Verbrenner verschrotten - und zwar früher: Studie stellt bisherige Annahmen auf den Kopf
Die Forscher J. Elliott Campbell und Roland Geyer haben untersucht, wann es für das Klima besser ist, einen noch funktionierenden Pkw mit Verbrennungsmotor aus dem Verkehr zu ziehen und durch ein batterieelektrisches Fahrzeug zu ersetzen. Das Ergebnis ist deutlich: In den meisten untersuchten Szenarien senkt ein vorzeitiger Austausch die Treibhausgasemissionen – und zwar selbst dann, wenn der Verbrenner noch relativ neu ist.
Der entscheidende Punkt ist die Lebenszyklusbilanz. Elektroautos verursachen zwar bei Herstellung und insbesondere bei der Batterieproduktion zunächst höhere Emissionen. Dafür fallen im späteren Betrieb deutlich weniger Emissionen an. In CO₂-armen Stromsystemen verursachen batterieelektrische Fahrzeuge laut Studie nur etwa ein Drittel der Treibhausgasemissionen vergleichbarer Verbrenner.
Besonders deutlich wird der Effekt am Beispiel eines durchschnittlichen SUV in den USA. Wird der Verbrenner über die gesamte angenommene Lebensdauer von 16 Jahren gefahren, fällt die Klimabilanz weit schlechter aus als bei einem frühen Wechsel. Wird das Fahrzeug bereits im zweiten Jahr durch ein Elektroauto ersetzt, können die kumulierten Gesamtemissionen laut Modellrechnung um 44 Prozent sinken. Die zusätzlichen Emissionen für die Produktion des Elektroautos werden dabei nach rund drei Jahren durch die geringeren Emissionen im Betrieb ausgeglichen.
Ganz so einfach ist die Botschaft allerdings nicht. Die Studie sagt nicht, dass jedes funktionierende Auto sofort verschrottet werden sollte. Der Klimavorteil hängt unter anderem davon ab, wie effizient das jeweilige Fahrzeug ist, wie emissionsintensiv der Strom für das Elektroauto erzeugt wird -denn Grünstrom ist natürlich weit ökologischer- und wie hoch die Emissionen bei der Batterieproduktion sind.
In der Modellierung erzielten allerdings 92 Prozent der untersuchten Fahrzeugszenarien eine Netto-Emissionsreduktion durch die vorzeitige Stilllegung und den Ersatz durch ein Elektroauto.
Auch die gefahrenen Kilometer spielen eine Rolle. Als Schwellenwerte nennt die Studie rund 7.054 Kilometer pro Jahr für Pkw, 6.837 Kilometer für SUVs und 10.794 Kilometer für Lkw. Oberhalb dieser Fahrleistungen kann sich der Klimavorteil des Elektroantriebs besonders deutlich auswirken.
Interessant ist auch: Der Austausch besonders effizienter Verbrenner bringt einen geringeren Klimavorteil als der Ersatz durstiger Fahrzeuge. Bei den effizientesten Modellen schrumpft das Einsparpotenzial deutlich. Bei durchschnittlichen und besonders häufig verkauften Fahrzeugen liegt der Vorteil dagegen laut Studie wesentlich höher.
Auch bei Plug-in-Hybriden fällt das Ergebnis deutlich weniger eindeutig aus. In bestimmten Szenarien kann der Austausch eines Plug-in-Hybrids gegen ein reines Elektroauto sogar zu höheren Emissionen führen.
Eine wichtige Einschränkung betrifft den Gebrauchtwagenmarkt. Wird der alte Verbrenner nicht verschrottet, sondern weiterverkauft, fährt er möglicherweise einfach bei einem anderen Besitzer weiter. Dann kann ein Teil des Klimavorteils verloren gehen.
Die Forscher modellierten deshalb auch sogenannte Verdrängungseffekte. Je nach Strommix und Fahrzeugen kann der Klimanutzen verschwinden, wenn der Weiterverkauf des Verbrenners zu einer entsprechenden zusätzlichen Autonutzung führt.
Damit wird auch klar: Eine reine Umtauschprämie reicht nicht unbedingt. Entscheidend ist, was mit dem alten Verbrenner passiert.
Die Ergebnisse könnten deshalb auch für die Verkehrspolitik interessant werden. Die Autoren sehen Potenzial in gezielten Verschrottungs- und Austauschprogrammen, die alte und besonders emissionsintensive Verbrenner aus dem Verkehr ziehen und durch Elektrofahrzeuge ersetzen.
Gleichzeitig betonen sie, dass heutige Förderprogramme wirtschaftlich noch nicht ausreichen, um die Verschrottung jüngerer Verbrenner attraktiv zu machen. Stattdessen sollten begrenzte Fördermittel zunächst dort eingesetzt werden, wo die größten Emissionsreduktionen zu erwarten sind, also bei besonders ineffizienten Fahrzeugen.
Die überraschende Botschaft
Die Studie rüttelt damit an einer lange verbreiteten Faustregel: „Fahr das alte Auto möglichst lange, dann ist es klimafreundlicher, als ein neues zu produzieren.“
Diese Rechnung gilt bei einem Wechsel von einem alten Verbrenner zu einem effizienteren Verbrenner möglicherweise weiterhin. Beim Wechsel vom Verbrenner zum Elektroauto sieht es jedoch anders aus. Die wesentlich niedrigeren Emissionen während der Nutzung können die zusätzlichen Herstellungsemissionen des Elektroautos vergleichsweise schnell ausgleichen.
Das bedeutet nicht: Alte Autos gehören sofort auf den Schrottplatz. Aber: Wer ohnehin über einen Umstieg auf ein Elektroauto nachdenkt, sollte die Klimabilanz nicht allein anhand der bereits investierten Energie und den Materialien des alten Verbrenners beurteilen. Entscheidend sind die Emissionen, die ab dem Wechsel noch entstehen.
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