Schweden: Neue Atomkraft nur mit direkter Staatsbeteiligung umsetzbar
Die schwedische Regierung sucht seit dem vergangenen Jahr nach Wegen, um Investoren langfristige Planungssicherheit zu bieten. Hintergrund sind die enormen Investitionskosten und extrem langen Laufzeiten neuer Atomkraftprojekte. Über mehrere Jahrzehnte hinweg können sich politische Mehrheiten, energiepolitische Prioritäten und regulatorische Rahmenbedingungen grundlegend verändern – ein Risiko, das private Investoren nur begrenzt oder gar nicht mehr tragen wollen.
Bemerkenswert ist, dass selbst Vattenfall, Schwedens größter Energieversorger und zu 100 Prozent im Staatsbesitz, neue Atomprojekte nicht alleine stemmen will. In mehreren Medienberichten Steigende Strompreise und ehrgeizige Klimaziele lassen in mehreren EU-Staaten die Debatte über eine Rückkehr zur Kernenergie neu aufleben. In mehreren schwedischen Medien ist nachzulesen, dass Vattenfall CEO Anna Borg meint, dass der schwedische Staat direkt in neue Kernenergieprojekte einsteigen müsse, wenn diese tatsächlich umgesetzt werden sollen. Die finanziellen Verpflichtungen seien schlicht zu umfangreich, um sie ausschließlich über das Unternehmen abzuwickeln.
Damit bestätigt sich, was Kritiker:innen seit Jahren betonen: Neue Atomkraftwerke sind wirtschaftlich kaum ohne massive staatliche Absicherung oder direkte Beteiligung realisierbar – selbst dann nicht, wenn der Betreiber bereits ein Staatsunternehmen ist.
Konkret plant Vattenfall über das mehrheitlich kontrollierte Unternehmen Videberg Kraft den Bau mehrerer sogenannter Small Modular Reactors (SMR). Die Anlagen sollen in der Nähe des bestehenden Atomkraftwerks Ringhals errichtet werden und zusammen eine Leistung von rund 1.500 Megawatt erreichen. Bereits Ende 2024 beantragte das Unternehmen dafür öffentliche Unterstützung.
SMR gelten in der Atomlobby als flexibler und kostengünstiger als klassische Großreaktoren. In der Praxis existieren jedoch bislang kaum kommerziell betriebene Anlagen, und viele Projekte kämpfen mit extremen Verzögerungen und steigenden Kosten. Andere haben Planungen bereits eingestellt.
Während über neue Reaktoren wegen der hohen Kosten noch verhandelt wird, setzt Vattenfall in den kommenden Jahren weiterhin klar auf erneuerbare Energien. Laut Borg soll der Großteil der Investitionen in den nächsten fünf Jahren in Windkraftprojekte und den weiteren Ausbau der Stromnetze fließen. Die wirklich großen Investitionssummen für neue Atomkraftwerke würden erst nach diesem Zeitraum anfallen.
Kostenschätzungen für die geplanten Reaktoren nannte Borg nicht – ein weiteres Indiz für die wirtschaftliche Unsicherheit solcher Vorhaben.
Der schwedische Fall zeigt exemplarisch, vor welcher Realität viele europäische Länder stehen: Atomkraft ist ohne massive staatliche Eingriffe einfach nicht wettbewerbsfähig. Während erneuerbare Energien immer günstiger werden und vergleichsweise kurze Planungs- und Bauzeiten haben, binden neue Atomkraftwerke über Jahrzehnte öffentliche Mittel und politische Aufmerksamkeit. Dies gilt übrigens auch für Frankreich.
Ob Schweden diesen Weg tatsächlich geht, ist noch offen. Klar ist jedoch schon jetzt: Wenn neue Reaktoren gebaut werden, dann auf Kosten und Risiko der öffentlichen Hand – und nicht des Marktes. Sie sind nicht wirtschaftlich!