Underrated oder Overrated? Wie Privatstiftungen Europas nachhaltige Transformation vorantreiben
Diese Frage stand im Zentrum des Summits „Underrated, Overrated? The Role of Private (Charitable) Foundations and Philanthropy for a Sustainable Europe“, der am 12. Dezember im Haus der Europäischen Union in Wien stattfand. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Blühendes Österreich – BILLA gemeinnützige Privatstiftung diskutierten Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Stiftungswesen über die Rolle philanthropischer Akteure in Zeiten von Klima-, Biodiversitäts- und Vertrauenskrisen.
Der voll besetzte Saal machte deutlich: Der gemeinnützige Stiftungssektor spielt in Österreich und Europa eine zunehmend zentrale Rolle bei der Umsetzung europäischer Nachhaltigkeitsziele – oft abseits der öffentlichen Wahrnehmung, aber mit messbarer Wirkung.
Biodiversität als Basis der Ernährungssicherheit
Im ersten Panel „Nature Positive: How to connect Food Systems and Biodiversity?“ stand das europäische Ernährungssystem im Fokus. Die Botschaft war klar: Biodiversität ist keine ökologische Nebensache, sondern Grundlage für stabile Erträge, Ernährungssicherheit und wirtschaftliche Resilienz.
Der Europaabgeordnete Alexander Bernhuber betonte, dass nachhaltige Landwirtschaft nur gelingen könne, wenn ökologische Ziele mit der Realität bäuerlicher Betriebe verbunden werden. Landwirt:innen müssten naturnah wirtschaften können, ohne existenzielle Risiken einzugehen. Robert Nagele, Vorstand der BILLA AG und von Blühendes Österreich, verwies auf die ökonomische Dimension: Wer den Wert der Natur nicht einpreise, zahle langfristig doppelt. Nachhaltige Lieferketten seien daher kein freiwilliger Zusatz, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit.
Philanthropie als strategischer Partner
Das zweite Panel widmete sich der Frage, welche Verantwortung Privatstiftungen in einer Zeit übernehmen, in der staatliche Budgets unter Druck geraten und gesellschaftliche Spannungen zunehmen. Martin Kotynek, Gründungsgeschäftsführer des Media Forward Fund, hob die Stärke philanthropischer Zusammenarbeit hervor: Gemeinsame Fonds, unabhängige Entscheidungsprozesse und geteilte Risiken ermöglichten schnelle und wirksame Reaktionen – etwa zur Stärkung demokratischer Strukturen.
Suba Umathevan, CEO der Drosos Stiftung, plädierte für eine Philanthropie, die zuhört, verbindet und befähigt. Es gehe nicht darum, Lücken zu stopfen, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Menschen – insbesondere junge – ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten können. Günther Lutschinger vom Verband für gemeinnütziges Stiften unterstrich, dass Stiftungen künftig stärker als strategische Partner in Transformationsprozessen auftreten müssten. Sabine Nallinger von der Stiftung KlimaWirtschaft verwies auf einen entscheidenden Vorteil: die Geschwindigkeit. Gerade bei der Erprobung neuer Ansätze oder der Skalierung erfolgreicher Modelle sei diese Agilität ein Schlüsselfaktor.
Zehn Jahre Blühendes Österreich: Wirkung mit System
Blühendes Österreich blickt auf ein Jahrzehnt konkreter Erfolge zurück: Gemeinsam mit über 300 Projektpartner:innen wurden mehr als 1.300 Hektar ökologisch wertvolle Biotope renaturiert oder verbessert. Gleichzeitig wurde die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, NGOs, Wissenschaft und dem Non-Profit-Sektor gestärkt. Für diesen Ansatz wurde die Stiftung 2022 von der Europäischen Kommission mit dem NATURA-2000-Award ausgezeichnet.
Das Fazit des Summits fiel eindeutig aus: Ein nachhaltiges Europa entsteht nicht durch Einzelakteure, sondern durch neue Allianzen. Wenn Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Stiftungen ihre jeweiligen Stärken bündeln, können Privatstiftungen vom oft unterschätzten Förderer zum echten Gamechanger der Transformation werden.