VCÖ-Studie: Österreich kommt bei der Verkehrsreduktion kaum voran
Dabei wären die Vorteile einer konsequenten Verkehrsreduktion vielfältig: weniger Lärm und Schadstoffe, geringere CO₂-Emissionen, niedrigeren Energieverbrauch sowie attraktivere Ortskerne und Stadtzentren. „Zu viel Autoverkehr belastet Anrainerinnen und Anrainer durch Abgase und Lärm, verursacht Staus und schadet Umwelt und Klima. Umgekehrt profitieren viele, wenn Verkehr reduziert wird – auch jene, die auf das Auto angewiesen sind“, betont VCÖ-Expertin Katharina Jaschinsky.
Das größte Potenzial zur Verkehrsvermeidung sehen die Fachleute bei regelmäßig zurückgelegten Wegen. Besonders hoch wird das Einsparpotenzial bei Arbeitswegen sowie bei Schul- und Ausbildungswegen eingeschätzt. Auch bei dienstlichen Fahrten und im Freizeitverkehr erkennen viele Expertinnen und Experten deutliche Möglichkeiten zur Reduktion des Verkehrsaufkommens. Deutlich geringer fällt das Potenzial hingegen bei Einkaufsfahrten sowie bei Hol- und Bringdiensten aus.
Ein klarer Konsens besteht darüber, welche Maßnahmen am wirksamsten sind, um den Autoverkehr zu verringern. An erster Stelle steht der Ausbau des Öffentlichen Verkehrs: 82 Prozent der Befragten sehen hier ein sehr großes Potenzial, weitere 15 Prozent ein eher großes. Auch der Ausbau der Infrastruktur für Gehen und Radfahren wird als entscheidender Hebel bewertet – 94 Prozent sehen darin ein sehr großes oder eher großes Reduktionspotenzial.
Große Bedeutung messen die Fachleute zudem der Raumplanung zu. Rund 72 Prozent sehen in einer Planung der kurzen Wege ein sehr großes Potenzial, um Autoverkehr zu vermeiden. Zwei Drittel der Befragten halten außerdem eine bessere Nahversorgung, strengere Regeln bei der Umwidmung von Grün- in Bauland, eine Reform der Stellplatzverordnungen, weniger Parkplätze sowie eine Reform der Pendelpauschale für besonders wirksame Maßnahmen.
Als größtes Hindernis für eine wirksame Verkehrsvermeidung nennen 70 Prozent der Fachleute den mangelnden politischen Willen sowie unzureichende gesetzliche Rahmenbedingungen. Mehr als die Hälfte sieht zudem den Widerstand wirtschaftlicher Interessen und kontraproduktive Maßnahmen als zentrale Bremsfaktoren. Dazu zählen etwa der Bau neuer Autobahnen, fortschreitende Zersiedelung sowie klimaschädliche Förderungen wie Steuerbegünstigungen für Diesel oder für die private Nutzung von Dienstwagen.
Die Hauptverantwortung für Veränderungen sehen die Expertinnen und Experten klar bei der Politik: 78 Prozent orten eine sehr hohe Verantwortung auf Bundesebene, 76 Prozent bei Städten und Gemeinden und 74 Prozent bei den Bundesländern.
Große Hoffnungen auf selbstfahrende Fahrzeuge als Lösung für Verkehrsprobleme dämpft die Befragung deutlich. Nur 13 Prozent der Fachleute erwarten dadurch weniger Verkehr, während 57 Prozent sogar von einer Zunahme ausgehen. Ein anderes Bild ergibt sich jedoch, wenn autonome Fahrzeuge vor allem im Öffentlichen Verkehr eingesetzt würden: In diesem Fall rechnen 41 Prozent mit einer Reduktion des Verkehrsaufkommens.
Die VCÖ-Fachpersonenbefragung zeichnet ein klares Bild: Österreich schöpft das Potenzial zur Verkehrsvermeidung bislang nicht aus. Statt technologische Heilsversprechen in den Vordergrund zu stellen, fordern Fachleute vor allem politische Entschlossenheit, einen massiven Ausbau des Öffentlichen Verkehrs, bessere Bedingungen für Gehen und Radfahren sowie eine konsequente Raumplanung. Ohne diese Schritte droht Österreich, bei Mobilitätswende, Klimaschutz und Lebensqualität weiter ins Hintertreffen zu geraten.