Die Forderung ist deutlich:   Ein radikales Umdenken im persönlichen Verhalten und eine mutige Klimapolitik, die den Naturschutz nicht gegen wirtschaftliche Interessen ausspielt. Die Alpen, wie wir sie kennen, verabschieden sich gerade – es liegt an uns, wie viel von ihnen wir noch bewahren können.

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Berglasferner, Stubaier Alpen. © ÖAV Gletschermessdienst/Martin Stocker-Waldhuber

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Eistunnel wie dieser am Wildgerloskees (Zillertaler Alpen) zeugen von fortschreitendem Eiszerfall. © ÖAV Gletschermessdienst/Sepp Nussbaumer