Versorgungsnotstand oder Polit-Poker?
Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó bestätigte am 18. Februar 2026, dass ein entsprechendes Gesuch in Brüssel eingereicht wurde. Ziel ist die Aktivierung einer EU-Sonderregelung, die Binnenländern den Bezug von russischem Öl per Tanker gestattet, sollte die Versorgung über Pipelines unterbrochen sein.
Da die traditionelle Route durch die Ukraine blockiert bleibt, setzt Budapest nun auf die Infrastruktur im Süden. Eine erste Öllieferung ist laut Szijjártó bereits auf dem Seeweg unterwegs:
Ankunft in Kroatien: Voraussichtlich Anfang März. Weiterleitung: Per Pipeline nach Ungarn und in die Slowakei innerhalb von 5 bis 10 Tagen nach Ankunft.
Szijjártó betonte, dass man „keine Gefälligkeiten“ erwarte, sondern lediglich die Einhaltung bestehender EU-Regeln durch Kroatien fordere. Kroatien signalisierte laut mehren Medienberichten bereits grundsätzliche Bereitschaft, den Transit zu ermöglichen.
Der Vorstoß aus Budapest und Bratislava löst in den betroffenen Hauptstädten höchst unterschiedliche Reaktionen aus. Die Gemengelage ist komplex:
Die Reaktion aus Brüssel: SkepsisDie EU-Kommission steht vor einem Dilemma. Einerseits existieren die rechtlichen Ausnahmeregelungen für Binnenstaaten. Andererseits verfolgt Brüssel das strategische Ziel, die Abhängigkeit von Moskau bis 2027 vollständig zu beenden.
Prüfauftrag: Es ist damit zu rechnen, dass die Kommission prüfen wird, ob die Unterbrechung der Druschba-Pipeline tatsächlich eine „unvorhersehbare Notlage“ darstellt oder ob Ungarn und die Slowakei in den letzten Jahren schlicht zu wenig in alternative Quellen investiert haben.
Transitgebühren: Brüssel könnte darauf dringen, dass die Nutzung der kroatischen Pipeline nicht als dauerhaftes Schlupfloch, sondern als strikt befristete Notlösung deklariert wird.
Für die Ukraine ist der Transitstopp ein legitimes Mittel im Abwehrkampf. Aus Kiewer Sicht ist jede Tonne russisches Öl, die europäische Raffinerien erreicht, eine direkte Finanzierung russischer Raketenangriffe.
Druckmittel: Kiew nutzt den Transitstopp als Hebel, um den politischen Druck auf Budapest zu erhöhen, das in der EU regelmäßig Hilfspakete für die Ukraine blockiert oder verzögert.
Vorwurf der Erpressung: Den Vorwurf von Robert Fico und Péter Szijjártó, der Stopp sei „rein politisch“, kontert Kiew generell meist mit dem Hinweis auf die Zerstörung der eigenen Energieinfrastruktur durch Russland.
Für Kroatien bietet die Situation eine wirtschaftliche Chance. Die Adria-Pipeline (JANAF) gewinnt massiv an strategischer Bedeutung. Kroatien wird jedoch darauf achten, seine Position innerhalb der EU nicht zu gefährden und die Durchleitung eng mit der Kommission abzustimmen, um nicht als „Gehilfe“ Russlands dazustehen.
Der Fall zeigt einmal mehr auf, wie tief die Risse innerhalb der EU in der Energiefrage verlaufen. Während Ungarn und die Slowakei auf Versorgungssicherheit und bestehende Verträge pochen, fordern Kiew und weite Teile der EU eine moralische und wirtschaftliche Abkehr von russischen Ressourcen – koste es, was es wolle.
Die Entscheidung der EU-Kommission in den kommenden Tagen wird richtungsweisend sein: Bleiben die Ausnahmeregeln ein Schutzschild für abhängige Staaten, oder werden sie zum Auslaufmodell erklärt?
Hintergrund: Die russische Staatskasse speist sich zu einem Großteil aus dem Export von Öl und Gas - immer noch! Während Westeuropa den Umstieg weitgehend vollzogen hat, bleibt die Energiefrage in Mitteleuropa, vor allem in Staaten wie Ungarn oder der Slowakei, ein diplomatisches Minenfeld.