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TRAMSTADT – Leben an der Straßenbahn

27.11.2006

Angesichts der langen Lebensdauer von Gebäuden sollen Strukturen heute so nachhaltig geplant und gebaut werden, dass in diesen Siedlungen auch zukünftige Generationen ihr Leben auf einem hohen Qualitätsniveau gestalten können und ihre Mobilität langfristi

ja © MVV
ja © MVV
Dazu ist es wichtig, die Stadtentwicklung auf Strukturen auszurichten, die die besten Voraussetzungen für einen nachhaltigen Verkehr, d.h. für Fußgänger, Radfahrer und den öffentlichen Verkehr, bieten.
Ende Oktober 2006 trafen einander in Linz Experten sowie Vertreter aus der Politik und von Initiativen bei der Konferenz TRAMSTADT, die sich mit Strategien für eine solche nachhaltige schienenverkehrsorientierte Siedlungsentwicklung beschäftigte.
Wesentlich ist dabei die Abstimmung von Verkehrsentwicklung und Siedlungsentwicklung, durch Koordinierung des Ausbaus von Nahverkehrsnetzen und der Erweiterung von Siedlungen.
Die besten Bedingungen für einen attraktiven, wirtschaftlich tragfähigen öffentlichen Nahverkehr entstehen durch die Wahl geeigneter Standorte für die zukünftige Siedlungsentwicklung – das heißt, dass Neubauten im Umkreis von Haltestellen in einem Korridor entlang einer Siedlungsachse konzentriert werden.
Dies kann durch die Ergänzung bzw. Erweiterung bestehender Ortsteile um bestehende Haltestellen erfolgen. Die Größe einzelner Ortsteile sollte so begrenzt werden, dass die Haltestelle für Fußgänger bequem erreichbar ist. Statt der noch üblichen weiteren ringförmigen Ausdehnung von Siedlungen sollten für zusätzliche Bewohner neue Ortsteile um neue Haltestellen entwickelt werden. Man könnte solche Ortsteile auch "Tramstadt" nennen.
Als Nahverkehrsmittel für die Erschließung eines Korridors sind Straßenbahnlinien (oder Stadtbahnen, wenn sie mehrere Gemeinden verbinden) mit modernen leisen Niederflurgarnituren am besten geeignet, während bei der Bahn Lärmbelastung und Trennwirkung Probleme darstellen.
Voraussetzung für kurze Wege innerhalb eines Ortsteiles ist eine ausgewogene Mischung von Wohnungen, Arbeitsstätten und Infrastruktureinrichtungen (wie Handels– und Dienstleistungsbetriebe, Schulen, Kindergärten, Sozial–Betreuungsstellen, Kultur– und Sportstätten) in Verbindung mit einer städtischen Dichte, die ausreicht, um sowohl die Infrastruktureinrichtungen als auch ein attraktives Verkehrsmittel wirtschaftlich betreiben zu können.
Ein erster Schritt ist der Ausbau von bestehenden oder der Neubau von Straßenbahn–netzen, wie er derzeit in vielen Städten bzw. Regionen in den USA (z.B. Portland, Denver) und in Europa (z.B. Saarbrücken, Mulhouse, Manchester) geschieht. Auch in Österreich, wo alle bestehenden Straßenbahnnetze entweder schon verlängert wurden oder ein Ausbau geplant ist. Bei der Konferenz wurde über mehrere davon berichtet:
• über das beschlossene Projekt zur Verbindung der Straßenbahn Gmunden mit der Lokalbahn Gmunden – Vorchdorf zu einer Stadt–Regionalbahn, die umsteigefreie Fahrten aus den an der Strecke liegenden Gemeinden zu den wichtigsten Zielen in Gmunden, zu den Schulen und zum Bahnhof Gmunden ermöglicht
• über den Plan zur Errichtung einer Regionalbahnstrecke quer durch Innsbruck, die für die Nachbargemeinden im Westen und im Osten eine direkte Verbindung ins Stadtzentrum schafft
• über Möglichkeiten zur Verlängerung der Salzburger Lokalbahn, zunächst durch den Weiterbau des Tunnels zur Innenstadt und anschließend weiter nach Süden sowie zum Ausbau eines Stadtbahnnetzes im Raum Salzburg (auch grenzüber–schreitend nach Berchtesgaden)
und über die Projekte in Linz, das deshalb auch als Veranstaltungsort gewählt wurde:
• Die notwendige Stadterweiterung wurde am südlichen Stadtrand als Modellsiedlung für Sonnenenergienutzung (SolarCity) durchgeführt. Über das Neubaugebiet Ebelsberg wurde eine neue Straßenbahntrasse zur SolarCity gebaut, auf der eine neue Linie verkehrt, die in die bestehende Trasse einmündet und parallel zur vorhandenen Linie bis zur Endstation im Norden geführt wird. Dadurch sind Ebelsberg und die SolarCity mit dem Bahnhof, dem Zentrum, der Universität und großen Teilen der Stadt verbunden.
• Der Bahnhof wurde zu einer Nahverkehrsdrehscheibe ausgebaut, wo alle Straßen–bahnlinien und viele Buslinien mit dem Regional– und Fernverkehr der Bahn verknüpft sind. Dieser Ort der besten Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Verkehr wurde als Standort für den Neubau des überregional bedeutenden Amtes der Landesregierung gewählt, wo jetzt die meisten Abteilungen konzentriert sind.
Wichtig, aber noch weniger häufig ist, dass parallel zum Ausbau des Liniennetzes die Anpassung der Stadtstruktur erfolgt. Linz hat mit der Umsetzung der oben beschriebenen Projekte damit begonnen.

Das Programm enthielt auch weitere Beispiele für eine schienenverkehrsorientierte Siedlungsentwicklung:

Zwischen Bielefeld und Osnabrück entstand in zwei Schritten die attraktive Regionalbahn "Haller Willem". Der Streckenabschnitt in Nordrhein–Westfalen wurde bereits anlässlich der EXPO 2000 modernisiert, in Niedersachsen ist die Strecke im Jahr 2005 reaktiviert worden. Mehr als 1000 neue Wohneinheiten sind im direkten Einzugsbereich der Strecke bis heute realisiert worden, davon einige mit hohem ökologischem Anspruch („Solarsiedlung Kupferheide„). In Bielefeld entstanden auf einem brachliegenden Gebiet um den Bahnhof Bauten für multifunktionale Nutzung mit den Schwerpunkten Freizeit und Gewerbe (Großkino, Gastronomie, Diskothek, Fitnessstudio, Freizeitbad, Büros).
Das Deutsch–Französische Projekt BAHN.VILLE untersuchte die "Schienengestützte Siedlungsentwicklung und Verkehrsverknüpfung" in je zwei deutschen und französischen Regionen und kam unter anderem zu dem Schluss, dass die regionale Ebene am besten für die Umsetzung des Ansatzes einer schienenorientierten Entwicklung geeignet ist. Bei der Bodensee–Oberschwaben–Bahn (BOB) wurde durch neue Haltestellen für mehrere Siedungsgebiete ein besserer Zugang zur Bahn geschaffen und das Umfeld der Bahnhöfe multifunktional gestaltet, wie in der Stadt Ravensburg, die unter dem Namen „Bahnstadt„ das Gebiet um den Bahnhof großflächig saniert und auf Brachflächen Handel und Gewerbe ansiedelt.
In den USA wurde für eine Siedlungsentwicklung entlang von Strecken des öffentlichen Verkehrs der Begriff "Transit Oriented Development" geprägt. Am weitesten fortgeschritten ist Portland/Oregon, wo die gewählte Regionalregierung mit einem "Transit–oriented Development Implementation Program" nutzungsgemischte Siedlungen an den Haltestellen des ständig erweiterten Stadtbahnnetzes entwickelt. Wie die Siedlung „Orenco Station„ in Hillsboro, einer Nachbargemeinde (suburb) von Portland, die nach den Regeln des „New Urbanism„(einer Architekturrichtung, die Alternativen zur Zersiedlung entwickelte) geplant wurde. In der Umgebung sind viele Arbeitsplätze in High–tech–Betrieben leicht erreichbar. Auch rund um die Hauptstadt Washington gibt es ein gutes Stadtbahnnetz mit Beispielen für Transit Oriented Development wie in Arlington. Insgesamt gibt es zwar einen Trend zu einem Bevölkerungswachstum in den Stadtzentren, aber trotzdem wachsen die zersiedelten autogerechten Städte noch schneller als die am öffentlichen Verkehr orientierten.
Im Rahmen des EU–Projektes ECOCITY (Urban Development towards Appropriate Structures for Sustainable Transport) wurden ökologische Modellsiedlungen für 7 europäische Städte mit einer für den öffentlichen Verkehr günstigen Struktur geplant. Wie zum Beispiel das Projekt in Tübingen, wo an drei verschiedenen nahe beieinander liegenden Standorten (eine Brachfläche, Ergänzungen in einem bebauten Gebiet und unbebautes Grünland) Neubaugebiete für verschiedene Nutzungen in einer städtischen Dichte vorgesehen sind, die durch eine geplante Stadtbahnlinie auf existierenden Bahngleisen verbunden werden sollen.
Bei der Konferenz wurde übereinstimmend festgestellt, dass die Bemühungen zur Abstimmung von Siedlungsentwicklung und Verkehrsinfrastruktur verstärkt werden müssen. Es werden jetzt Gemeinden gesucht, in denen die beschriebenen Strategien in Modellprojekten konsequent umgesetzt werden.
Nähere Informationen unter:
/www.oekostadt.at oder www.bim.at/nav/index1.htm
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27.11.2006 | Autor*in: holler
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